Auf Schalke türmen die Bagger wieder Schuttberge auf, schwarz wie Kohlehalden. Noch mehr Trainingsplätze entstehen auf der Fläche zwischen den Ruinen des alten Parkstadions und der modernen Arena, Schalke 04 wächst und gedeiht. Daran gemessen wirken die sportlichen Ansprüche eher bescheiden. Man hat sich damit abzufinden, dass wieder ein Jungstar zu den ganz Großen abwandert: Leon Goretzka, 22, der sich dem FC Bayern München anschließt, bringt im Sommer nicht mal eine Ablöse. Jetzt läuft er gemeinsam mit dem kroatischen Neuzugang Marko Pjaca ein paar Runden um das Trainingsfeld, hinter dessen Tor die Bauaufsicht noch keine Zuschauer duldet. Wegen der Bagger.

Drüben im neuen Lizenzspielertrakt, der im Zuge der Ausbauten auch nur eine Übergangsheimat für die Profis ist, lugt der Abwehrmann Thilo Kehrer in die Besprechungskammer. Latino-Musik hallt aus dem Fitnessraum, aus dem er kommt. Kehrer, der U-21-Europameister, kann von der gemeinsamen Spielanalyse mit Trainer Domenico Tedesco berichten, die gerade zu Ende ist. Zusammenfassend lässt sich sagen: Alles paletti beim Heimspiel gegen Hannover 96 am Abend zuvor. Die Mannschaft habe sich an den Plan gehalten, erfuhren Kehrer und Co., sei insgesamt 125 Kilometer gelaufen, und, klar, es wurden ein paar Konterchancen nicht sauber ausgespielt. Verglichen mit der Hinserie sei es jedoch eine schöne Steigerung, sagt Kehrer, dass sie mit ihren schnellen Zügen überhaupt den gegnerischen Strafraum erreichten.

Fehlte nur noch, dass sie platzten vor Stolz.

Das Spiel war ein müdes 1 : 1 gewesen, zu Hause gegen den Aufsteiger, der nach der Schalker Führung das Heft in die Hand genommen hatte. Es gab ein paar Pfiffe. Der Sound auf Schalke ist 2018 mit Trainer Tedesco jedoch ein genügsamer Ton. Sie klingen zufrieden, vielleicht auch ein bisschen berauscht von ihrer neuen taktischen Reife.

Die macht sie zu Könnern in der Disziplin des aggressiven Angriffspressings, mit dem sie dem Gegner zu Leibe rücken und ihn zu Fehlern zu verleiten trachten, sowie im lebhaften Hin- und Herschalten zwischen Offensive und Defensive. Solches An- und Ausknipsen ist in der Bundesliga schwer in Mode. "Der Trend geht da hin", sagt Kehrer, der das für einen Fortschritt hält: "Mittlerweile sind viele Mannschaften taktisch sehr, sehr gut eingestellt."

Tedesco, 32, gehört zu den Pionieren jener Anschauungsweise, die den Fußball als eine Mischung aus laufintensivem Rasenschach und Spieltheorie begreift. Was macht der Gegner, wenn er weiß, was ich über seine Pläne weiß? "Wir haben es geschafft, die Kontersituationen zu vermeiden", bilanzierte Schalkes Trainer nach der ernüchternden Partie, "so ist die wahre Stärke Hannovers nicht zur Geltung gekommen." Ein taktischer Sieg im gegenseitigen Entschlüsseln steht über dem eigentlichen Spielergebnis. Und der zweifelhafte Erfolg, den Kontrahenten an der Entfaltung gehindert zu haben, wird höher bewertet als jeder Genuss für die Fans.

Das muss nicht schlimm sein. Der schlaue Tedesco weiß, dass Schalke kein Publikum hat wie Real Madrid, in dessen Stadion jedes Mal ein fußballerisches Feuerwerk abgebrannt werden muss. Es zählen Punkte und die Tuchfühlung zu den Tabellenrängen, die internationale Startplätze versprechen. Und das ständige Anrennen gegen den ballführenden Gegner – "gegen den Ball", wie es im Trainerdeutsch heißt – geht im Ruhrgebiet problemlos als Malocherfußball durch.

Mit einem klugen, effizienten Werk aus geschlossener Mannschaftsleistung brachte es Schalke zwischenzeitlich auf 13 niederlagenfreie Pflichtspiele in Folge. Die Stimmung war prächtig, bis neben dem holprigen Rückrundenstart vor allem Goretzka die Fangemeinde aus den Träumen riss. Er wolle bei Schalke "die Entwicklung abwarten", hatte der Hoffnungsträger Goretzka im vergangenen Frühsommer gesagt, als ihm ein neuer unterschriftsreifer Vertrag vorgelegt worden war. Nur um ein gutes halbes Jahr später zu verkünden, dass seine Entscheidung zugunsten der Bayern ausgefallen sei.

Und die Entwicklung? War Schalke nicht sogar auf Platz zwei der Bundesliga geklettert und ins Viertelfinale des DFB-Pokals eingezogen? Allmählich dämmert es den Leuten im Revier, dass Schalkes bester Spieler nicht die zufälligen Momentaufnahmen einer Tabellenplatzierung gemeint haben könnte. Es gibt souveräne Vorstellungen wie zuletzt beim Aufsteiger VfB Stuttgart. Aber dieses Schalke 2018 macht noch nicht den Eindruck, als würde der Club in naher Zukunft wieder dauerhaft in der Champions League mitwirken können.