Wo lernt ein 15-Jähriger heute noch etwas über Pflege? Auf Instagram? In der Großfamilie, die es nicht mehr gibt? In der Nachbarschaft, die anonymer wird? Im Klassenzimmer? Dort ganz bestimmt nicht. Statt mit Jugendlichen über das Thema zu sprechen, lässt man sie lieber endlos Gedichte interpretieren. Was für eine verpasste Chance! Denn es sind die heute 15-Jährigen, die schon bald das Schicksal alter Menschen bestimmen werden: Sie sind die Pfleger und Politiker von morgen, die Handelnden, die Entscheider der Zukunft. Man muss sie rechtzeitig sensibilisieren. Am besten erreicht man sie dort, wo sie sich ohnehin schon aufhalten: im Unterricht. Deutschland braucht ein Schulfach "Pflege" in allen Bundesländern.

Denn die Republik steckt in der Pflegekrise. Dem Arbeitsmarkt mangelt es derzeit mindestens an 30.000 Kräften. Im Jahr 2030 könnten laut einer Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers mehr als 300.000 Pfleger fehlen. Angesichts dessen wirkt das Sondierungspapier der Großen Koalition hilflos. Gerade mal 8.000 zusätzliche Fachkraftstellen sollen kurzfristig in Deutschland geschaffen werden – bei 13.000 Altenpflege-Einrichtungen. Doch woher soll das Personal auch kommen? Der Beruf ist anstrengend und schlecht bezahlt. Er ist nicht glamourös. Neun von zehn Pflegekräften glauben, die Pflege habe in der Politik nur einen geringen Stellenwert, wie der "Care Klima Index 2017" belegt. Kein Wunder, dass dieser Beruf für junge Menschen keine Option ist. Nicht mal die Gesellschaft interessiert sich dafür.

Ein Schulfach "Pflege" hätte deshalb eine enorme symbolische Bedeutung. Es würde das Thema gesellschaftlich aufwerten. Was im Unterricht behandelt wird, sind schließlich die Grundkenntnisse, die ein Jugendlicher zum Leben braucht. Es gibt bislang kein Schulfach, das sich mit einem einzigen politischen Spezialthema befasst. Würde man die Pflege zu einem solchen Fach erheben, würde man anerkennen, dass sie kein Nischenthema ist: Die Pflege ist eine generationenübergreifende Lebensaufgabe der Deutschen.

Für junge Menschen wird das Thema Pflege bislang nur dann relevant, wenn die eigenen Großeltern betroffen sind. Wenn die Oma plötzlich Namen vergisst. Wenn sie stürzt und nicht mehr laufen kann. Wenn die Eltern am Küchentisch über die Finanzen diskutieren und das schlechte Gewissen an ihnen nagt. Dann ist das Thema jedoch emotional aufgeladen und angstbesetzt. Etwas, worüber man lieber nicht reden möchte. Das ist fatal. Junge Menschen sollten die Chance haben, sich dem Thema Pflege unemotional nähern zu können. Spielerisch und aus einer gewissen Distanz heraus. Das geht nur im Klassenzimmer.

Lehrer sollten mit Schülern nicht nur über Goethe und Algebra sprechen, sondern auch über die Solidarität mit alten Menschen. Denn Solidarität versteht sich nicht von selbst, sie will gelernt werden. Früher verbrachten junge Männer ihren Zivildienst in Altersheimen und Behindertenwerkstätten. Sie übernahmen Verantwortung für andere. Sie lernten, was es heißt, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Sie setzten sich mit Themen wie Krankheit und Tod auseinander. Viele hätten sich freiwillig nicht damit beschäftigt – und waren zum Schluss doch dankbar für diese Chance.

Das belegt auch eine Umfrage des Deutschen Jugendinstituts von 2011: Damals berichteten 88 Prozent der ehemaligen Zivildienstleistenden, dass ihre Teamfähigkeit durch diese Erfahrung gestiegen sei. 82 Prozent fiel es leichter, für andere Personen Verantwortung zu übernehmen. 87 Prozent verbesserten ihre Empathie und ihr Verständnis für die Probleme anderer. Wer eine solche Erfahrung gemacht hat, weiß auch die Leistung von Pflegern ganz anders zu schätzen. Er sieht die Gesellschaft mit neuen Augen.

Seit 2011 wird der Zivildienst ausgesetzt. Das Freiwillige Soziale Jahr kann diese Lücke kaum füllen. Denn wer geht schon ins Altenheim, wenn er als Au-pair in die USA fliegen oder mit dem Rucksack durch Australien reisen kann? Ein soziales Jahr spricht nur junge Menschen an, die sich ohnehin schon für soziale Themen interessieren. Die anderen fallen durchs Raster. Hier könnte das Schulfach "Pflege" ansetzen.

Endlich stünde mal ein lebensnaher Lehrstoff auf dem Plan – und kein abstraktes Wissen fern von jeder praktischen Anwendung. Was ließe sich nicht alles im Unterricht diskutieren: Welche Verantwortung hat die Gesellschaft gegenüber dem einzelnen Menschen? Wie lässt sich Pflege finanzieren? Und was passiert beim Altern? Es sind Fragen, die sich jeder Mensch irgendwann stellen sollte. Je früher, desto besser.

Die integrierte Gesamtschule "Regine Hildebrandt" in Magdeburg geht diesen Weg bereits. Dort steht in einem Modellprojekt neuerdings das Wahlpflichtfach "Pflege" auf dem Stundenplan. Zwei Jahre lang üben 14 Neuntklässler beispielsweise, wie man den Blutdruck kontrolliert oder Erste Hilfe leistet. Mithilfe eines Anzugs lernen sie die Motorik und Sinne alternder Menschen kennen. Außerdem absolvieren sie ein zweiwöchiges Praktikum in sozialen Einrichtungen. Beteiligt sind an diesem Projekt auch der Landesverband der Volkssolidarität Sachsen-Anhalt und das Institut für Weiterbildung in der Kranken- und Altenpflege. Ziel ist es, Berührungsängste abzubauen und die Schüler für einen Ausbildungsplatz zu interessieren. Das scheint zu klappen – die Ersten haben ihre Bewerbung bereits abgegeben. Diese Erfahrung zeigt: Wenn man junge Menschen gezielt anspricht, kann man sie für das Thema Pflege durchaus sensibilisieren, ja sogar begeistern.

Anlass zur Hoffnung gibt auch die Shell Jugendstudie von 2015. Junge Menschen sind wieder bereit, sich für die "Belange anderer Menschen oder der Gesellschaft einzusetzen", heißt es darin. Materielle Dinge, Macht oder ein hoher Lebensstandard sind für sie nicht mehr so wichtig wie noch für die Generationen zuvor. Viele junge Menschen vertreten wieder idealistische Werte. Hier liegt ein riesiges Potenzial. Die Schulen sollten es nicht brachliegen lassen.

Solidarität versteht sich nicht von selbst, sie will gelernt werden.