Schmal sieht sie aus und noch ein bisschen blass. Normalerweise würde man ja eine Weile Pause machen, wenn man sich erst vor Kurzem morgens um 5 Uhr unter einem Laster wiedergefunden hat, dann mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht wurde und die Tage darauf liegend mit Halskrause verbracht hat.

Aber was ist schon normal in diesen Zeiten?

Also sitzt Annegret Kramp-Karrenbauer am vergangenen Mittwoch, knapp zwei Wochen nach einem heftigen Auffahrunfall ihres Dienstwagens, auf dem schwarzen Ledersofa in ihrem Büro in der Berliner Vertretung des Saarlandes, nippt am Kaffee, bewegt den Kopf vorsichtig von einer Seite zur anderen und sagt: "Richtig weg ist es noch nicht."

Damit ist im Grunde auch schon die politische Lage vier Monate nach der Bundestagswahl beschrieben: Leichtes Schleudertrauma.

Was ist dran an den Gerüchten, die Kanzlerin wolle sie als Ministerin nach Berlin holen?

Gar nichts sei beschlossen, sagt die 55-Jährige entschieden und rutscht ein bisschen unbehaglich auf der Sofakante herum. Dass die Kanzlerin es sehr gern hätte, wenn Kramp-Karrenbauer nach Berlin käme, weiß sie natürlich. Die Frage ist, ob sie das auch will. Zunächst müsse man sehen, ob der Bedarf wirklich da sei, es gebe durchaus genügend Angebot in der CDU. Kramp-Karrenbauer sagt das ohne Ironie oder anspielungsreiches Sie-wissen-schon-Lächeln.

Der Bedarf: Ja, der geht allerdings weit über eine geeignete Fachkraft für Soziales, Außen oder Innen hinaus. Annegret Kramp-Karrenbauer, genannt AKK, war Innen-, Sozial-, Frauen-, Familien-, Sport-, Kultur- und Präventionsministerin, sie ist Regierungschefin und gleichzeitig Bildungsministerin des Saarlandes. Sollte sie je Kanzlerin werden, könnte man das Kabinett praktisch abschaffen.

Das trifft sich gut, denn gesucht wird weit mehr als nur eine Ministerin. Gesucht wird: eine Zukunftshoffnung. Ein Versprechen. Eine Nachfolgerin für Angela Merkel.

Der- oder diejenige muss gewährleisten, dass es für die CDU und damit für die bürgerliche Mitte ein Leben nach Merkel gibt. Und zwar nicht irgendwann, sondern bald. Das Problem ist, dass darüber weder Merkel noch Kramp-Karrenbauer allein entscheiden, sondern auch die SPD, die bei der Verteilung der Ministerressorts Vorrang hat.

In den Koalitionsverhandlungen 2013 lernte Merkel Kramp-Karrenbauer schätzen. Die ruhige und sachliche Art, mit der AKK Probleme angeht, gefiel der Kanzlerin. Während der Jamaika-Verhandlungen steckte sie die Saarländerin mit der CSU-Frau Barbara Stamm zusammen, weil sie wusste, dass beide reibungs- und geräuschlos an Kompromissen arbeiten würden, während sich vor den Kameras Alexander Dobrindt und andere Helden Wortgefechte lieferten. Bei den aktuellen Koalitionsverhandlungen war Kramp-Karrenbauer die einzige CDU-Politikerin, die gleich zwei Themen federführend verhandeln durfte, Familie sowie Arbeit und Soziales.

Weil Kramp-Karrenbauer eher klein als groß ist, kurze Haare hat, sich nicht übermäßig schminkt und wenig Aufhebens um die eigene Person macht, glauben einige, darunter besonders viele Männer, sie hätten eine Art jüngere Merkel vor sich. "Mini-Merkel" wird sie von manchen genannt. Das ist allerdings so, als wenn Weiße über Schwarze sagen: Also, für mich sehen die alle gleich aus.

Kramp-Karrenbauer ist, anders als es Merkel früher war, fest in der CDU verankert. Sie engagierte sich in der Jungen Union, arbeitete erst als Referentin für den früheren saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller, wurde dann schnell parlamentarische Geschäftsführerin der CDU-Fraktion im Saarland und später die erste weibliche und bis dato jüngste Landesinnenministerin der Republik. Seit 17 Jahren ist sie ununterbrochen in Regierungsämtern.