Das Bild zeigt eine leere Fläche mit einer Dünung aus Weiß. Eisiger Schnee. Am Horizont Gehöfte, davor Pferdegespanne. Im Vordergrund dieses in die Tiefe des russischen Raumes schauenden Bildes von Natalja Bode steht ein Wegweiser, an dem sich die Schilder verzwirbeln, das oberste, das größte Schild zeigt nach links, nach Stalingrad. Zu Füßen des Wegweisers: ein toter Soldat.

Der Mann liegt auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet. Anmutung von Kreuzabnahme. Seine Wehrmachtuniform – wie ein Haufen leerer Kleider. Der Helm ist vom Kopf gekugelt, was diesen seltsam schutzlos wirken lässt. Aber der Mann lebt ja nicht mehr. Alles ist aus. Es ist Januar 1943, der Kampf um Stalingrad ist so gut wie vorbei, am 2. Februar wird die 6. Armee kapitulieren. Von den rund 230.000 im November 1942 eingekesselten Wehrmachtsoldaten ist mehr als jeder zweite tot. Der Rest geht in die Gefangenschaft, nur 6.000 Männer kommen später wieder nach Hause.

Für all diese deutschen Feinde liegt dieser Soldat hier im Schnee. Es heißt, die Fotografin Natalja Bode habe die Leiche für ihr Foto eigenhändig herbeigeschleift. Kein leichter Job. Ein Bild von ihr zeigt eine kleine Gestalt, eingemummelt in eine Pelzjacke, an ihrer Seite baumelnd die Leica. Ihr Foto vom toten Deutschen ist ein Sinnbild für den Sieg über einen als unbesiegbar geltenden Feind. Für den Triumph der ruhmreichen Roten Armee, für die Wende des Krieges. Für eine Schlacht, die mehr als eine Million Menschen das Leben kostete, darunter 500.000 Soldaten der Roten Armee und Hunderttausende russische Zivilisten.

Natalja Bode war eine von fünf namentlich bekannten Fotografinnen, die in der Roten Armee dienten, fünf von etwa 20 Frauen unter 400 männlichen Fotografen. Die meisten gerieten nach dem Krieg in Vergessenheit, wenn auch 1948 in Moskau 360 Kriegsfotografien ausgestellt wurden, Bilder von 88 Fotografen. Keine Frauen. Noch eine Ausstellung, 1965, wieder ohne Frauen.

Erst 1987 tauchten zwei Fotografinnen in einer Anthologie auf, Olga Lander und Galina Sanko, und dann, 2005, gab es in einer Moskauer Galerie eine erste Ausstellung zu Natalja Bode, von der 200 Bilder überliefert sind, zwölf davon sind jetzt in Berlin zu sehen, in der Ausstellung Kriegsfotografinnen in Europa 1914–1945 des Verborgenen Museums in Charlottenburg. Versammelt sind Fotos von zwölf Frauen, von britischen, deutschen, amerikanischen, französischen Fotografinnen und eben zwei Russinnen, Natalja Bode und Olga Lander.

Unter diesen Frauen waren die Russinnen als Einzige im offiziellen Einsatz, sagt die Historikerin Margot Blank, die ihre Fotos ausgewählt hat. Die Fotografinnen der anderen Kriegsparteien waren dazu verdonnert, hinter der Front zu bleiben. Männersache! Zu früheren Zeiten ohnehin. Es sei denn, die Frauen wagten sich auf eigene Faust in die Schlacht.

Wie die Deutsche Gerda Taro im Spanischen Bürgerkrieg. Gemeinsam mit ihrer großen Liebe Robert Capa berichtete sie mitten aus dem Kampfgeschehen, bis sie 1937 von einem Panzer überrollt wurde. Ihr Foto einer knienden Frau, an den Füßen Pumps, in der Rechten eine Pistole, wurde unsterblich.

Schon im Ersten Weltkrieg gab es mutige Vorläuferinnen, die sich gegen alle Anweisungen in die Nähe der Front durchschlugen. Frauen wie die Britin Elsie Knocker, die spätere Baroness de T’Serclaes – Alleinerziehende, Krankenschwester –, und ihre Freundin Mairi Chisholm, Mechanikerin. Hinter der Frontlinie eröffneten sie in einer Ruine eine private Krankenstation und fotografierten, um mit den Bildern zu Hause Spenden einzutreiben. In der Berliner Ausstellung sieht man Chisholm auf dem First eines zerfledderten Dachs, ein Fernrohr in Richtung Front erhoben – Pervijze, Belgien, 1917. Als die österreichische Reporterin und Fotografin Alice Schalek 1916 an der Front in Tirol auftauchte, ließ sich der große Karl Kraus zu Hasstiraden gegen sie hinreißen. An dieser Front krepierten 500.000 Männer der habsburgischen Truppen, aber diese Schalek, befand der Autor, sei "eines der ärgsten Kriegsgreuel, die der Menschenwürde in diesem Krieg angetan wurden".

Die Bilder der Rotarmistinnen folgten, wie die ihrer Kollegen, dem Auftrag ihrer Arbeitgeber. Die Hauptverwaltung für politische Propaganda der Roten Armee hatte ihn am 23. Juni 1941 formuliert, die Verwaltung für Propaganda und Agitation des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei fasste nach. Aufgabe sei es, "die Menschen an der Front zu zeigen". Kämpfer und Helden! Es ging um Standhaftigkeit und Disziplin, sie sollten bildhaft werden in der Vorstellung des Volkes.