Bis zuletzt hatte der ältere Herr geglaubt, dass es endlich klappen würde mit dem großen Geld. Immer wieder hatte er auf der Videoplattform YouTube öffentlich dokumentiert, wie sich seine Investments vermehrt hatten; und er wirkte dabei manchmal, als könne er sein Glück kaum fassen. Alles dank einer Investment-Plattform namens BitSequence.biz, die ihm drei Prozent Rendite versprochen hatte – täglich. Doch aus dem Traum wurde nichts: Am Freitag vergangener Woche saß der Mann plötzlich vor seinem Bildschirm, starrte ratlos in die Kamera, rieb sich über die Glatze, drückte die Neu-laden-Taste – und nichts geschah. Statt der Homepage der Investmentplattform erschien nur noch eine Fehlermeldung: "Seite nicht gefunden".

An diesem Tag hat die Online-Plattform BitSequence ihre Aktivitäten eingestellt, nachdem zunächst die ZEIT (Nr. 5/18) und kurz darauf auch die Welt über ihre Machenschaften berichtet hatten. BitSequence hatte Investoren absurd hohe Renditen und Boni versprochen und vorgegeben, diese durch den Handel mit Kryptowährungen wie dem Bitcoin zu erwirtschaften. Die Recherchen der ZEIT zeigten jedoch, dass das Unternehmen seine Nutzer offenbar in großem Stil getäuscht hatte: Weder beantwortete die britische Firma Anfragen zum Geschäftsmodell, noch waren ihre Mitarbeiter unter der angegebenen Telefonnummer zu erreichen. Auch an der angegebenen Adresse in der mittelenglischen Stadt Leeds befand sich keine Niederlassung des Unternehmens. Zudem hatte BitSequence Anleger mit zweifelhaften Versprechungen geködert: Wer neue Kunden warb, sollte Provisionen und Boni von bis zu 20 Prozent seines Einsatzes erhalten – zusätzlich zur ohnehin absurd hohen Tagesrendite. Ein Versprechen, mit dem die Macher auch in Deutschland offenbar Einlagen im Wert von vielen Tausend Euro einsammeln konnten.

Doch auch wenn BitSequence inzwischen vom Netz gegangen ist: Mit ähnlichen Versprechen versuchen zurzeit weitere Online-Plattformen, Nutzer auszunehmen, die am Geschäft mit den neuen Kryptowährungen teilhaben wollen. Die Marktwächter-Initiative der Verbraucherzentralen untersucht nach eigenen Angaben Beschwerden über knapp 20 verschiedene Anbieter. Das Problem seien dabei nicht die Kryptowährungen wie der Bitcoin an sich, sondern "unlautere Geschäfte im Umfeld". Also etwa verbotene Schneeballsysteme à la BitSequence – Geschäftsmodelle, die eine ständig wachsende Anzahl an Teilnehmern brauchen und extrem hohe Renditen versprechen, bis sie zwangsläufig zusammenbrechen. Um Betrugsfälle zu identifizieren, gehe man Hinweisen von Anlegern nach und arbeite eng mit dem Bundeskriminalamt und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) zusammen. "Das Feld ist sehr unübersichtlich", sagt Wolf Brandes, Teamleiter der Marktwächter-Initiative bei der Verbraucherzentrale Hessen, "was wir bisher sehen, ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs."

Zumal der Fall von BitSequence auch zeigt, dass die Aufklärung und Verfolgung von Betrugsfällen schwierig werden könnte: Die Plattformen existieren mitunter nur wenige Wochen und lassen kaum Rückschlüsse auf Hintermänner zu.

Indizien legen zudem nahe, dass die Macher von BitSequence an anderer Stelle weiter aktiv oder Teil eines größeren Betrügernetzwerks sein könnten. Im Netz finden sich Websites, die genauso anonym betrieben werden. Die Seiten sind nicht nur optisch ähnlich gestaltet, sondern führen oftmals eine konkrete Postadresse in Großbritannien auf, manchmal auch eine Telefonnummer, unter der niemand zu erreichen ist. Neben dem britischen Königswappen findet sich stets ein Link auf ein Dokument, das den Handelsregistereintrag in Großbritannien dokumentiert; und immer handelt es sich bei der jeweiligen Firma um eine "Limited", die nur mit der Mindesteinlage von einem britischen Pfund gegründet wurde und haftet.

Auffällig auch: Ähnlich wie BitSequence listen die Plattformen in faszinierenden Statistiken auf, wie viele Nutzer sie haben und wie viel Kapital sie schon eingesammelt sowie angeblich wieder ausgezahlt haben, und sie versprechen geradezu unglaubliche Renditen. Eine Firma etwa gibt vor, lebenslange Zahlungen zwischen drei und acht Prozent pro Tag zu leisten; eine andere bietet mehr als 250 Prozent Gewinn nach zwei Tagen; und eine weitere verspricht sogar 251 Prozent Ertrag nach nur vier Stunden, vorausgesetzt, man investiere mindestens 1.000 Dollar.

Wie genau die Plattformen die Rendite erwirtschaften wollen, ist nicht zu erfahren – außer dass sie Geschäfte mit Kryptowährungen beabsichtigen. Absurd hohe Versprechen auf der einen Seite, extrem ungenaue Angaben zum Geschäftsmodell auf der anderen – allein das muss misstrauisch machen.