Unsere Beziehung begann mit Michel Houellebecq. Als sie das erste Mal von ihm sprach, strich sie mir gerade über mein Haar, und ich fragte: "Wer?" Bevor sie mir eine Antwort gab, ermahnte sie mich: "Nicht die Beine übereinanderschlagen!" – "Ja, Entschuldigung", sagte ich, leicht beschämt über meinen Wiederholungsfehler, der immer dann passierte, wenn ich mit ihr ins Reden kam. Sie hingegen, sollte ich später erfahren, liebt Multitasking.

Ich: sitzend, sie: stehend, hinter mir. Mein Rücken an ihrem Bauch, mein Kopf an ihrer Brust, in meinem Haar ihre Schere. "Na, Houellebecq!", rief sie lauter, um durch den aufkommenden Föhn zu dringen. Sie zählte auf: "Elementarteilchen, Unterwerfung! Houellebecq! Kennst du nicht?" – "Doch!", rief ich zurück. Ich hatte sowohl Elementarteilchen als auch Unterwerfung gelesen, doch warum, fragte ich mich, während sie wieder in meine Haare griff, hatte ich den Namen nicht verstanden, als sie ihn aussprach? Lag es an den Störgeräuschen um uns herum, Föhnrauschen, Wassergeplätscher, Telefonklingeln? Oder – beschämender Gedanke – daran, dass sie meine Friseurin war?

Ich rekonstruierte rasch den Einstieg unserer Unterhaltung. Sie: "Was machst du beruflich?" Ich: "Schreiben." Sie: "Ich liebe lesen, ich kann nicht verstehen, wenn jemand keine Zeitungen liest oder keine Bücher." Ich: "Was liest du denn?" Dann sagte sie den Namen des französischen Schriftstellers.

"Gerade sitzen!" Ich gehorchte und ordnete meine Beine. So schnell, wie Houellebecq in unsere Beziehung getreten war, ging er auch wieder. In der nächsten Stunde, bis ich aufstand und bezahlte, kamen noch hinzu: Gustl Mollath, jener Mann, der, wie ein Gericht entschied, sieben Jahre zu Unrecht in der forensischen Psychiatrie saß. Thilo Sarrazin, jener Mann, der die Sorge äußerte, dass Deutschland sich abschaffe. Und Matias Faldbakken, jener Mann aus Norwegen, der seine Prosa vor Jahren mit dem Slogan bewarb: Wo Houellebecq aufhört, fängt Faldbakken an.

Es war ein Zufall, dass Rieke mir an diesem Tag die Haare schnitt, sie war eingesprungen für ihre kranke Kollegin. Zuvor hatte ich sie, die erst einige Monate in dem Salon arbeitete, ein paarmal gesehen. Sie war mir aufgefallen wegen der Härte, mit der sie eine Kundin zurechtwies, dass sie bitte nicht ihre Kaffeetasse auf das Ledersofa stellen möge. In unserem Gespräch empfand ich dann eine Zartheit in der Art, wie sie ihre Sätze formulierte. Diese Zartheit war aber immer auf der Kippe umzuschlagen.

Ein paar Wochen nach unserer ersten Begegnung, mein Rücken wieder an ihrem Bauch, mein Kopf an ihrer Brust, fragte ich: "Wollen wir uns mal treffen, ohne Schere in meinem Haar?"

Wir verabreden uns in ihrem Stammrestaurant, einem Vietnamesen auf St. Pauli, wo sie oft ihre Mittagspause verbringt. Rieke strahlt und umarmt mich, als seien wir Freundinnen. Sie schaut sich im Restaurant um und sieht: eine Frau, Kurzhaarfrisur, aber am Nacken zu lang: "Total rausgewachsen! Horror!" Einen Tisch weiter, drei junge Frauen, alle blond, alle gebräunt: "Instagram-Opfer! Wollen sein wie jemand anderes und ziehen sich einen Style an. Das sind leere Personen, kommen die zu mir, ist nicht viel zu holen. Ein Waldschrat wäre interessanter."

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, Rieke außerhalb ihres Arbeitsplatzes mein Vorurteilsgeständnis zu machen. Aussage, Punkt, dazu vielleicht ein: Wie dumm von mir. Aber dann bringe ich meine Selbstkritik nur in Form von Fragen heraus.

"Sag mal, Rieke, meinst du, ich habe das nicht für naheliegend gehalten, diese Verknüpfung von einem Literaten und dir, einer Friseurin? Wollte ich den Namen Houellebecq vielleicht gar nicht verstehen?"

Rieke, unbeeindruckt: "Klar, kann schon sein, viele meiner Kunden erwarten nicht, dass wir über Literatur reden, Myanmar oder Bauhausarchitektur."

Ich: "Nervt dich das nicht?"

Rieke, noch unbeeindruckter: "Nö, ist mir egal. Wenn sie nach ein, zwei Sätzen verstanden haben, dass ich was im Kopf habe, überlassen sie mir ihren Kopf. Mach mit den Haaren, was du möchtest, sagen sie, und ich muss sie von nichts mehr überzeugen."