Ein Besucher, der sich nicht ankündigt, kann zweierlei im Sinn haben. Entweder handelt es sich um einen sehr geschätzten Freund, der einen – zur gegenseitigen Freude – überrascht. Oder es handelt sich um jemanden, der einen überrumpeln will.

Beim Landesparteitag der Sachsen-AfD in Hoyerswerda am vergangenen Wochenende war Pegida-Chef Lutz Bachmann der Überraschungsgast. Er kam am Sonntag einfach mal eben vorbei. Stand dann auf einer Empore, erstaunlich unauffällig, so als ob es gar keine Sensation wäre. Als ob er da hingehöre, eben weil er ein so geschätzter Freund ist. Dabei hatten sich Pegidisten und die AfD-Führung in Sachsen bislang wenig zu sagen, waren Kooperationen der AfD mit Pegida sogar offiziell untersagt. Frauke Petry, die frühere Chefin der Partei, hatte nie etwas mit Lutz Bachmann anfangen können. Wollte der nun, mit seiner Überrumpelungs-Überraschung, einfach mal klarmachen, wer der neue Star im rechtspopulistischen Lager ist?

Jörg Urban jedenfalls, der frisch gewählte neue Landessprecher – und damit offizielle Petry-Nachfolger in Sachsen – hat sich für eine Öffnung gegenüber Pegida ausgesprochen. Wenn er auch beteuert: "Ich wusste vorab nichts von dem Besuch. Lutz Bachmann war kein geladener Gast. Aber wir würden ihn im Leben nicht rausschmeißen."

Es hat sich also einiges verändert in der sächsischen AfD. Und es darf erwartet werden, nach diesem Parteitag erst recht, dass sich einiges noch ändern wird. Dass die Frage, wie mit dieser Partei umzugehen ist, immer wieder von Neuem aufkommen wird. Dass sie immer dringlicher wird, je mehr die AfD sich etabliert.

Denn Sachsen ist das wichtigste Bundesland für die AfD. Dort will sie im kommenden Jahr bei den Landtagswahlen etwas schaffen, das ihr wohl nirgendwo anders so schnell gelingen kann. Und woran sie selber bis zum vorigen Jahr nicht geglaubt hat. Sie würde gern stärkste Kraft werden. Das ist keine Koketterie, sondern das offizielle Ziel: 30 Prozent plus x. Den Ministerpräsidenten will sie stellen.

Etwas Besonderes war Sachsen für die AfD ja von Beginn an. Hier zog sie 2014, unter Führung Frauke Petrys, erstmals in einen Landtag ein. Auch Alexander Gauland gab später zu, dass erst dieser Wahlerfolg seinen eigenen in Brandenburg möglich gemacht habe. Frauke Petry hatte es vollbracht. Sie war es auch, unter deren Führung Sachsens AfD im vorigen Bundestagswahlkampf stärkste Kraft wurde, mit 27,0 Prozent, ein Zehntelprozentpunkt vor der CDU. Petry war es noch dazu, die das höchste Direktwahlstimmen-Ergebnis in ganz Sachsen erreichte. Und sie war es, die die Partei kurz nach der Wahl verließ und im Bundes- und Landtag ihr eigenes Grüppchen gründete. "Die Blauen" hat sie es genannt.

Wie radikal kann die AfD sein, wenn sie koalitionsfähig werden will?

Seitdem existierte ein Vakuum in der sächsischen AfD. Erst der Parteitag, jetzt am vergangenen Wochenende, sollte es wieder füllen. Und die Frage beantworten: Wofür steht die AfD in ihrem Musterland, wohin führt ihr Weg? Es ist, so viel Ehrlichkeit muss sein, ein Rätsel geblieben, es sind aber interessante Tendenzen sichtbar geworden.

Zu den Fakten: Jörg Urban, der Petry schon als Fraktionschef im Landtag nachfolgte und nun auch als Landesvorsitzender, ist 53 Jahre alt, Wasserbauingenieur, früher war er Mitglied der Piraten, als Chef des Verbands Grüne Liga Sachsen hat er den Streit um die Waldschlösschenbrücke in Dresden seinerzeit mit angeheizt. Bei der AfD stand er von 2013 an recht treu an der Seite Petrys. Urban fiel weder als Hardliner noch als großer Landtagsredner auf. Er ist der Typ Karrieremann, der zu einem bestimmten Zeitpunkt deswegen als perfekter Führungskandidat gilt, weil er weder der einen noch der anderen Gruppe bislang negativ aufgefallen war.