DIE ZEIT: Herr Söder, als was gehen Sie dieses Jahr an Fasching?

Markus Söder: Das ist in Bayern fast schon eine Art Staatsgeheimnis. Als Ministerpräsident trägt man das sogenannte Ministerpräsidentenkostüm: Smoking und rote Fliege. Aber zur Fastnacht in Franken bin ich es noch nicht. Also könnte es ein der Entwicklung angemessenes Kostüm geben.

ZEIT: Wie suchen Sie Ihre Verkleidung aus?

Söder: Ich passe meine Verkleidung immer an die jeweilige Zeit an. Als die CSU die Frauenquote eingeführt hat, ging ich als Marilyn Monroe. Als es um den Länderfinanzausgleich ging, war ich ein Punk, und auf meinem T-Shirt stand: "Hast Du mal nen Euro?" Der Punk hat es übrigens auf die erste Seite vom Wall Street Journal gebracht. Jetzt denken wohl viele Amerikaner: So sehen bayerische Finanzminister aus.

ZEIT: Sie verhandeln in der Schlussrunde über die große Koalition mit. Was sind Ihre Essentials?

Söder: Erstens wollen wir eine Begrenzung der Zuwanderung und eine effektive Umsetzung des Rechtsstaats. Dazu gehört, dass jeder in unserem Land eine neue Chance bekommt, wenn er anerkannt wird. Wenn aber eine rechtskräftige Ablehnung erfolgt, muss man unser Land wieder verlassen. Bleiberecht und Abschiebung müssen wieder in eine vernünftige Balance kommen. Und zweitens: keine Steuererhöhungen. In Zeiten von Rekordsteuereinnahmen wollen wir Steuern senken, und das nicht nur für wenige: Natürlich muss der beschlossene Abbau des Solis weiter gelten.

ZEIT: Die SPD will auch bei der Befristung von Arbeitsverträgen nachbessern und bei der unterschiedlichen Honorierung von Ärzten bei gesetzlich und privat Versicherten.

Söder: Wir wollen keine Bürgerversicherung, auch nicht durch die Hintertür. Ich war früher Gesundheitsminister und weiß daher, dass eine Bürgerversicherung nicht zu einer Verbesserung der Qualität führt, sondern nur zu einer Erhöhung der Krankenkassenbeiträge für Normalverdiener. Das ist unfair und ungerecht. Und beim Thema Arbeitsmarkt gilt: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Stück für Stück all das zurückdrehen, was an der Agenda 2010 erfolgreich war. Dann wären wir in einigen Jahren in derselben Situation wie Emmanuel Macron heute. Das Wichtigste aber ist, dass wir endlich eine stabile Regierung bekommen, die die große Aufgabe löst, die uns der Bürger mit der Bundestagswahl aufgegeben hat.

ZEIT: Was ist die große Aufgabe?

Söder: Die Schutzfunktion des Staates wieder zu etablieren. Die unbegrenzte Zuwanderung hat die politische Architektur Deutschlands verändert. Ein Teil der Menschen hat Sorge, dass die Sicherheit auf Dauer nicht gewährleistet wird, dass der Rechtsstaat nicht für alle seine Kraft entfaltet und auch, dass sich das kulturelle Leitbild unseres Landes nachteilig verwandelt.

ZEIT: Apropos Leitbild: Alexander Dobrindt will eine konservative Revolution. Sie auch?

Söder: Alexander Dobrindt geht es um eine intellektuelle Auseinandersetzung.

ZEIT: Er beschreibt eine Art Multikulti-Hegemonie, in der sich eine Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr wiederfinde. Meinen Sie, dass die Republik so richtig beschrieben ist?

Söder: Political Correctness ist eine Art Moraltheologie geworden. Wieder mehr die Sprache der Bürger zu sprechen ist ein lohnender Ansatz.

ZEIT: Wenn das stimmen würde: Was sagt denn das über die Union aus? Deutschland wird ja seit zwölf Jahren von einer CDU-Kanzlerin regiert.

Söder: Die gesamte Union muss sich wieder mehr damit beschäftigen, allen bürgerlichen Wählern eine geistige Heimat zu bieten. Es reicht nicht, nur auf Kompromisse zu verweisen. Es braucht eine geistige Haltung dahinter. Es gilt, die Zersplitterung des bürgerlichen Lagers zu überwinden.