Es ist ein verschneiter Wintermorgen, als Alexander Gerst in einem engen Raumschiff sitzt und einfach alles schiefgeht. Zuerst fallen die Triebwerke aus. Dann geht das Funkgerät nicht mehr. Der Tank mit dem Treibstoff leckt, auch an Bord gibt es eine undichte Stelle. Zwölf Notfälle müssen er und seine Raumfahrer-Kollegen, der Russe Sergej Prokopjew und die US-Amerikanerin Serena Auñón-Chancellor, an diesem Tag überstehen. Einige davon, wird Alexander Gerst später sagen, hätten kritisch sein können. Im schlimmsten Fall könnten sie die Astronauten das Leben kosten.

Zum Glück geschieht all das nicht im Weltall, sondern beim Training auf der Erde. Alexander Gerst und seine Kollegen sind im russischen Sternenstädtchen, einem kleinen Ort extra für das Training der Raumfahrer. Er liegt etwa 40 Kilometer von der russischen Hauptstadt Moskau entfernt. An diesem Tag im Januar dürfen wir Alexander Gerst hier besuchen und ihm beim Üben zusehen.

Das Sternenstädtchen ist eine bewachte Siedlung, man darf nur mit Genehmigung rein. Mehrere Tausend Menschen leben hier: Astronauten, Kosmonauten (so heißen Raumfahrer in Russland), ihre Familien und Mitarbeiter. Es gibt graue Wohnblocks und riesige Hallen. Über die verschneiten Straßen radelt Alexander Gerst mit seinem Mountainbike. In einem Park steht eine meterhohe Skulptur von Juri Gagarin. Der Russe war der erste Mensch im Weltall – auch er hatte hier trainiert.

Alexander Gerst wohnt seit November im Sternenstädtchen. Er war schon einmal im Weltall, für 166 Tage, fast vier Jahre ist das her. Nun will er im Sommer wieder die Erde verlassen. Gemeinsam mit Sergej Prokopjew und Serena Auñón-Chancellor wird er zur Internationalen Raumstation ISS fliegen. Dort ist er dann sogar der Kommandant der ISS, der Chef, was ihn freut. "Es ist eine tolle Aufgabe", sagt Alexander Gerst. "Ich kann den Kollegen, die noch nicht geflogen sind, die Angst nehmen." Doch egal, wie erfahren und gut ein Astronaut ist, auf die Reise ins All muss er sich intensiv vorbereiten.

Im Sternenstädtchen lernt Alexander Gerst darum, wie er den 110 Kilogramm schweren Anzug für einen Außeneinsatz selbst anzieht und bedient. Der Anzug ist wie ein Mini-Raumschiff, das den Astronauten schützt, wenn er im Weltall schwebt. Nur mit zwei Seilen ist er dann an der ISS befestigt. Bei seinem letzten Außeneinsatz schwebte Alexander Gerst sechseinhalb Stunden im All, um eine kaputte Kühlpumpe auszutauschen – in insgesamt 500 Arbeitsschritten. Darauf hatte er sich jahrelang vorbereitet, seine Fitness trainiert, Schaltpläne studiert, Physik wiederholt.

Manchmal steigt er hier auch in die Zentrifuge, ein Gerät, das die Astronauten im Kreis herumwirbelt. So üben sie vor allem für die Rückreise zur Erde. Denn wenn ihr Raumschiff, die Sojus-Kapsel, wieder in die Erdatmosphäre eintritt, rast es mit 28 000 Stundenkilometern in Richtung Erde, und auf einmal bremst die Reibung sie auf 800 Stundenkilometer ab. Das ist, als würde man mit Tempo 200 auf der Autobahn fahren und innerhalb einer Sekunde zum Stehen kommen. Alexander Gerst erinnert sich, wie ihm bei seiner letzten Landung so sehr seine Zunge in den Gaumen gedrückt wurde, dass er kaum noch atmen konnte.

Es gibt noch andere Trainingszentren für Raumfahrer, eins in Köln und eins in Houston, USA. Was das Sternenstädtchen besonders macht, ist, dass die Raumfahrer hier in Sojus-Kapseln trainieren können. Sie sind in einer riesigen hellen Halle montiert, direkt daneben hängt ein großes Bild von Juri Gagarin. Seit seinem ersten Flug ins All haben sich die Raumschiffe zumindest äußerlich wenig verändert: Sie sehen aus, als hätte man drei Teile aus Metall wie einen unförmigen Schneemann zusammengesteckt. In einem Teil ist der Treibstoff, in einem das Gepäck, und in dem runden Mittelteil sitzen nun die Raumfahrer.