Hinzu kommt, dass die meisten Kreativen unfähig sind, den Wert ihrer Leistung nüchtern zu bemessen. Die Zahnärztin kann genau vorrechnen, wie viel der Stiftzahn kostet. Der Installateur weiß, wie viel er für das Material, wie viel er für seine Arbeitsstunde und wie viel er für die Wegzeit berechnen muss. Wenn die Friseurin täglich zehn Haarschnitte macht, weiß sie, es wird ein profitabler Tag. Kreative hingegen können selten beziffern, wie viel ihre Arbeitsstunde ungefähr wert ist. Zudem weiß man nie, wie lange man brauchen wird. Und wenn die zündende Idee eben nicht gleich morgens unter der Dusche kommt, schämt man sich später zu sagen: An diesem Satz habe ich eine Woche lang gebastelt. Deswegen druckst man rum, weicht der Honorarfrage aus, flüchtet sich in unkonkrete große Gesten ("Da werden wir uns schon irgendwie einig werden") – und muss sich später fragen, wie man seine – sehr konkreten – Zahnarzt- und Installateurrechnungen bezahlen soll. Doch sobald dann wieder eine dieser charmanten Einladungen ins Haus flattert, vergisst man sofort den Berg unbeglichener Rechnungen und akzeptiert die Ersatzwährung, die statt Geld geboten wird: Aufmerksamkeit. Was weit weniger irrational und eitel ist, als es klingt.

Das Kapital der Kreativen, so lautet das Gesetz der Aufmerksamkeitsökonomie, ist nun mal die eigene Marke. Deren Wert kann man steigern, indem man möglichst häufig sichtbar ist, und irgendwann – so lautet das Versprechen – lässt sich der Bekanntheitsfaktor in lukrative Engagements umwandeln. Wir bezahlen dich nicht mit Geld, sondern mit Zugang zu einem großen Publikum: Die Huffington Post, ein amerikanisches News-, Stars- und Kolumnen-Portal im Netz, hat dieses Geschäftsmodell vor 15 Jahren erfunden. Heute wird es auf der ganzen Welt nachgeahmt, von seriösen großen Institutionen ebenso wie von obskuren Vereinen, befeuert durch die Möglichkeiten, die sich via Social Media eröffnen. Millionen Künstler und Autorinnen, Fotografen, YouTuber, Schauspielerinnen, Musiker, Designerinnen und Blogger sitzen mittlerweile auf ihren Wohnzimmersofas, arbeiten hart daran, ihre öffentliche Präsenz mit allen Mitteln zu maximieren, und hoffen, dass das Versprechen der Aufmerksamkeitsökonomie eines Tages eingelöst wird.

Für einige wenige geht die Rechnung tatsächlich auf. Sie werden prominent, füllen große Hallen. Ihre Bücher werden Bestseller, ihre Kunst funktioniert als Geldanlage. In Interviews erzählen sie dann gerne, wie klein sie angefangen haben, wie sie jahrelang von der Hand in den Mund leben mussten. Und befeuern damit den Ehrgeiz derjenigen, die noch immer hoffen, es ihnen irgendwann nachzutun.

Doch die meisten warten vergeblich auf anständig bezahlte Aufträge, selbst wenn sie hervorragende Kritiken bekommen, permanent ihre Websites aktualisieren und ständig in den sozialen Medien unterwegs sind. Und man kann voraussagen: Spätestens wenn das erste Kind kommt, ein gesundheitliches Problem auftaucht, der vierzigste Geburtstag bevorsteht oder in der Immer-noch-Studentenbude Schimmel entdeckt wird, werden sie das Handtuch werfen und in irgendeinen Angestelltenjob flüchten – wenn sie denn einen finden. Schriftsteller werden Pressesprecher, Künstlerinnen gestalten Werbefolder, Musiker werden Lehrer, endlich kommt regelmäßig Geld aufs Konto. Andere bleiben formal frei, aber verkaufen ihre Seele: an Unternehmen, Lobbys, Parteien, Thinktanks.

Hier gibt es plötzlich gutes Geld für kreative Arbeit, denn hier soll eine Agenda durchgesetzt werden, sei es die Förderung von Biosprit oder die Bewilligung von Glücksspielautomaten. Hier wird fleißig eine große Menge Inhalte produziert, aus denen Verlage, Medien, Bühnen und Veranstaltungshäuser sich bedienen können. Diese Inhalte sind meistens gratis, aber sie sind nicht frei.

Die Frage ist: Wollen wir das, gesellschaftlich gesehen? Wollen wir, dass richtig frei bald nur noch jene sind, die es sich aus irgendwelchen Gründen leisten können, umsonst zu arbeiten: reiche Erben, Privatiers, Rentner, Menschen mit gut verdienenden Ehepartnern?

Falls nicht, bleibt uns nur eins: Wir Kreativen müssen lernen, über Geld zu reden. In knappen, klaren Worten, ohne falsche Scham. Meine Standardantwort auf die eingangs erwähnten Mails besteht mittlerweile aus einem knappen Zweizeiler: "Lieber Herr/Liebe Frau XY, danke für Ihre Anfrage. Im Prinzip gern. Was wäre denn als Honorar vorgesehen?"

Es ist nicht so schwer. Es tut auch gar nicht weh.