Im Grunde wollte Till Steffen gar nicht Justizsenator werden, er hatte andere Pläne. Steffen hatte sich für die Grünen jahrelang in der Opposition als Verkehrspolitiker verdient gemacht, hatte Konzepte für Radwege und Straßenbahnen geplant, Visionen entworfen. Ein Mann, der sein Thema gefunden hatte, so sahen es viele. Dann verlor die SPD die absolute Mehrheit, die Grünen kamen an die Regierung. Steffen hoffte, weitermachen zu dürfen, wo er in der Opposition aufgehört hatte. Seine Pläne in die Tat umsetzen zu können, Senator für Wirtschaft und Verkehr zu werden.

Wurde er aber nicht.

Die Grünen bekamen zwar drei Senatorenposten, aber Verkehr war nicht darunter. Dafür Justiz. Als klar wurde, dass Olaf Scholz nicht nachgeben und es keine Chance aufs Verkehrsressort geben würde, soll Steffen in Tränen ausgebrochen sein. Wieder Justiz, dieses undankbare Ressort, wie schon unter Ole van Beust.

Steffen ist machtbewusst, natürlich wollte er lieber Senator werden als kein Senator. Und bei den Grünen gibt es auch sonst kaum jemanden, der infrage käme. Aber schon damals fragten sich Begleiter: Warum tut er sich das an, wenn es ihn schon vor Amtsantritt so frustriert? Und heute fragen sich einige: Läuft es vielleicht auch deshalb nicht wirklich rund?

Till Steffens Entscheidung fürs Justizressort liegt inzwischen zweieinhalb Jahre zurück. Einen besonders glücklichen Eindruck macht er immer noch nicht. Die Boulevardzeitungen titulieren ihn hämisch als "Pannensenator", zuletzt giftete die Bild: "War schon letztes Jahr schwach. Auf diesem Niveau hat er sich stabilisiert." Fazit: "Note 5, setzen!" Die Opposition fordert bei jeder Gelegenheit seinen Rücktritt. Und in einem Politiker-Ranking des Unternehmensverbands Nord belegt er regelmäßig den letzten Platz.

Begleitet man Steffen einige Wochen, lernt man einen tragischen Politiker kennen. Einen, der alles richtig machen will und es vielen nicht recht machen kann. Der ehrgeiziger ist als andere und gerade daran manchmal scheitert.

Manche lästern über den Diskussionseifer des Senators, Till Steffen ist stolz darauf

Ein Donnerstagabend im November, Till Steffen steht auf der Bühne des Agathe-Lösch-Hörsaals der Universität Hamburg, moderne Brille, eng geschnittener Anzug. Steffen ist Gastredner einer Ringvorlesung, sein Thema: Meinungsroboter in der rechtspopulistischen Debatte. Er klickt sich durch Folien, hangelt sich durch Schachtelsätze. Es ist eher Referat als Rede, am Ende lobt der Professor die "Akribie" des Senators.

Steffen machen solche Termine Spaß. Selbst Fragen, die nur Verschwörungstheorien wiederholen, beantwortet er, als sei es die größte Freude. "Sie haben ja recht ...", sagt er, um dem Fragenden dann sanft das Gegenteil beizubringen. In der Justizbehörde hat er einen rechtspolitischen Jour fixe eingeführt, bei dem, wie Steffen sagt, "über alle Hierarchien hinweg diskutiert wird". Manche lästern über den Diskussionseifer des Senators, Steffen ist stolz darauf.