Am 3. März 1918, einem lauen Vorfrühlingstag, herrscht auf der Leipziger Messe ein Gedränge wie in Friedenszeiten. Ein besonders dichtes Knäuel hat sich um ein Denkmal mit einem davor postierten erbeuteten englischen tank gebildet. An ihn angelehnt, verkauft ein Mann ein Extrablatt: "Heute um fünf Uhr wurde der Friede in Brest-Litowsk unterzeichnet". "Stück um Stück ging sehr rasch ab", beobachtet der Romanist Victor Klemperer, "und jedes wurde mit den ruhigen und monoton gesprochenen Worten überreicht: 'Rahmen Sie sich das ein – rahmen Sie sich das ein'."

"Eingerahmt" haben sich die Deutschen die Erinnerung an den Frieden von Brest-Litowsk nicht. Im Gegenteil: Nach 1918 setzte rasch ein Prozess des Verdrängens ein. In der Depression über die Niederlage im Westen vergaß man ganz, wie euphorisch man ein halbes Jahr zuvor den Friedensschluss im Osten bejubelt hatte, der noch einmal die Aussicht auf einen Gesamtsieg zu eröffnen schien. Und in der allgemeinen Empörung über den "Schandfrieden" von Versailles übersah man geflissentlich, dass Deutschland dem revolutionären Russland Bedingungen oktroyiert hatte, an denen gemessen sich das Versailler "Diktat" geradezu milde ausnahm.

Alles begann mit der Machtübernahme der Bolschewiki am 7. November 1917 in Petrograd. Bereits einen Tag später richtete der Zweite Allrussische Rätekongress auf Vorschlag Lenins einen Aufruf an alle kriegführenden Mächte, einen sofortigen Frieden zu schließen "ohne Annexionen und Kontributionen". Während Russlands ehemalige Verbündete, England und Frankreich, wenig Neigung zeigten, der Einladung Folge zu leisten, signalisierten die Mittelmächte, Deutschland und Österreich-Ungarn, Verhandlungsbereitschaft. Da man nicht wisse, wie lange sich Lenin halten könne, müsse man "den Moment ausnutzen", um "Faits accomplis zu schaffen", erklärte Österreich-Ungarns Außenminister Ottokar Graf Czernin. Bereits am 15. Dezember schloss man ein Waffenstillstandsabkommen. Es galt zunächst für vier Wochen, während derer förmliche Friedensverhandlungen begonnen werden sollten.

Die deutsche Reichsleitung hatte damit ihr lange verfolgtes Ziel erreicht, die Entente zu sprengen. Wie aber sollte der Frieden mit der bolschewistischen Regierung aussehen?

Brest-Litowsk 1918

Russland musste im März 1918 ein Viertel seines europäischen Territoriums aufgeben. Die heutige Westgrenze des Landes verläuft ein Stück östlich der damals verlorenen Gebiete.

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Darüber war man sich keineswegs einig. Die Oberste Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff wollte die militärische Ohnmacht Russlands ausnutzen, um ihr Kriegsziel-Maximalprogramm durchzusetzen. In den von Ludendorff, dem heimlichen Diktator Deutschlands in den letzten beiden Kriegsjahren, am 16. Dezember 1917 formulierten Richtlinien für die Friedensbedingungen wurde unter anderem die Annexion Kurlands und Litauens einschließlich Rigas verlangt. Polen sollte – bis auf einen an Deutschland abzutretenden Grenzstreifen – formal selbstständig sein, aber eng an die Mittelmächte angeschlossen werden. Ferner richteten sich die begehrlichen Blicke auf die noch gar nicht eroberten nordbaltischen Provinzen Estland und Livland.

Auch die politische Reichsleitung war dem Ziel einer deutschen Vorherrschaft in Osteuropa keineswegs abgeneigt. Doch sollte dies nach ihrem Willen nicht durch direkte Annexionen, sondern in verdeckter Form geschehen – mit Rücksicht auf die Reichstagsmehrheit, die sich im Juli 1917 zu einem "Frieden der Verständigung" bekannt hatte. In einer Rede vor dem Parlament sprach Reichskanzler Graf Georg von Hertling am 29. November 1917 die Hoffnung aus, mit Russland "wieder zu einem nachbarschaftlichen Verhältnis" zu kommen, und fügte hinzu: "Was die ehemals dem Zepter des Zaren unterworfenen Länder Polen, Kurland, Litauen betrifft, so achten wir das Selbstbestimmungsrecht der Völker."

Tatsächlich war die Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht nur ein taktisches Mittel, um einen Ring abhängiger Satellitenstaaten zu schaffen. Wie das vonstattengehen sollte, zeigen die Beispiele Kurlands und Livlands. Hier waren bereits im Herbst 1917 unter dem Druck der deutschen Besatzer Vertretungskörperschaften, sogenannte Landesräte, gebildet worden, die um den "Schutz und Schirm" von Kaiser und Reich baten.

Am 22. Dezember 1917 begannen die Friedensverhandlungen. Ursprünglich hatte die bolschewistische Regierung das neutrale Stockholm als Ort vorgeschlagen, doch die deutsche Seite bestand auf Brest-Litowsk, dem Sitz des deutschen Oberbefehlshabers Ost: Ludendorff wollte die Sache ganz offensichtlich nicht allein den Diplomaten überlassen. Zwar wurde die deutsche Delegation vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Richard von Kühlmann, geleitet, aber als Aufpasser war ihm der Chef des Generalstabes Ober Ost, General Max Hoffmann, zur Seite gestellt. Die österreichisch-ungarische Delegation führte Außenminister Czernin an. Außerdem nahmen Vertreter der mit den Mittelmächten verbündeten Staaten, des Osmanischen Reichs und Bulgariens, teil.