Die schlimmste Strafe für einen Künstler, schlimmer als der elektrische Stuhl, ist der Boykott. Wenn seine Filme nicht mehr gezeigt, seine Bilder verbannt, die Theaterstücke abgesetzt werden, dann ist es ein Tod bei lebendigem Leibe. Das Messer des Boykotts durchschneidet jede Hoffnung: auf Ruhm, Geltung und auf Ewigkeit.

Nun gut, es fließt kein Blut, doch der Kulturkampf, der die Kunstwelt momentan durchzieht und weite Teile der westlichen Gesellschaft aufbringt, ist von ungeahnter Heftigkeit. Es ist ein Streit, der viel verrät über neue Ängste und verblasste Träume. Ein Streit darum, was die Kunst heute noch bedeutet. Und wie weit die Freiheit der Maler, Musiker, Autoren, Schauspieler gehen darf.

Über Kevin Spacey wurde viel berichtet, als im Herbst die ersten Vorwürfe laut wurden, er habe minderjährige Jungen sexuell bedrängt. Nur wenige Tage vergingen, bis man beschloss, seine Rolle in einem bereits abgedrehten Film herauszuschneiden. Das kostete sechs Millionen Dollar, schien die Sache aber wert zu sein. Nicht vor Gericht, auf der Leinwand wurde Spacey der Garaus gemacht.

Ähnliches droht jetzt Matt Damon, weil er einen Bericht der New York Times über den Filmproduzenten Harvey Weinstein und dessen Verbrechen verhindert haben soll. Die Zeitung und Damon bestreiten den Vorwurf, doch hält das fast 30.000 Menschen nicht davon ab, per Petition zu verlangen, den Auftritt des Schauspielers im bald anlaufenden Film Ocean's 8 herauszuschneiden.

Auch die berühmten Fotografen Mario Testino und Bruce Weber trifft ein Boykottaufruf, weil einige Models kürzlich erzählten, sie seien von ihnen sexuell belästigt worden. Große Magazine haben die Zusammenarbeit mit den beiden aufgekündigt. Eine Weber-Retrospektive in Hamburg wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Noch ein Fall von Ächtung: Chuck Close, einem der bekanntesten amerikanischen Maler, teilte die National Gallery in Washington vorige Woche mit, seine fest eingeplante Ausstellung könne nicht stattfinden. Einige Frauen hatten berichtet, Close habe sie in seinem Atelier sexuell belästigt. Der Künstler, der im Rollstuhl sitzt, beteuert seine Unschuld: "Ich werde gekreuzigt."

Ob da wirklich nichts war, muss sich erst erweisen, hoffentlich vor Gericht. Womöglich geschieht es all diesen Männern ganz recht. Womöglich sind sie schuldig geworden und haben ihre Macht missbraucht. Allerdings, auch wenn es so war, bleibt die Frage, warum Kunst jetzt für das attackiert wird, was man Künstlern zur Last legt. Wieso macht man sie zur Geisel und steckt sie ins Kellerloch der Nichtbeachtung?

Viele Fans von Woody Allen, der 1992 seine siebenjährige Adoptivtochter missbraucht haben soll, berichten im Internet, sie wollten und könnten seine Filme nicht mehr sehen. Gerade hat ein Theater in Connecticut eine Allen-Adaption wegen der Vorwürfe aus dem Programm gestrichen. Fraglich ist, ob der Regisseur je wieder einen Film drehen kann. Viele Schauspieler rücken von ihm ab, Studios in Hollywood gehen auf Distanz.

Ähnlich ergeht es Roman Polanski, der 1977 eine 13-Jährige vergewaltigt hatte: Als dem Regisseur kürzlich in Paris eine Retrospektive ausgerichtet wurde, blockierten wütende Demonstranten das Kino und verlangten den Stopp der Aufführungen. Jeder, der dennoch hinging, musste sich unweigerlich fragen, wie es um seine Moral bestellt sei. Ist es nicht verwerflich, die guten Filme eines möglicherweise bösen Künstlers anzuschauen?

Beim Dirigenten James Levine, ebenfalls des Missbrauchs bezichtigt, zweifelt selbst der Musikkritiker der New York Times, ob er dessen grandiose Aufnahmen noch so unvoreingenommen hören könne wie zuvor. Seine Einschätzung: eigentlich nicht.