Der Künstler soll jetzt anständig sein, so fordern die einen und klagen die anderen. Alle Künstler? Nein. Manche kulturellen Formen und ihre artists scheinen vom neuen Domestizierungswunsch ausgenommen. Unter Rappern gilt ein Vorstrafenregister immer noch als Ausweis besonderer Authentizität und Straßentauglichkeit. Oder nicht? Was sagt ein Hip-Hop-Künstler und ehemaliger Verbrecher zur Debatte um Kunst und Verbrechen?

Ein Anruf beim Rapper, Produzenten und Label-Betreiber Giwar Hajabi alias Xatar. Der 36-jährige "Baba aller Babas", wie er sich in einem seiner Songs nennt, gilt in der deutschen Rap-Landschaft nicht nur als begnadeter Musiker. Er ist auch einer der wenigen echten Gangster der Szene. (Jedenfalls einer der wenigen, bei denen man davon wisse, schränkt Xatar ein.) Der Sohn eines im Iran geborenen Dirigenten und einer Lehrerin verschuldete sich als junger Mann mit Drogengeschäften. Zusammen mit Komplizen raubte er deswegen 2009 auf einer Autobahn einen Werttransporter aus. Die Beute: Gold im Wert von etwa 1,7 Millionen Euro. Vier Jahre saß Xatar dafür im Gefängnis.

Fragen an einen, der es wissen muss: Was verbindet Künstler und Verbrecher? Der besondere Status als Außenseiter der Gesellschaft? Oder ist das Feuilleton-Romantik? "Es gibt tatsächlich eine Sache, die beide verbindet. Etwas, das bei beiden immer da sein muss, sonst wären sie weder Künstler noch Verbrecher: die Freiheit. Ich hatte die freiste Zeit in meinem Leben als Dealer. Ich war keinem Rechenschaft schuldig. Dieselbe Freiheit habe ich erst jetzt wieder, als Musiker."

Sollen wir also dem Künstler als Verbrecher alles durchgehen lassen? Xatar stellt sofort klar: Was er gemacht habe, sei "für die Straße" ein "Gentleman-Verbrechen" gewesen – und in seiner Sphäre nichts Verwerfliches. Das sei natürlich anders, "wenn Kinder oder Frauen vergewaltigt oder unschuldige Menschen verletzt werden". Dann könne man sich auch auf der Straße nicht mehr blicken lassen. Seine Faustregel für die Beurteilung von Straftaten: "Wenn man noch darüber schmunzeln kann, geht es noch." Er wisse aber auch, dass "normale Menschen" da anders denken als "Straßenmenschen".

Hat Xatar die aktuellen Debatten verfolgt, über Weinstein, Wedel und Woody Allen? Das mit Kevin Spacey habe er mitbekommen. Was hält er davon, dass der aus einem aktuellen Film herausgeschnitten wurde? "Businesstechnisch kann ich das nachvollziehen. Das ist schlecht für den Vibe des Films. Selbst wenn es nur Vorwürfe sind und er nicht schuldig gesprochen wurde. Moralisch würde ich erst mal abwarten."

Inzwischen liebt auch die deutsche Film- und Fernsehbranche die Authentizität von Rappern. Vergangenes Jahr war beim Sender TNT die von Kritikern gefeierte Serie 4 Blocks zu sehen, die von einer kriminellen arabischen Großfamilie und Gangstern im Berliner Stadtteil Neukölln erzählt. Einer der Hauptdarsteller: der Rapper Veysel, der zuvor eine Gefängnisstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge verbüßte. Xatar wiederum hat im neuen Moritz-Bleibtreu-Kinofilm Nur Gott kann mich richten eine Rolle übernommen, außerdem den Soundtrack zusammengestellt.

Darauf zu hören: ein neuer Song der Rapperin Schwesta Ewa, die ihre Musik auf Xatars Label veröffentlicht. Die ehemalige Prostituierte wurde im Sommer zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, unter anderem wegen 35 teilweise schwerer Körperverletzungen. Sie schlug Frauen, für die sie Freier organisierte. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, sowohl die Rapperin als auch die Staatsanwaltschaft haben Revision eingelegt. Auszug aus dem Text ihres neuen Songs: "Kopfnuss, Ewa ist back in the hood / Schelle links, Nasenbruch, wenn die Cracknutte muckt".

Ist das nicht ein Widerspruch? Einerseits sollen Film und Fernsehen anständig sein, andererseits sucht man die Nähe zur Kriminalität? Xatar: "Absolut. Man begeistert sich für das, was man verabscheut. Für das Asoziale. Das Verbrecherische. Sonst wäre Rap ja nicht so groß geworden." Ewa habe schon immer über ihre Nähe zum Rotlichtmilieu und zur Kriminalität gerappt. "Da kann ich mich jetzt nicht wundern, wenn wirklich was passiert. Das wäre was anderes, wenn Matthias Schweighöfer plötzlich was Kriminelles gemacht hätte." Man gehe in der Szene allerdings mit unterschiedlichen Taten unterschiedlich um. "Während ich aus meinem Überfall eine Corporate Identity gemacht habe, hat Veysel sich bemüht, seine Tat aus allem rauszuhalten. Das rechne ich ihm hoch an."

Was würde Xatar sagen, wenn jemand seine Platten nicht hörte wegen der Verbrechen des Rappers? "Juckt mich nicht, solche Leute haben keine Ahnung vom Leben." Und was wäre, wenn jemand sagte: Im Saturn dürfen die deswegen keine CDs mehr von Xatar verkaufen? "Dann wäre ich auf jeden Fall im falschen Land! Das ist einer der Gründe, warum meine Eltern den Iran verlassen haben: weil man dort die Kunst nicht frei leben konnte."