Weißer Dampf verheißt für Raucher Erlösung. Er kommt aus zigarettenähnlichen Geräten, meist länglich und dünn. Irgendwo an diesen Apparaten ist ein Knopf. Ein Druck darauf aktiviert eine Batterie, die einen Heizdraht unter Strom setzt und dadurch eine Flüssigkeit oder einen Tabakstab mit Nikotin erhitzt. Saugt der Nutzer am Mundstück, jagt ihm Dampf bis tief in die Lungen. Das soll besser sein, jedenfalls gesünder als Zigarettenrauch.

Electronic Nicotine Delivery Systems (ENDS) heißen die sehr unterschiedlichen Nikotin-Inhalatoren. Sie alle haben eines gemein: Es wird darin bei niedriger Hitze Tabak oder eine Flüssigkeit zum Aerosol verdampft. Die Flüssigkeit, im Szenejargon nur "Liquid" genannt, ist eine Mischung aus Wasser, Aromen, Vernebelungsmitteln – und optional Nikotin. Durch die geringere Hitze sollen weniger krebserregende Stoffe entstehen. Mehr als 3,7 Millionen Nutzer saugen weltweit schon am Erfolgsprodukt Iqos. Ginge es nach dem Produzenten Philip Morris, sollen es bald noch viel mehr werden. Gerade hat die Firma bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA einen Antrag gestellt. Sie will ihren Tabak-Erhitzer als "modified risk tobacco product" registrieren lassen – als weniger schädliche Alternative zur normalen Zigarette. Qualmen mit Gesundheitssiegel. Klingt gut – und wäre dringend notwendig. Just haben Autoren im British Medical Journal belegt, dass selbst eine einzige Zigarette pro Tag das Risiko für Herzkrankheiten oder Schlaganfälle beträchtlich erhöht. Ist die E-Zigarette eher Not- statt Sargnagel?

Tatsächlich steckt in der Annahme ein wahrer Kern: Im Tabakrauch sind etwa 4.800 Substanzen, von denen rund 250 giftig und 90 krebserregend sind. Das hat dramatische Folgen: Wer regelmäßig Rauch inhaliert, hat unter anderem ein höheres Risiko, Asthma, eine Herzkrankheit oder einen Schlaganfall zu erleiden. Allein in Deutschland sterben jährlich bis zu 120.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Eine Studie in Tobacco Control rechnete 2017 vor, dass in den USA 1,6 Millionen vorzeitige Todesfälle verhindert werden könnten, wenn ein Großteil der Raucher auf E-Zigaretten umsteigen würde.

Heino Stöver spricht von "Harm-Reduction", Schadensminimierung: "E-Zigaretten sind wichtig im Kampf gegen das Rauchen." Der Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences verweist auf das Beispiel Großbritannien, wo E-Zigaretten schon länger als Mittel gegen das Rauchen gesehen werden. So verwies die Regierungsbehörde Public Health England 2015 auf eine Studie, laut der E-Zigaretten 95 Prozent weniger gesundheitsschädlich seien als die Tabakvariante. Ein Jahr später betonte die Behörde, dass E-Zigaretten Rauchern als Alternative angeboten werden sollen. Die Studie geriet in die Kritik, unter anderem weil fünf der zwölf Autoren Verbindungen zu Tabakgruppen hatten. Es passt ins Muster. Die Zigarettenindustrie hat eine sehr unrühmliche Vergangenheit, was die Gesundheitsaufklärung angeht.

Ob die ENDS wirklich so gesund sind, wird in Deutschland noch immer stark diskutiert. Die Website rauchfrei-info.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) rät von E-Zigaretten als Alternative ab. Die Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) schreibt, dass E-Zigaretten gesundheitlich unbedenklicher sind, warnt aber dennoch vor Gefahren.