DIE ZEIT: Herr Kubicki, Herr Walter-Borjans, seit 2008 sind viele Steuersünder aufgeflogen: Klaus Zumwinkel, Alice Schwarzer, Uli Hoeneß. Wenn die deutschen Behörden keine Steuer-CDs angekauft hätten, würden diese Menschen immer noch Steuern hinterziehen?

Norbert Walter-Borjans: Ich denke schon. Als Finanzminister in Nordrhein-Westfalen habe ich den Ankauf von Steuer-CDs jahrelang befördert. Das hat dazu geführt, dass viele Menschen Sorge hatten, entdeckt zu werden, und sich selbst angezeigt haben.

Wolfgang Kubicki: Ich glaube nicht, dass der Ankauf von Steuerdaten die Selbstanzeigen ausgelöst hat. Aus meiner eigenen beruflichen Tätigkeit als Anwalt weiß ich, dass Anfang der 2010er Jahre eine Menge Menschen kamen, die reinen Tisch machen wollten in Sachen Steuern, gerade Menschen hohen Alters. Das ist durch die öffentliche Debatte höchstens ein bisschen beschleunigt worden.

ZEIT: Sie glauben, die Steuersünder hätten sowieso aufgegeben – nur ein bisschen später?

Kubicki: Ja. In meine Kanzlei kamen einige, die ihr Vermögen vererben wollten, aber unversteuertes Geld im Ausland hatten. Sie hatten zwei Möglichkeiten: entweder reinen Tisch machen oder ihre Kinder in die Kriminalität, also in die Steuerunehrlichkeit, treiben. Das wollten die meisten nicht.

ZEIT: Es ging also um die Kinder und nicht um die Angst vor Steuer-CDs, Herr Walter-Borjans?

Walter-Borjans: Das glaube ich nicht. Durch Technologie wurde die Entdeckungswahrscheinlichkeit größer. Das wirksamste Mittel gegen Steuerhinterziehung ist Angst.

ZEIT: Die Entdeckung ist wahrscheinlicher, weil man eine CD mit Steuerdaten leichter rausschmuggeln kann als einen Berg Akten?

Walter-Borjans: So ist es. Wobei wir auch mal einen ganzen Container mit Akten entdeckt haben. Das war aber eine Ausnahme. Da hatte eine Schweizer Bank eine Offshore-Niederlassung aufgelöst. Statt den Aktenberg im Meer zu versenken, hat sie ihn in einem Container nach Hamburg verschifft. Er sollte eigentlich weiter in die Schweiz, wurde aber von Zöllnern entdeckt. So ist er bei der Steuerfahndung in Düsseldorf gelandet statt in der Schweiz.

Kubicki: Die lesen heute noch.

Walter-Borjans: So ist es. Es ist natürlich ein ganz anderer Aufwand, daraus die Informationen zu destillieren als von einer CD oder einem Daten-Stick.

ZEIT: Herr Walter-Borjans, seit einem guten halben Jahr sind Sie nicht mehr Finanzminister in NRW. Die neue schwarz-gelbe Regierung ist sehr viel zurückhaltender beim Ankauf von Steuer-CDs. Fürchten Sie, dass Ihre Politik zurückgedreht wird?

Walter-Borjans: Natürlich fürchte ich das. Wir haben sieben Jahre lang Erfahrung mit einer Opposition gemacht, die sich etwas inkonsistent verhalten hat. Die FDP hat immer gesagt, dass sie den Ankauf der CDs nicht richtig fand. Die CDU dagegen hat mal so, mal so argumentiert. Nun wird in Kauf genommen, dass eine herausragende Steuerfahndung kaputt gemacht wird.

ZEIT: Sie meinen die Wuppertaler Steuerfahndung, die bekannt dafür ist, dass sie die meisten der CDs gekauft hat.

Walter-Borjans: Der ehemalige Behördenleiter ist in den Ruhestand gegangen. Und seiner Nachfolgerin, die seine Arbeit fortführen sollte und schon kommissarisch im Amt war, wurde nun ein anderer Behördenleiter vor die Nase gesetzt. Sie geht deshalb jetzt.

ZEIT: Wer ist schuld daran?

Kubicki: Sagen Sie es schon, lieber Kollege: Die FDP ist schuld, die Partei der Steuerhinterzieher! Das ist doch Ihr Vorurteil.

Walter-Borjans: Ich kann der FDP das vergiftete Lob machen, dass sie wenigstens nicht hin und her gesprungen ist, sondern von vornherein dagegen war, dass man gegen Steuerhinterzieher vorgeht.

Kubicki: Wir haben Grundsätze, die Sie nicht teilen mögen, und zu diesen Grundsätzen gehört, den Ankauf von Steuer-CDs nicht zu unterstützen. Wenn wir Informationen bekommen, die wir nicht bezahlen müssen, dann finde ich das in Ordnung. Aber ich finde es falsch, Geld auszuloben für illegal beschaffte Daten.

Walter-Borjans: Wir haben nie Geld ausgelobt, sondern im Einzelfall gezahlt. Und ganz so eindeutig ist die FDP ja auch nicht. Herr Lindner hat in den NRW-Koalitionsverhandlungen gesagt: Wir werden uns das im Einzelfall angucken. Im Koalitionsvertrag ist festgehalten, dass mein Nachfolger nicht wie ich die Entscheidung selbst treffen kann, ob er eine solche CD ankauft. Er muss das Kabinett fragen. Das macht alles schwieriger, weil dann noch viel mehr Menschen eingeweiht werden müssen.

ZEIT: Geht der Ankauf von Steuerdaten nun weiter oder nicht?

Kubicki: Den brauchen Sie doch gar nicht mehr. Das Problem wird sich von allein lösen, weil die Banken in der Schweiz, in Liechtenstein und anderen Ländern sich verpflichtet haben, Kontodaten mit Deutschland auszutauschen.

Walter-Borjans: Das sehe ich anders. Solange es ein Angebot mit interessanten Daten gibt, ist das ein Beleg dafür, dass der automatische Informationsaustausch nicht funktioniert. Auch in den Ländern, die da mitmachen, gibt es schon wieder Möglichkeiten der Steuerhinterziehung, mit Stiftungsmodellen und Ähnlichem. Man wäre doch verrückt, auf den Ankauf der Daten zu verzichten und damit die Keule aus der Hand zu legen.