Was sind die Gründe für die Spannungen zwischen dem Westen und Russland? Die Antwort sollte dem Westen völlig klar sein. Die chaotischen Zustände auf internationaler Ebene haben einen Höhepunkt erreicht, und es fehlt an einem Konsens über die Regeln und Normen zwischen den Staaten. Gleichzeitig erleben wir eine Rückkehr der Rivalität zwischen Großmächten. Die Unberechenbarkeit Donald Trumps ist eher ein Symptom dieser Zustände als deren Ursache.

Die Gründe reichen tiefer: Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde der Versuch unternommen, der Welt eine Ordnung unter Führung der USA aufzuzwingen. Dieses Projekt ist gescheitert, die amerikanische Vormachtstellung ist Geschichte. Trotzdem sind die USA und der Westen als Ganzes noch immer nicht willens, sich mit den anderen Machtzentren – eben auch mit Russland – auf eine verspätete, aber notwendige Diskussion einer Neuordnung einzulassen.

Dass die USA ihre Hegemonialstellung verlieren – nachdem gerade einmal 20 Jahre zuvor das "Ende der Geschichte" zugunsten der Gewinner des Kalten Krieges verkündet worden war – macht es den Amerikanern ausgesprochen schwierig, sich mit dieser neuen Wirklichkeit anzufreunden. Darüber hinaus steht diese neue Realität im Widerspruch zur Ideologie der amerikanischen Außenpolitik. Die USA wissen nicht, was es heißt, im internationalen Staatensystem eine Macht unter vielen zu sein. Die derzeitigen Schwankungen in der amerikanischen Außenpolitik, der Wahlsieg Donald Trumps und die internen Kämpfe, die er auslöste, dazu der hartnäckige Widerstand, mit dem sich das amerikanische Establishment gegen den Wandel sperrt, dem die Außenpolitik nach dem Willen Trumps unterzogen werden soll – all das sind offenkundige Manifestationen dieser Anpassungsschwierigkeiten.

Deshalb ist es sehr unwahrscheinlich, dass die USA auf Russland zugehen werden, um eine neue internationale Ordnung auszuhandeln, um über Regeln zu sprechen, um über Institutionen und Normen wie Souveränität zu debattieren.

Russland hat klare Ziele. Es strebt nach voller Souveränität für die Großmächte, danach, dass respektiert wird, welche Interessen vor ihrer Haustür sie umtreiben. Russland möchte zudem eine gemeinsame Entscheidungsfindung, wenn es darum geht, außerhalb der eigenen Einflußzone militärisch zu intervenieren. Entscheidend für Russland ist, dass es in den Gestaltungsprozess dieser neuen Ordnung eingebunden wird. Leider sperrt sich das amerikanische Establishment dagegen, die Führungsrolle der USA im internationalen System auf den Prüfstand zu stellen. Deshalb ist es für die USA so schwierig, gemeinsam mit anderen eine Ordnung zu entwerfen.

Ein Beispiel: Die USA haben für Syrien zwar das Ziel eines Regimewechsels abgelehnt, aber das heißt leider nicht, dass Washington auch stärkeres Interesse bekundet, gemeinsam mit Russland Syrien und den Nahen Osten insgesamt zu verwalten. Hinzu kommt, dass die Regierung Trump noch weniger als die Regierung Obama daran interessiert ist, über Regeln und Normen zu sprechen, mehr noch: Sie neigt sogar dazu, sich mithilfe militärischer Gewalt über das Völkerrecht hinwegzusetzen.

Die USA wollen Russland und China eindämmen – das macht die Lage bedrohlich

Noch immer gibt es einen unumstrittenen Konsens, was die Hegemonialpolitik der USA anbelangt: Ihre sicherheitspolitische Überlegenheit und die globale Militärpräsenz müssen aufrechterhalten werden. Es ist klar, dass sich die USA nirgendwo militärisch zurückziehen werden. In Asien, in Europa und im erweiterten Nahen Osten baut die Regierung Trump die US-Militärpräsenz sogar noch aus. Ein globaler Truppenabbau ist höchst unwahrscheinlich.