Die #MeToo-Dynamik hat nun, relativ spät, das Theater erreicht. Man hätte früher damit gerechnet, schließlich lebt das Theater vom Unklaren seiner Verhältnisse: Menschen spielen entfesselt miteinander, obwohl sie Konkurrenten sind – unter den Augen eines Herrschers, des Regisseurs. Leute, die einander hassen, müssen Liebesverhältnisse darstellen. Eine, die die Königin spielt, ist vielleicht vom Intendanten (dem Oberherrscher) gerade entlassen worden. Und immerzu steht der eigene Körper zur Disposition.

Womöglich wird das Theater gerade deshalb so spät vom #MeToo-Sturm erfasst, weil es sich in den beklagten Verhältnissen schon lange, mit einer gewissen Hoffnungslosigkeit, eingerichtet hat.

Ob sich das Klima nun ändert?

60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Wiener Burgtheaters haben vergangene Woche einen offenen Brief publiziert, mit dem sie das erreichen wollen. Es sind Techniker und Inspizienten, Garderobieren und Souffleusen darunter, aber auch Schauspieler (etwa Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Corinna Kirchhoff, Nicholas Ofczarek, Elisabeth Orth, Sylvie Rohrer und Branko Samarovski). Sie protestieren gegen Regisseurinnen und Regisseure, welche "Machtmissbrauch, Demütigung und Herabwürdigung" als probates Mittel der Arbeit ansähen.

Konkret richtet sich die Kritik gegen den ehemaligen Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann. Dieser habe in seiner Amtszeit (2009 bis 2014) eine "Atmosphäre der Angst und Verunsicherung" geschaffen. Sexuellen Missbrauch werfen sie ihm nicht vor, wohl aber zahlreiche Übertretungen, die das Klima vergiftet hätten. Zitat:

"Eine Probe konnte dadurch unterbrochen werden, dass eine fast ausschließlich weibliche Besetzung von Hartmann gefragt wurde, ob sie beim Oralsex das Sperma schlucken würde und ob das einer kalorienbewussten Ernährung widerspräche. Ein dunkelhäutiger Mitarbeiter wurde in seiner Abwesenheit als 'Tanzneger' bezeichnet. Ungewollte Berührungen, wie ein Schlag auf den Hintern oder Umarmungen, wurden zahlreichen Mitarbeiterinnen zuteil. KollegInnen der Technik und der Multimedia-Abteilung wurden von ihm regelmäßig als 'Vidioten', 'Trottel', 'Schwachmaten', 'Scheiß-Technik' bezeichnet."

Hartmann leugnet keinen dieser Vorfälle, aber er relativiert sie. Der Witz über Oralsex gehe auf eine Schauspielerin zurück, die ihn an der Burg schon vorher laut erzählt habe. Der Zorn gegen die Technik sei nicht böswillig – ein Affekt, für den er sich immer entschuldigt habe. Der Schlag auf den Hintern beim Toi, toi, toi! sei ein Premierenbrauch, den er von seinem Lehrmeister Frank Baumbauer übernommen habe. Auch ihm, Hartmann, sei vor Premieren immer auf den Hintern geschlagen worden.

Und dass er den Tänzer und Choreografen Ismael Ivo einen "Tanzneger" genannt hat? Hartmann bestreitet es nicht, aber er sagt, Ivo habe sich beim Eintreten in sein, Hartmanns, Büro bisweilen selbst mit den Worten "Hier kommt der Tanzneger" angekündigt. Er, Hartmann, habe Ivos Grußwort bloß als Echospaß wiederholt. Das ist eine nicht sehr belastbare Entschuldigung, und sie zeigt vielleicht Hartmanns Problem beim Wahren von Grenzen. Schließlich kommt es bei beleidigenden Begriffen drauf an, wer sie wem an den Kopf wirft – wenn zwei Afroamerikaner in Brooklyn sich untereinander spaßeshalber als "nigger" anreden, in einer ironischen Neckerei um mehrere Demütigungs-Ecken herum, ist es für einen hinzukommenden Weißen (Caucasian) noch lange nicht statthaft, diese Anrede auch zu verwenden.