Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Letzte Woche gedachten wir im Gorki Theater Berlin unseres vor elf Jahren ermordeten Journalistenkollegen Hrant Dink. Das Theater stand unter Polizeischutz wegen von der türkischen Regierung aufgehetzten Aggressoren. Zugleich erfuhren wir, dass in der Türkei das Stück Nur Diktator unseres Künstlerkollegen Barış Atay verboten worden war. Dort umstellte Polizei das Theater und ließ weder Schauspieler noch Publikum hinein.

Zur selben Zeit an zwei verschiedenen Orten ein von Polizei bewachtes Theater: In dem einen schützte Polizei den Künstler vor dem Staat, in dem anderen den Staat vor dem Künstler.

Das Stück Nur Diktator erzählt davon, wie ein autoritärer Staatschef das Volk unter seine Fuchtel stellt. Es nimmt nicht wunder, dass Erdoğan sich gestört fühlt, auch wenn sein Name darin gar nicht vorkommt. Verblüffend ist allerdings, dass jedes Mal, wenn er sich gestört fühlt, es die Künstler teuer zu stehen kommt. Und seit die türkische Regierung vorletzte Woche die Militäroperation in Syrien startete, hat sich dieser Preis noch erhöht. Zum ersten Opfer wurde der berühmte Schauspieler Mert Fırat auserkoren. Ein Interview, in dem er sich vor fünf Jahren gegen die Wehrpflicht aussprach, wurde vom regierungstreuen Trollheer ausgegraben und Fırat regelrecht gelyncht. Dann wurde in einer Fernsehsendung darüber geredet, welche Künstler der Operation die Unterstützung verweigern, und die Namen der Kriegsgegner wurden zur Zielscheibe gemacht. Daraufhin verfassten couragiert über 170 Künstlerinnen und Künstler gegen den Krieg einen Friedensappell an die Parlamentsabgeordneten. Natürlich fielen Medien und soziale Medien unverzüglich mit einem Shitstorm über sie her. Zudem hagelte es Beschimpfungen von Erdoğan: "Angebliche Künstler, Gewissenlose, Verräter, Sittenlose, gemeine Lumpen ..."

Kaum hatte der Staatspräsident heruntergerasselt, was sein Wortschatz an Beleidigungen hergab, stürmte die Polizei Wohnungen von Personen, die sich auf Twitter gegen den Krieg geäußert hatten. Die Journalistin Nurcan Baysal, eine von ihnen, berichtet: "Sonntagnacht um 0.30 Uhr saß ich vor dem Fernsehapparat, mein kleiner Sohn spielte mit Lego. Entsetzlicher Krach riss mich aus dem Sessel. Ich dachte, die Erde bebt. Mein Mann und ich hielten die Kinder zurück und liefen zur Haustür. Polizei war dabei, die Tür aufzubrechen, doch die Tür ist stabil und gab nicht nach, die Wände knackten. Kurz darauf stürmte eine Sondereinheit von beinah zwanzig maskierten Männern mit Kalaschnikows herein."

Vor den Augen ihrer Kinder wurde Baysal festgenommen. Auf der Polizeiwache wurde sie befragt, warum sie gegen den Krieg sei.

Das ist in der Türkei der Preis dafür, Kriegsgegner zu sein. Dennoch hält eine Handvoll mutiger Intellektueller, Künstler, Schriftsteller, Journalisten, Juristen an ihrer Freiheit und um den Preis ihres Lebens sogar an ihrem Recht auf freie Rede fest und setzt sich gegen den Krieg für Frieden ein.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für deutsche Künstler, sich solidarisch zu zeigen. Es ist an der Zeit, Barış Atays Nur Diktator am Gorki Theater aufzuführen, Mert Fırats Filme zu zeigen, Nurcan Baysals Bericht über ihre Festnahme ins Deutsche zu übertragen, die Bücher inhaftierter Schriftsteller zu übersetzen, gemeinsam Friedensappelle zu unterschreiben, die ihre Unterzeichner in der Türkei dem Lynchmob aussetzen, Journalisten in der Haft zu besuchen, Prozesse gegen Künstler zu beobachten, gemeinsame Ausstellungen für Frieden und Freiheit zu organisieren, mit der Sprache der Kunst für Frieden einzutreten, universale Solidarität mit Künstlern zu üben ...

Wann, wenn nicht jetzt?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe