Als Journalisten sind wir angehalten, Distanz zu Personen und Ereignissen zu wahren. Wir wollen klar sehen. Klar war es, nach Deniz’ Verhaftung, Solidarität zu zeigen. Enge Freunde und Weggefährten veranstalteten Lesungen mit seinen Texten und belebten die lange unterschätzte Protestform des Autokorsos wieder (die Deniz sehr schätzt).

Es war überwältigend, zu sehen, wie sich Solidarität und Mitgefühl über Mediengrenzen hinweg entfalteten. Bild und taz waren sich plötzlich ganz nah. Mehrmals räumten Zeitungen komplette Seiten leer, um Unterschriftenkampagnen für Deniz abzudrucken. Es geht in diesem Fall eben nicht allein um einen deutschen Journalisten im Gefängnis, es geht nicht "gegen" eine bei uns unbeliebte Regierung – es geht um die Freiheit des Wortes und damit um die Existenzgrundlage unseres Berufes und unserer Gesellschaft.

Allerdings legte Deniz’ Fall auch offen, dass es hier ebenfalls genug Leute gibt, die nicht verstanden haben, dass Rede- und Meinungsfreiheit wichtig und schützenswert sind – selbst wenn ihnen bestimmte Reden und Meinungen nicht gefallen. Neben türkischen Nationalisten und hyperventilierenden Anhängern der Regierungspartei AKP zeigten viele Menschen in Deutschland unverhohlen ihre Freude darüber, dass der "Deutschlandhasser" und "Linksterrorist" Deniz Yücel im Gefängnis sitzt. Viele von ihnen kommen aus den Reihen der AfD. Statt "Free Deniz" rufen sie "Keep Deniz". Er solle im türkischen Gefängnis schmoren. Warum diese Verachtung?

Der Grund findet sich in einem seiner Texte. Dort steht der Satz: "Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite." Die Glosse trägt den Titel: "Super, Deutschland schafft sich ab!" Es ist eine satirische Reflexion der niedrigen Geburtenrate und bezieht sich auf das Buch Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin.

Deniz-Kritiker verbreiten den Satz meist ohne Kontext. So wirkt er auf viele Leute verstörend. Das kann man nachvollziehen. Man kann diesen Satz sogar mit Kontext grandios bescheuert finden und ablehnen. Was aber nicht geht: den Satz grandios bescheuert finden, dessen Urheber in den Knast wünschen – und gleichzeitig die Meinungs- und Gedankenfreiheit hochhalten.

Jene, die Deniz für diesen Satz kritisieren (vermutlich, weil er eine doppelte Provokation darstellt: irgendwas gegen Deutsche, und dann noch von einem Türken), würden wohl "Freiheit! Freiheit!" rufen, handelte es sich bei dem verhafteten Autor um einen Deutschen und bei der Glosse um eine Spitze gegen die Türkei oder Erdoğan.

Auch eine so offene Gesellschaft wie die deutsche ist noch nicht "fertig", was die Wahrung universeller Werte angeht. Den einen Deniz-Verachtern passt die Kritik an der türkischen Regierung nicht, den anderen passt der Türke nicht. Jedoch scheint "der Türke" – auch das war auffällig in diesem Deniz-Jahr ohne Deniz – immer noch ein anderes Gefühl bei uns zu erzeugen als etwa "der Russe". Es gibt vieles an Erdoğan und seiner Regierung zu kritisieren, sie machen es einem leicht. Aber in einer Zeit, in der Deutschland geradezu umgeben ist von autoritären Regierungen, scheint das Autoritäre eines Erdoğan mehr Wut zu entfachen als das eines Putin. Letzterer wird von einigen Linken wie Rechten regelrecht bewundert, zumindest respektiert.

Doch bei der Türkei sind sich alle seltsam einig. Manche tun gerade so, als könnte man gar die Beziehungen abbrechen und halten das für vernünftige Außenpolitik. Mindestens drei Millionen Argumente sprechen allerdings dagegen, so viele Türkeistämmige leben in Deutschland.

Und manchmal scheint die überschießende Kritik an Erdoğan den Blick auf die Türkei vollends zu trüben. Sie hat gewissermaßen Politik gemacht. Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz kündigte im Fernsehduell mit Angela Merkel mal eben an, eine bis dahin feste SPD-Position aufzugeben, die Befürwortung eines türkischen EU-Beitritts. Schneller und billiger kommt man derzeit nicht zu Sympathiepunkten. Ob Schulz sich dabei Gedanken um die vielen Demokraten in der Türkei gemacht hat, ist nicht bekannt.

Die geradezu fetischisierte Wut auf Erdoğan führt im Umkehrschluss dazu, dass jene, die seine Regierung als "Feinde" definiert hat, von vielen hierzulande automatisch als Musterdemokraten wahrgenommen werden. Nach dem Motto: Dein Feind ist mein Freund. So einfach ist das aber nicht. Das weiß einer wie Deniz, weshalb er sich immer dafür einsetzte, in seinen Texten ein mehrdimensionales Bild der Türkei zu schaffen.

Zu einem mehrdimensionalen Bild würde die Tatsache gehören, dass die Säkularen die nun regierenden Frommen lange Zeit von oben herab behandelt haben. Dass viele aus der Gülen-Bewegung alte Verbündete der AKP sind. Dass eine Beteiligung von Gülen-Funktionären an dem Putsch nicht ausgeschlossen werden kann. In linken Tagträumen sind Kurden-Milizen von jeder Schuld frei und haben längst ein basisdemokratisches Utopia in Nordsyrien geschaffen. Menschenrechtsorganisationen, deren Untersuchungen sonst gern zurate gezogen werden, bezweifeln das.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die PKK und ihre Alliierten haben erfolgreich den IS bekämpft und Jesiden gerettet – das sollte man anerkennen. Nur macht sie das in der Region nicht zu den Bewahrern der Menschenrechte. Doch es scheint derzeit einfach zu verlockend, dem bösen Erdoğan dieses naive Bild der "Guten" entgegenzuhalten: die kurdischen Kämpferinnen mit den Maschinenpistolen, so schön und so mutig. Kaum einer würde heutzutage sagen, dass da ein stramm stalinistischer Verein halbe Kinder in den Kampf schickt.

Das Demokratieproblem in der Türkei beschränkt sich nicht auf die Regierung. Die anderen 50 Prozent, die Erdoğan-Gegner, sind nicht automatisch die Verfechter der Demokratie in diesem Land. Sie sind vielmehr eine Feel good- Projektion, während die Demokraten zwischen den Lagern zerrieben werden und viele unserer Journalistenkollegen immer noch unter immensen Repressionen ihre Arbeit machen.

Was würde Kollege Yücel wohl dieser Tage berichten, wenn er in Freiheit wäre? Wahrscheinlich das, was er am besten kann: rastlos nach wichtigen Geschichten suchen, nicht mit Kritik sparen und für ein mehrdimensionales Türkei-Bild streiten, ein Bild, das vielen hier wie dort nicht passt.

Deshalb gilt auch heute: #FreeDeniz. Und immer gilt: Journalismus ist kein Verbrechen.

Mitte Februar erscheint das neue Buch von Deniz Yücel: "Wir sind ja nicht zum Spaß hier".