Martin Schulz bekommt in diesen Tagen mit voller Wucht eine Eigenart seiner Partei zu spüren, unter der auch andere schon leiden mussten: Die SPD liebt ihre Vorsitzenden sehr kurz sehr heftig, um sie anschließend mit jedem Tag ein bisschen mehr zu verachten. So gilt Gerhard Schröder den Genossen heute als ein neoliberaler Autokratenfreund, der aufs Geld aus sei. Franz Müntefering als ein Politik-ist-Organisation-Bürokrat, der ihnen die Rente mit 67 eingebrockt habe. Matthias Platzeck als Weichei, Kurt Beck als überforderter Provinzler. Und Sigmar Gabriel als der Zickzack-Chef, der alle runterputze. Wie Preisschilder kleben Etiketten der Missbilligung an jenen, denen die Genossen einst zugejubelt haben. Ob sie zutreffen oder nicht, spielt keine Rolle: Schuld am Elend der sozialdemokratischen Welt ist immer der Chef. Und deshalb muss er weg. Diese Sicht ist zwar simpel, doch die Folgerungen daraus sind kompliziert. So macht Gabriel Schulz für den aktuellen Zustand der SPD verantwortlich – und Schulz Gabriel. Und beide haben recht.

Schulz ist aber noch da. Zwar findet man im SPD-Vorstand niemanden mehr, der leuchtende Augen bekommt, sobald man "Martin" sagt. Doch den richtigen Zeitpunkt, den Chef loszuwerden, haben sie verpasst. "Wir hatten am Wahlabend nicht den Mumm, ihm zu sagen, dass es nicht weitergeht", sagt einer der Mutlosen. Und da ihnen auch vor dem Parteitag, bei dem Schulz wiedergewählt wurde, der Mumm fehlte, haben sich die Schulz-Skeptiker nun etwas ganz Schlaues ausgedacht: die Aktion Grüßaugust.

Zu dem Plan gehören drei Schritte. Im ersten betonen Spitzengenossen in Interviews und Talkshows, wie wichtig die Erneuerung der Partei sei und dass sie bei einer neuen Groko auf keinen Fall hinten runterfallen dürfe. Im zweiten wird ein neuer Regierungsstil beschworen: weniger Harmonie, weniger Nachsicht, mehr Ecken, mehr Kanten, mehr Krach. Und im dritten Schritt gehen alle, die Interviewgeber und Talkgäste, zu Schulz und sagen ihm, dass dies alles, die Erneuerung, der Krach, das Regieren, nur Sinn habe, wenn der SPD-Vorsitzende nicht Mitglied einer Groko sei: Wie, lieber Martin, soll sich die Partei erneuern, wenn der Chef permanent regieren muss? Wie, lieber Martin, willst du die Kanzlerin kritisieren, wenn du neben ihr im Kabinett sitzt? Und wie, lieber Martin, willst du eigentlich die SPD retten, wenn du nur an dich denkst? Die SPD hat nur dann eine Zukunft, so wird die Botschaft beim lieben Martin ankommen, wenn er selbst keine hat!

Schulz weiß, dass seine Tage als SPD-Chef gezählt sind, wenn er sich auf diese Logik einlässt. Da Andrea Nahles, die stärkste politische Figur der Genossen, nicht vom Vorsitz der Fraktion weichen will, wäre ein SPD-Vorsitzender Schulz, der nicht der Regierung angehört, der Frühstücksdirektor der Sozialdemokratie. Und ein Chef auf Abruf.

Nachdenken, wie man einen Ortsverein attraktiv macht, während sich die anderen um Europa kümmern? Ein typischer Schulz-Satz dazu wäre: "Da hab ich schon den Kaffee auf, wenn ich das nur höre."

In dieser unbequemen Lage hat Schulz nun zwei Nachteile und zwei Vorteile. Der eine Nachteil besteht darin, dass das Lager seiner Widersacher größer ist, als er denkt. Nicht nur SPD-Vize Olaf Scholz, wie Schulz glaubt, hält ihn für eine Fehlbesetzung, sondern viele andere aus dem engeren Führungszirkel sehen das auch so. Und der zweite Nachteil besteht darin, dass Schulz im Wahlkampf ausgeschlossen hat, einer Regierung Merkel beizutreten. Die Gegner werden daher versuchen, Schulz bei der Glaubwürdigkeit zu packen.

Zu den Vorteilen zählt, dass sich die SPD schon einmal in die Untergliederungen "kompromisslerische Regierungspartei" und "die reine Lehre" aufgespalten hat. Im Jahr 2004 gab Kanzler Schröder den Parteivorsitz an den Fraktionschef Müntefering ab – mit dem Ergebnis, dass ein Teil der SPD weiterregierte und der andere mental in die Opposition ging. Das Modell "Der Chef regiert nicht mit" hat jedoch beide geschwächt, den Vorsitzenden und die Partei. Das ist nicht vergessen.

Der zweite Vorteil von Schulz ist womöglich der entscheidende: Seine Widersacher haben ihre Gelegenheiten am Wahlabend und vor dem Parteitag verpasst. Jetzt bleibt ihnen nur noch der öffentliche Druck, um den Chef zu kippen. Der "Schulz muss draußen bleiben"-Spin ist schon in Gang gesetzt: Ex-Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee forderte bereits einen Verzicht des Vorsitzenden auf Ministerweihen. Die mediale Offensive dürfte folgen, wenn der Koalitionsvertrag steht und die SPD-Mitglieder noch nicht entschieden haben, ob sie ihm zustimmen.

Was kann Schulz dann tun, um Minister und Vizekanzler zu werden? Im Sturm fest bleiben. Wenn die Monate seit der Wahl eins bewiesen haben, dann dies: Im politischen Überleben hat der liebe Martin Kanzlerformat.