Ein Schuppen am alten Güterbahnhof, westlich der Mauer. Im Innern des Schuppens: der Eingang zu einem Tunnel. Er führt vier Meter tief unter die Erde – nach Osten. Fast 55 Jahre ist es her, dass an diesem Ort unter der Mitte Berlins im Geheimen gearbeitet wurde. Carl Holzapfel machte damals seinen Rücken krumm. Er war einer von unzähligen freiwilligen Fluchthelfern, die nach dem Bau der Berliner Mauer versuchten, diesen hermetischen Grenzriegel durchlässig zu machen, indem sie durchs Erdreich Wege öffneten oder Menschen im Kofferraum nach Westen schleusten.

Holzapfel ist heute 73 Jahre alt. Er steht im Berliner Mauerpark, wo Archäologen vor Kurzem die Überreste "seines" Tunnels gefunden haben. Lokalreporter sind gekommen, um die Geschichte zu hören, wie Holzapfel 1963, als 19-Jähriger, den Sommer damit verbrachte, sich mit drei anderen Männern durch den Untergrund zu wühlen, Maulwürfen gleich. Er erzählt, wie sie schwitzten. Wie sie sich tagelang im Schuppen verschanzten, um den Grenzwächtern drüben im Osten nicht aufzufallen; wie sie mindestens ein Dutzend Menschen aus der DDR in den Westen holen wollten.

Die vierjährige Liane Weinstein etwa. Ihre Familie zog kurz vor dem Mauerbau 1961 in den Westen – ließ aber die damals erst zweijährige Liane vorerst bei den Großeltern im Osten. Als mit einem Mal die DDR die Mauer errichtete, war das Kind in unerreichbarer Ferne. Gerhard Weinstein entschloss sich, einen Tunnel bauen zu lassen und seine Tochter auf diesem Weg in den Westen zu holen. Er war es, der damals Carl Holzapfel und die anderen Freiwilligen für den Tunnelbau anheuerte.

Der Schuppen, von dem aus gegraben wurde, befand sich an der Bernauer Straße. Der Fluchttunnel sollte 80 Meter weit, unter dem Todesstreifen durch, auf die andere Seite der Mauer führen – bis zum Keller des Eckhauses Eberswalder Straße 1.

Die Überreste dieser Röhre kamen nun zum Vorschein, als Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe bei Grabungsarbeiten auf eine Fahrzeugsperre stießen. Ein Team um den Archäologen Torsten Dressler untersuchte die gezackte Platte, fand weitere Stücke der alten Grenzanlage und den Tunneleingang. "Auf engstem Raum finden wir hier alles, was eine Flucht verhindern sollte", sagt Dressler. "Und nur einen Meter weiter ist tatsächlich ein Tunnel gegraben worden, um exakt dieses System zu überlisten."

Der Forscher schreibt gerade seine Dissertation über das Thema Grenzanlagen und Fluchttunnel. Seit mehr als zehn Jahren untersucht er archäologische Spuren des einstigen Sperrwalls am Eisernen Vorhang. Häufig muss er die Frage beantworten, was diese Zeugnisse der jüngeren Vergangenheit mit Archäologie zu tun haben. Nur zögerlich setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch die Neuzeitarchäologie einen ernst zu nehmenden Forschungszweig darstellt. Und dass nicht zwingend Jahrhunderte oder Jahrtausende zwischen einem Ereignis und seiner Erforschung in der Gegenwart liegen müssen.