Schon wieder so eine Anfrage im Posteingang. Man erkennt sie gleich. Höflich hebt sie an, kippt rasch in einen vertraulichen Tonfall, dann folgen meistens noch ein paar schmeichlerische Sätze, bis sie schließlich, auf der Zielgeraden quasi, ins eigentliche Begehr mündet: Dies sei eine Einladung. Ob man denn nicht, bitte schön, einen Artikel, einen Buchbeitrag oder einen Gastkommentar schreiben könne. Ob man denn nicht hier oder dort auftreten, mitdiskutieren, ein Impulsreferat oder gar einen ganzen Vortrag halten wolle. Das Thema sei doch so wichtig, der Auftraggeber so engagiert in der Sache, man rechne mit einem interessierten Publikum, so viele andere tolle Leute würden sicher ebenfalls noch zusagen. Und da wäre es doch großartig, wären Sie auch dabei!

Vor langer Zeit habe ich mich über solche Mails noch gefreut: He, ich bin wichtig! Meine Meinung ist gefragt! Man will mich! Inzwischen jedoch, nach vielen Jahren des Freiberufler-Daseins, überfliege ich diese Nachrichten nur. Ich kenne die Floskeln und die Schmeicheleien, ich ignoriere das Wort "Einladung" und schaue stattdessen, ob das Wort "Honorar" erwähnt wird. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das nicht der Fall. Dann ist klar: Hier will wieder mal jemand was umsonst.

Angeschnorrt werden, und zwar täglich: Mit dieser Alltagserfahrung bin ich als freiberufliche Journalistin nicht allein. Auch anderen Berufsgruppen geht es so. Von Musikern wird erwartet, dass sie für ein Abendessen und ein Bier auftreten; von Fotografinnen, dass sie sich freuen, wenn ihr Bild honorarfrei auf Hochglanzpapier gedruckt wird. Bei Architekten ist es üblich, viele Wochen unbezahlte Arbeit in Wettbewerbe zu stecken. Grafiker, Illustratorinnen, Werbefachleute, Designer werden um aufwendige Entwürfe oder Offerten gebeten, ohne dass klar wird, ob sich daraus je ein konkreter Auftrag ergibt.

Die Schnorrer quatschen uns nicht am U-Bahn-Eingang an. Sie arbeiten in Verlagen, Theatern und Agenturen und beherrschen die Techniken des gepflegten Diskurses. Sie versprechen, man werde groß rauskommen ("Sie können mit einem starken Impact rechnen"). Sie locken mit Gratiswerbung ("Wir schreiben Ihren Namen groß aufs Plakat!"), mit Kontakten ("... eine einmalige Gelegenheit zum Networking"), mit Möglichkeiten zur Selbstvermarktung ("Sie können ja Ihre Bücher mitbringen und verkaufen") und – eventuell – mit lukrativen Folgeaufträgen ("Es wird sich sicher was Spannendes draus ergeben!").

Wie unverschämt das ist, wird einem erst klar, wenn man versucht, sich dasselbe Verhalten in anderen Zusammenhängen vorzustellen. Welcher Verlag käme auf die Idee, die Druckerei zu fragen, ob sie die Zeitung nicht gratis drucken wolle? Welcher Veranstalter würde davon ausgehen, dass der Tontechniker sich drauf freut, einen Abend lang unbezahlt am Mischpult zu stehen, statt mit seinen Kindern auf dem Wohnzimmerboden gemütlich Tier-Memory zu spielen? Die Miete, die Brötchen fürs Buffet, der Strom für die Beleuchtung – all das hat selbstverständlich seinen Preis. Mit ebenso harter Währung wird auch die Bürokraft bezahlt, die die Einladungen für die Veranstaltung verschickt; die PR-Agentur, die sie bewirbt. Alles Beiwerk kriegt seine fixe Buchungszeile im Finanzplan. Bloß für den Kern – den Inhalt, das Programm – ist kein Budget vorgesehen.

"Wir haben kein Geld", heißt es dann, "die Krise, die Kürzungen, die wirtschaftliche Situation, ihr wisst schon. Sitzen wir nicht alle in einem Boot?" Nein, sitzen wir nicht. Die Kreativen sind nämlich die Einzigen, von denen man verlangt, dass sie den lecken Kahn mit Gratisleistungen über Wasser halten.

Was läuft da schief?

Zuerst einmal hat das mit der systematischen Geringschätzung kreativer Arbeit zu tun. Zwar bewundert die Gesellschaft Leute, die was mit Kunst oder Medien machen, aber sie nimmt sie nicht ernst. Wer seinen Neigungen folgt, steht schnell im Verdacht, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Schreiben, zeichnen, komponieren, basteln – das macht doch angeblich Spaß. Leute, denen das im Blut liegt, tun es ohnehin den ganzen Tag, die können gar nicht anders. Wenn einem Songwriter der Refrain für ein neues Lied frühmorgens unter der Dusche einfällt – dann kann der kreative Prozess ja nicht sehr anstrengend gewesen sein! Und die "Kreativen" wehren sich nicht gegen die Missachtung ihrer Tätigkeit. Im Gegenteil: Sie befördern sie allzu oft selbst.

Die Kunst, die Idee, die Weltveränderung – die großen Sachen, an denen sie dran sind, wollen sie nicht durch schnöde Groschenzählerei klein machen. Geld sei ihnen "gar nicht so wichtig", behaupten sie gern. Als Postmaterialisten schämen sie sich, auch nur darüber zu reden. Verhandeln, Preislisten schreiben, konkrete Zahlen nennen – das klingt in ihren Ohren peinlich, es ruiniert ihre Glaubwürdigkeit. Ein Weltverbesserer, der bedürftig ist? Eine engagierte Autorin, die zugibt, dass sie auch von was leben muss? Wie kleinlich ist das denn!

Wir müssen lernen, über Geld zu reden

Hinzu kommt, dass die meisten Kreativen unfähig sind, den Wert ihrer Leistung nüchtern zu bemessen. Die Zahnärztin kann genau vorrechnen, wie viel der Stiftzahn kostet. Der Installateur weiß, wie viel er für das Material, wie viel er für seine Arbeitsstunde und wie viel er für die Wegzeit berechnen muss. Wenn die Friseurin täglich zehn Haarschnitte macht, weiß sie, es wird ein profitabler Tag. Kreative hingegen können selten beziffern, wie viel ihre Arbeitsstunde ungefähr wert ist. Zudem weiß man nie, wie lange man brauchen wird. Und wenn die zündende Idee eben nicht gleich morgens unter der Dusche kommt, schämt man sich später zu sagen: An diesem Satz habe ich eine Woche lang gebastelt. Deswegen druckst man rum, weicht der Honorarfrage aus, flüchtet sich in unkonkrete große Gesten ("Da werden wir uns schon irgendwie einig werden") – und muss sich später fragen, wie man seine – sehr konkreten – Zahnarzt- und Installateurrechnungen bezahlen soll. Doch sobald dann wieder eine dieser charmanten Einladungen ins Haus flattert, vergisst man sofort den Berg unbeglichener Rechnungen und akzeptiert die Ersatzwährung, die statt Geld geboten wird: Aufmerksamkeit. Was weit weniger irrational und eitel ist, als es klingt.

Das Kapital der Kreativen, so lautet das Gesetz der Aufmerksamkeitsökonomie, ist nun mal die eigene Marke. Deren Wert kann man steigern, indem man möglichst häufig sichtbar ist, und irgendwann – so lautet das Versprechen – lässt sich der Bekanntheitsfaktor in lukrative Engagements umwandeln. Wir bezahlen dich nicht mit Geld, sondern mit Zugang zu einem großen Publikum: Die Huffington Post, ein amerikanisches News-, Stars- und Kolumnen-Portal im Netz, hat dieses Geschäftsmodell vor 15 Jahren erfunden. Heute wird es auf der ganzen Welt nachgeahmt, von seriösen großen Institutionen ebenso wie von obskuren Vereinen, befeuert durch die Möglichkeiten, die sich via Social Media eröffnen. Millionen Künstler und Autorinnen, Fotografen, YouTuber, Schauspielerinnen, Musiker, Designerinnen und Blogger sitzen mittlerweile auf ihren Wohnzimmersofas, arbeiten hart daran, ihre öffentliche Präsenz mit allen Mitteln zu maximieren, und hoffen, dass das Versprechen der Aufmerksamkeitsökonomie eines Tages eingelöst wird.

Für einige wenige geht die Rechnung tatsächlich auf. Sie werden prominent, füllen große Hallen. Ihre Bücher werden Bestseller, ihre Kunst funktioniert als Geldanlage. In Interviews erzählen sie dann gerne, wie klein sie angefangen haben, wie sie jahrelang von der Hand in den Mund leben mussten. Und befeuern damit den Ehrgeiz derjenigen, die noch immer hoffen, es ihnen irgendwann nachzutun.

Doch die meisten warten vergeblich auf anständig bezahlte Aufträge, selbst wenn sie hervorragende Kritiken bekommen, permanent ihre Websites aktualisieren und ständig in den sozialen Medien unterwegs sind. Und man kann voraussagen: Spätestens wenn das erste Kind kommt, ein gesundheitliches Problem auftaucht, der vierzigste Geburtstag bevorsteht oder in der Immer-noch-Studentenbude Schimmel entdeckt wird, werden sie das Handtuch werfen und in irgendeinen Angestelltenjob flüchten – wenn sie denn einen finden. Schriftsteller werden Pressesprecher, Künstlerinnen gestalten Werbefolder, Musiker werden Lehrer, endlich kommt regelmäßig Geld aufs Konto. Andere bleiben formal frei, aber verkaufen ihre Seele: an Unternehmen, Lobbys, Parteien, Thinktanks.

Hier gibt es plötzlich gutes Geld für kreative Arbeit, denn hier soll eine Agenda durchgesetzt werden, sei es die Förderung von Biosprit oder die Bewilligung von Glücksspielautomaten. Hier wird fleißig eine große Menge Inhalte produziert, aus denen Verlage, Medien, Bühnen und Veranstaltungshäuser sich bedienen können. Diese Inhalte sind meistens gratis, aber sie sind nicht frei.

Die Frage ist: Wollen wir das, gesellschaftlich gesehen? Wollen wir, dass richtig frei bald nur noch jene sind, die es sich aus irgendwelchen Gründen leisten können, umsonst zu arbeiten: reiche Erben, Privatiers, Rentner, Menschen mit gut verdienenden Ehepartnern?

Falls nicht, bleibt uns nur eins: Wir Kreativen müssen lernen, über Geld zu reden. In knappen, klaren Worten, ohne falsche Scham. Meine Standardantwort auf die eingangs erwähnten Mails besteht mittlerweile aus einem knappen Zweizeiler: "Lieber Herr/Liebe Frau XY, danke für Ihre Anfrage. Im Prinzip gern. Was wäre denn als Honorar vorgesehen?"

Es ist nicht so schwer. Es tut auch gar nicht weh.