Hans-Ulrich Fluß hätte es kaum noch für möglich gehalten, aber seitdem das Leben zurückgekehrt ist in dieses große alte Eckhaus, nur ein paar Schritte von seiner Wohnung entfernt, hat er wieder was zu tun. Fluß steht jetzt oft im ersten Stock am Wohnzimmerfenster und schaut hinüber. Neulich versammelten sich Demonstranten vor dem Haus, und auf ihren Plakaten las Fluß Sätze wie "Euer Luxus ist unsere Armut". Er beobachtet auch die Streifenwagen der Polizei, die nun mehrere Male am Tag vorbeikommen. In solchen Momenten holt Hans-Ulrich Fluß seine Kamera und macht ein Foto.

Er steht da am geöffneten Fenster, so wie vor ihm sein Vater und sein Großvater dort standen. Seit 1906 haben die Männer der Familie Fluß dokumentiert, wie sich der Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg verwandelt hat, Hans-Ulrich führt diese Tradition fort. Die Fotoalben bewahrt er in seinem Wohnzimmer auf, wo eine Standuhr geruhsam vor sich hintickt und sich viele, sehr viele Flugzeugmodelle in Eichenvitrinen zwängen.

Hans-Ulrich Fluß lebt allein, ist 69 Jahre alt und wird oft mit dem SPD-Politiker Heinz Buschkowsky aus Neukölln verwechselt. Als Fluß jung war und sein Chronistendasein begann, spezialisierte er sich auf "Menschenaufläufe und Demos aller Art". Eine kluge Wahl, schließlich war der Oranienplatz in den Siebzigern und Achtzigern die Freilichtbühne der Kreuzberger Linken und Autonomen. Die Straßenschlachten zum 1. Mai lieferten Jahr für Jahr verlässliche Höhepunkte. Aber dann schien die Zeit an Fluß vorbeizugehen. Zuletzt stand er nur noch selten am Fenster. "Ick hab sogar umgestürzte Bäume fotografiert. Bäume!"

Seit dem vergangenen Sommer bieten sich wieder mehr Fotomotive an, dem Eckhaus sei Dank. Vor ein paar Wochen verließ Fluß einmal seinen Beobachterposten und ging hinaus auf den Platz, um eine Nahaufnahme zu machen. Als vollziehe er eine Amtshandlung, schritt er zu dem fünfstöckigen Gebäude mit seiner Fassade aus Naturstein, das so lange leer stand und in dem nun ein Hotel namens Orania residiert. Nicht wenige Menschen in Kreuzberg hassen dieses Hotel. Wie sehr, kann jeder sehen, der daran vorbeigeht.

Da sind die Spuren von fünf Straftaten, bei denen der Staatsschutz eine "politisch linke Motivation" vermutet: auf der Fassade die Farbbeutelflecken, zerlaufen wie beim Action-Painting; in den Scheiben die Sprünge und Risse, die sich spinnennetzartig ausbreiten.

"Ick schätze mal, die meisten Hotelgäste sind Ausländer", sagt Fluß. "Oder Bayern. Die gehen nach Hause und sagen: Ick hab die Bronx überlebt. Mein Tipp an die Betreiber: Mit den eingeschmissenen Scheiben kannste Reklame machen."

Hans-Ulrich Fluß hält die Kamera vor die Scheibe. Und drückt auf den Knopf.

Drei U-Bahn-Stationen vom Alexanderplatz entfernt, 20 Minuten Fußweg vom Außenministerium und 300 Meter Luftlinie vom sozialen Brennpunkt Kottbusser Tor entfaltet sich in diesen Wochen ein Drama: In Kreuzberg eröffnet ein Hotel – und mehr als nur ein paar Steinewerfer finden, es mache Kreuzberg kaputt.

Ja, das Orania ist nur eines von 797 Hotels in Berlin. Nein, anders als damals am 1. Mai gibt es diesmal keine Verletzten, zumindest nicht im körperlichen Sinn. Aber hier am Oranienplatz wirkt es fast so, als wäre die Zeit der alten Straßenkämpfe zurückgekehrt: die Stunde des Entweder-oder, wenn jeder wählen muss, auf welcher Seite er steht. Es ist ein Konflikt, wie ihn viele Städte im Land erleben. In Köln ziehen Demonstranten unter dem Motto "Das Problem heißt Verdrängung" durch die Straßen. In München brennen Autos von Immobilienfirmen. Im Hamburger Schanzenviertel verbarrikadieren sich Protestler in einem Restaurant, das weichen soll, weil das Haus den Besitzer gewechselt hat.

Der Anwohner und Fotograf Hans-Ulrich Fluß, Chronist des Wandels © Fabian Brennecke für DIE ZEIT

Wie viel Wandel verträgt eine Nachbarschaft, wie viele Gegensätze passen in ein Stückchen Stadt? Wer verdrängt wen, das Neue das Alte oder das Alte das Neue? Und was richtet die Wut über steigende Mieten und die Herrschaft des Geldes bei denen an, die davon getroffen werden?

Wie ein riesiger Riegel steht das neue Hotel an genau der Stelle, wo der Oranienplatz sich verengt; als überwache es den Zugang zu der Straße, die hier beginnt. 700 Meter Altbauschlucht. Die Fassaden eher abgasgrau als frisch gestrichen. Die Bürgersteige eher belebt als leer. Das ist nicht irgendeine Straße. Es ist die Oranienstraße, wo sich mitten in der deutschen Hauptstadt die achtziger Jahre in die Gegenwart herübergerettet haben. Es gibt hier keinen Starbucks, sondern die Weinhandlung Suff. Nicht die x-te Adidas-Filiale, sondern das Bekleidungsgeschäft Luzifer. Das Café Alibi. Das Hanfhaus. Das Wollparadies Fadeninsel. Den Konzertclub SO36, Hochburg der Punkmusik. Besucher können hier Berlin-Klischees ablaufen, in der Hand den Reiseführer Lonely Planet, erschienen in zehn Sprachen, der die "schäbige Oranienstraße" hervorhebt. Gritty Oranienstrasse. Caotica Oranienstrasse. Über das neue "Luxus Boutique Hotel" steht noch nichts in den Berlin-Führern.