Noch 16 Tage sind es bis Olympia, als ich mich auf das Sofa lege – zur Vorbereitung auf die Spiele. Die beginnen am 9. Februar in Südkorea. Ich werde von dort berichten, und natürlich werde ich überall der koreanischen Schrift begegnen. Deshalb will ich die Zeichen lernen. Die Sprache werde ich zwar nicht beherrschen. Aber ich will wenigstens Straßenschilder entziffern, Wörter wiedererkennen und aussprechen können, zum Beispiel im Taxi. Mein Herausforderer in dieser Disziplin ist ein hoher koreanischer Beamter aus dem 15. Jahrhundert. Er soll gesagt haben: "Wer klug ist, lernt es bis zum nächsten Morgen, ein Trottel braucht zehn Tage." Es ist acht Uhr morgens – die Uhr läuft.

Ganz einfach soll die koreanische Schrift sein, eine der größten Errungenschaften in der Geschichte der Alphabetisierung. Entwickeln ließ das "Hangul" genannte System König Sejong, Koreas Herrscher im 15. Jahrhundert. Damals benutzten die Koreaner das chinesische Zeichensystem, das Jahrhunderte zuvor ins Land gekommen war. Aber es passte nicht zur koreanischen Grammatik, auch nicht zur Aussprache. Die chinesische Schrift hat für jede kleine Bedeutungseinheit, Morphem genannt, ein eigenes Piktogramm. Ein Wort besteht aus mehreren dieser Zeichen. Das soll selbst König Sejong mühsam gefunden haben – dabei genoss kaum jemand mehr Zugang zu Bildung als er. Sein Ziel: Schrift solle als Kommunikationsmittel allen zur Verfügung stehen, und deshalb müsse sie leicht erlernbar und unmissverständlich sein.

9 Uhr: Ich kann die zehn Vokale des Koreanischen erkennen. Nicht schlecht. Aber zehn Vokale? Was soll daran einfach sein? Das Deutsche hat schließlich nur fünf, mit den Umlauten acht. Und dann sind da ja noch die Konsonanten. Immerhin: Selbst wenn ich trottelverdächtige zehn Tage brauchen sollte, würde ich es noch locker bis Olympia schaffen.

Die Idee, eine allgemein verständliche Schrift zu entwickeln, ist nicht trivial, das zeigt Koreas Nachbarland Japan. Auch dorthin gelangte die chinesische Schrift. Und auch zur japanischen Sprache passte sie nicht. Japanische Gelehrte reagierten auf dieses Problem mit Anpassung. Um etwa die in ihrer Sprache nötigen (und im Chinesischen nicht vorhandenen) grammatischen Fälle und Zeitformen ausdrücken zu können, erweiterten sie die chinesische Schrift um gleich zwei Silbenalphabete. Die Kombination funktioniert. Aber sie ist die wahrscheinlich komplizierteste Schrift der Welt.

Statt einer Reform machten die Koreaner lieber gleich eine Revolution; sie entwickelten ein völlig neues System. Das ermöglichte der ganzen Bevölkerung eine schnelle Alphabetisierung. Aus genau diesem Grund aber versuchten spätere Herrscher den Gebrauch wieder einzudämmen. Und obwohl die Regierungen in Süd- sowie Nordkorea nach dem Zweiten Weltkrieg Hangul zur Unterrichtsschrift machten, bevorzugten stolze Zeitungen und Intellektuelle in Südkorea bis in die siebziger Jahre das chinesische System. Das ist Geschichte, Hangul hat sich durchgesetzt.

Die Schrift funktioniert intuitiv: Jede Silbe wird durch zwei bis drei Symbole dargestellt, die zusammen eine Zeichengruppe ergeben – zuerst oben der Konsonant (oder, falls die Silbe mit einem Vokal beginnt, ein Kringel, der dies signalisiert), darunter oder daneben der Vokal, am Ende gegebenenfalls noch ein Konsonant. Insgesamt gibt es neben den 10 Vokalen 14 Konsonanten.

12 Uhr: Ich hab die 24 Buchstaben drauf! Aber als ich Seite 16 im Lehrbuch des Nationalinstituts für Koreanische Sprache aufschlage, muss ich schlucken. Dort wird auf Englisch erklärt, wie die Buchstaben auszusprechen sind. Da steht etwas von "bilabial" (Laut wird mit beiden Lippen gebildet), von "alveolar" (mit der Zunge am Zahndamm) oder von "glottal" (mit der Stimmritze, auch Glottis genannt). Woher soll ich ohne Logopädieausbildung wissen, wie ich Laute mit dem Zahndamm forme? Im Internet schaue ich mir Hilfsvideos an. Und frage mich, was die Nachbarn denken, falls sie die Laute hören, die ich von mir gebe.

Doch wenn man diese präzisen Regieanweisungen meistert, dann zeigt sich ein weiterer Vorteil des Hangul: Jedem Symbol ist ein Laut eindeutig zugeordnet. Hat man es einmal verstanden, kann man jedes Wort aussprechen. Das ist in vielen Sprachen völlig anders. Im Deutschen sieht man "hoch" und "Loch" die unterschiedliche Aussprache nicht an. Im Englischen klingt das "ea" in break (Pause) und peak (Höhepunkt) völlig verschieden. Jeder Französischlernende hatte schon Probleme mit femme (sprich: famm; Frau) und gemme (sprich: schemm; Edelstein). Und das Japanische ist mit seiner Kombination aus Lautschrift und Piktogrammen schon gar nicht eindeutig. Selbst wenn man ein Wort lesen kann, heißt das nicht, dass man es auch sagen kann: Es gibt oft vier oder mehr verschiedene Möglichkeiten der Aussprache.

18 Uhr: Als ich in anderer Sache einen Interviewtermin an der Freien Universität Berlin habe, kommt der Moment der Wahrheit. An der Tür zum Institut prangen Schriftzeichen. Ich rufe meine koreanische Freundin an, um ihr vorzulesen, was ich sehe: "han-gug-mal". – "Du klingst ein bisschen komisch. Aber hangugmal heißt 'das Koreanische'". Sollte stimmen. Erleichtert lege ich auf. Dürftige Aussprache hin oder her: Für Hangul Tage zu brauchen wäre das eigentliche Kunststück.

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