Dirk B. ist der Plagegeist der Mietergemeinschaft Hosemannstraße 18 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Er hat mit allen Nachbarn Streit. Er gerät in Rage, wenn er auf der Haustreppe eine Tüte sieht, die da nicht hingehört. Vor allem nimmt er Gerüche wahr, die niemand außer ihm riecht.

Wegen des angeblichen Gestanks aus dem Erdgeschoss hat er im Lauf der vergangenen zehn Jahre schon so oft die Notrufnummer 110 gewählt, dass die Polizei ihn verwarnte. Seine Beschwerdebriefe an Wohnungsgenossenschaft, Hausverwaltung und Gesundheitsamt füllen Aktenordner. Nichts geschah. Der von ihm bemerkte modrige Gestank blieb. Der Kampf gegen die Qualen seiner Wohnsituation hat Dirk B. derart zermürbt, dass er nicht mehr arbeitsfähig und Hartz-IV-Empfänger ist. Die gerötete Schwellung um seine Augen verrät Schlaflosigkeit, sein Redestrom psychischen Hochdruck.

Aber nur ein überreizter Mensch wie Dirk B. war in der Lage, Polizei und Staatsanwaltschaft auf die Spur eines grauenvollen Verbrechens zu bringen. Nur Dirk B. fand es unnormal, dass der Rentner Heinz N. aus dem Erdgeschoss seit Herbst 2006 nicht mehr zu sehen war, der Zähler im Keller dennoch einen anhaltend hohen Stromverbrauch in seiner Wohnung anzeigte. Niemand befasste sich mit dem Verschwinden des 80-jährigen Mannes. Nur der Plagegeist ahnte: Hier stinkt was zum Himmel.

Am Abend des 9. Januar 2017 alarmiert er wieder einmal die Polizei. Dieses Mal ruft er direkt beim nächsten Revier an, wo seine schrille Verzweiflung tatsächlich Gehör findet. Zwei Beamte fahren zur Hosemannstraße 18. Die Wohnungstür des Rentners macht sie stutzig. Im Schloss steckt ein Metallnagel, der Türrahmen ist mit Silikonmasse verklebt. Dass Dirk B. beides bewerkstelligt hat, um so auf die Verwaisung der Wohnung aufmerksam zu machen, sagt er nicht. Aber seine Aktion hat Erfolg: Die Polizisten beschließen, sich kurzerhand Zugang zur Wohnung des Heinz N. zu verschaffen, und rufen die Feuerwehr, die ein gekipptes Badezimmerfenster aufhebelt.

Ein Feuerwehrmann klettert als Erster hinein. Die Wohnung macht auf ihn einen unbelebten Eindruck, die Toilettenschüssel ist ausgetrocknet, auf den Waschtischarmaturen liegt Staub. In der Küche fällt ihm eine große Gefriertruhe ins Auge. Er hebt den Deckel an, sieht einen robusten roten Plastiksack, darum herum ein paar Joghurt- und Zazikibecher, schließt den Deckel wieder und überlässt die genauere Wohnungsinspektion den Polizisten. Als einer von ihnen die Gefriertruhe öffnet und den roten Plastiksack entfaltet, ruft er seinem Kollegen zu: "Da isser!" Vor ihm liegt der Rumpf einer männlichen Leiche. Die Arme sind vor der Brust gefaltet und mit Klebeband fixiert. Kopf und Beine finden sich in drei weiteren Plastiksäcken darunter.

Von der eingefrorenen, zersägten Leiche des Heinz N., der heute 90 Jahre alt wäre, ging keinerlei Verwesungsgeruch aus. Dirk B. hatte etwas gerochen, das es ausschließlich für seinen siebten Sinn gab.

Alterseinsamkeit, dieses Gespenst individualisierter moderner Gesellschaften, hat man während des Prozesses am Berliner Landgericht, wo der "Stückelmord" genannte Fall seit Oktober 2017 verhandelt wird, beklemmend vor Augen. Zehn Jahre lang wurde der verwitwete, kinderlose Rentner von niemandem vermisst – außer von seinem nervlich angeschlagenen Nachbarn. Nach dem Tod seiner Ehefrau muss um Heinz N. ein soziales Vakuum geherrscht haben.

Erschreckend an dieser Geschichte ist noch etwas anderes: die Gleichgültigkeit öffentlicher Verwaltungsapparate gegenüber dem fragilen Dasein alter Menschen. Heinz N. wurde auch von keiner Behörde und keiner Institution vermisst. Der Krankenkasse fiel nicht auf, dass es von dem Senior nach seinem letzten Arztbesuch am 7. November 2006 nie mehr ein Lebenszeichen, aber auch keine Sterbemitteilung gab. Und die Rentenversicherung zahlte zehn Jahre lang an einen Toten. 2.000 Euro flossen monatlich in die Hände des mutmaßlichen Mörders, der es laut Anklage genau darauf abgesehen hatte. Sein Verbrechen zeugt von skrupelloser Gier und barbarischer Grausamkeit. Aber auch von jener abgebrühten Strategie, die Systemlücken kriminell zu nutzen weiß.