Hans-Ulrich Fluß hätte es kaum noch für möglich gehalten, aber seitdem das Leben zurückgekehrt ist in dieses große alte Eckhaus, nur ein paar Schritte von seiner Wohnung entfernt, hat er wieder was zu tun. Fluß steht jetzt oft im ersten Stock am Wohnzimmerfenster und schaut hinüber. Neulich versammelten sich Demonstranten vor dem Haus, und auf ihren Plakaten las Fluß Sätze wie "Euer Luxus ist unsere Armut". Er beobachtet auch die Streifenwagen der Polizei, die nun mehrere Male am Tag vorbeikommen. In solchen Momenten holt Hans-Ulrich Fluß seine Kamera und macht ein Foto.

Er steht da am geöffneten Fenster, so wie vor ihm sein Vater und sein Großvater dort standen. Seit 1906 haben die Männer der Familie Fluß dokumentiert, wie sich der Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg verwandelt hat, Hans-Ulrich führt diese Tradition fort. Die Fotoalben bewahrt er in seinem Wohnzimmer auf, wo eine Standuhr geruhsam vor sich hintickt und sich viele, sehr viele Flugzeugmodelle in Eichenvitrinen zwängen.

Hans-Ulrich Fluß lebt allein, ist 69 Jahre alt und wird oft mit dem SPD-Politiker Heinz Buschkowsky aus Neukölln verwechselt. Als Fluß jung war und sein Chronistendasein begann, spezialisierte er sich auf "Menschenaufläufe und Demos aller Art". Eine kluge Wahl, schließlich war der Oranienplatz in den Siebzigern und Achtzigern die Freilichtbühne der Kreuzberger Linken und Autonomen. Die Straßenschlachten zum 1. Mai lieferten Jahr für Jahr verlässliche Höhepunkte. Aber dann schien die Zeit an Fluß vorbeizugehen. Zuletzt stand er nur noch selten am Fenster. "Ick hab sogar umgestürzte Bäume fotografiert. Bäume!"

Seit dem vergangenen Sommer bieten sich wieder mehr Fotomotive an, dem Eckhaus sei Dank. Vor ein paar Wochen verließ Fluß einmal seinen Beobachterposten und ging hinaus auf den Platz, um eine Nahaufnahme zu machen. Als vollziehe er eine Amtshandlung, schritt er zu dem fünfstöckigen Gebäude mit seiner Fassade aus Naturstein, das so lange leer stand und in dem nun ein Hotel namens Orania residiert. Nicht wenige Menschen in Kreuzberg hassen dieses Hotel. Wie sehr, kann jeder sehen, der daran vorbeigeht.

Da sind die Spuren von fünf Straftaten, bei denen der Staatsschutz eine "politisch linke Motivation" vermutet: auf der Fassade die Farbbeutelflecken, zerlaufen wie beim Action-Painting; in den Scheiben die Sprünge und Risse, die sich spinnennetzartig ausbreiten.

"Ick schätze mal, die meisten Hotelgäste sind Ausländer", sagt Fluß. "Oder Bayern. Die gehen nach Hause und sagen: Ick hab die Bronx überlebt. Mein Tipp an die Betreiber: Mit den eingeschmissenen Scheiben kannste Reklame machen."

Hans-Ulrich Fluß hält die Kamera vor die Scheibe. Und drückt auf den Knopf.

Drei U-Bahn-Stationen vom Alexanderplatz entfernt, 20 Minuten Fußweg vom Außenministerium und 300 Meter Luftlinie vom sozialen Brennpunkt Kottbusser Tor entfaltet sich in diesen Wochen ein Drama: In Kreuzberg eröffnet ein Hotel – und mehr als nur ein paar Steinewerfer finden, es mache Kreuzberg kaputt.

Ja, das Orania ist nur eines von 797 Hotels in Berlin. Nein, anders als damals am 1. Mai gibt es diesmal keine Verletzten, zumindest nicht im körperlichen Sinn. Aber hier am Oranienplatz wirkt es fast so, als wäre die Zeit der alten Straßenkämpfe zurückgekehrt: die Stunde des Entweder-oder, wenn jeder wählen muss, auf welcher Seite er steht. Es ist ein Konflikt, wie ihn viele Städte im Land erleben. In Köln ziehen Demonstranten unter dem Motto "Das Problem heißt Verdrängung" durch die Straßen. In München brennen Autos von Immobilienfirmen. Im Hamburger Schanzenviertel verbarrikadieren sich Protestler in einem Restaurant, das weichen soll, weil das Haus den Besitzer gewechselt hat.

Wie viel Wandel verträgt eine Nachbarschaft, wie viele Gegensätze passen in ein Stückchen Stadt? Wer verdrängt wen, das Neue das Alte oder das Alte das Neue? Und was richtet die Wut über steigende Mieten und die Herrschaft des Geldes bei denen an, die davon getroffen werden?

Wie ein riesiger Riegel steht das neue Hotel an genau der Stelle, wo der Oranienplatz sich verengt; als überwache es den Zugang zu der Straße, die hier beginnt. 700 Meter Altbauschlucht. Die Fassaden eher abgasgrau als frisch gestrichen. Die Bürgersteige eher belebt als leer. Das ist nicht irgendeine Straße. Es ist die Oranienstraße, wo sich mitten in der deutschen Hauptstadt die achtziger Jahre in die Gegenwart herübergerettet haben. Es gibt hier keinen Starbucks, sondern die Weinhandlung Suff. Nicht die x-te Adidas-Filiale, sondern das Bekleidungsgeschäft Luzifer. Das Café Alibi. Das Hanfhaus. Das Wollparadies Fadeninsel. Den Konzertclub SO36, Hochburg der Punkmusik. Besucher können hier Berlin-Klischees ablaufen, in der Hand den Reiseführer Lonely Planet, erschienen in zehn Sprachen, der die "schäbige Oranienstraße" hervorhebt. Gritty Oranienstrasse. Caotica Oranienstrasse. Über das neue "Luxus Boutique Hotel" steht noch nichts in den Berlin-Führern.

Wir gegen die, Aufstand als Alltag

An einem verschneiten Freitagmorgen sitzt eine Reisebuchautorin im Hotel Orania auf einem orangefarbenen Sofa und ist neugierig auf den Mann, der es eingerichtet hat und betreibt. Sie ist für die nächste Auflage des Lonely Planet unterwegs und will mal diesen Dietmar Müller-Elmau kennenlernen, den seine Gegner den "Schlossherrn aus Bayern" nennen, den "Milliardär", den "Totengräber Kreuzbergs", und der jetzt auf sich warten lässt. Die Reisebuchautorin studiert den Saal. Viel Holz, warme Farben, Bücher, ein Kamin. An zwei Seiten, zur Straße und zum Platz hin, riesige Fensterfronten. In der Ecke, wie in einem Showroom, ein Steinway-Flügel. Stille. Wer diesen Saal betritt und in einem der Sessel und Sofas versinkt, denen sie die Beine abgesägt haben, um sie auf die niedrige "italienische Sitzhöhe" zu bringen, der fühlt sich wie auf einem Tauchgang.

Draußen schiebt sich ein Sightseeing-Bus durch den Verkehr, träge wie ein Wal. Ein stummer Krankenwagen mit Blaulicht. Geräuschlos hastende Menschen, Kopftücher, Plastiktüten vom Discounter. Der ein oder andere Passant bleibt stehen, betrachtet die versehrten Scheiben und mag sich denken: Absicht? Kunst vielleicht?

Dann nähert sich dem Sofa ein großer Mann mit langem Haar und kragenlosem Leinenhemd. Dietmar Müller-Elmau ist 63 Jahre alt und eigentlich woanders zu Hause: Er führt in dritter Generation Schloss Elmau, das er zu einem eigenwilligen Ort ausgebaut hat, einer Mischung aus Luxushotel und Kulturfabrik. Bedeutende Denker halten dort Vorträge, die besten Musiker der Welt treten auf, beim G7-Gipfel unterhielten sich Angela Merkel und Barack Obama, im Hintergrund wie eine Fototapete das Wettersteinmassiv. Schloss Elmau versteckt sich in einem Alpental, am Ende einer engen Straße. Maximaldistanz zum Oranienplatz, in jeder Hinsicht.

Müller-Elmau könnte der Reisebuchfrau nun sein neues Schwesterhotel anpreisen, die 41 Zimmer, könnte die Leuchten von Enzo Catellani erwähnen und die Kissenstoffe von Andrew Martin, er könnte sie die Holzvertäfelung streicheln lassen, die Feigenbaumrinde aus Uganda, die amerikanische Kirsche, den Palisander, das Bubinga. Stattdessen redet er über seine Kritiker, und er redet schnell und viel. Er nehme keinem etwas weg, sagt er, man hätte in dieses Gebäude nur Lofts oder Büros setzen können, und das hätten die Linken ja auch nicht gewollt. "Wir sind hier wegen Kreuzberg. Weil wir dieses Kreuzberg lieben. Wir wollen auch nicht, dass alles verschwindet, was es charmant macht."

Müller-Elmau beugt sich vor. Die Reisebuchfrau lehnt sich zurück. Als der Redestrom kurzzeitig dünner wird, ergibt sich die Chance auf eine Frage. "Und die Scheiben? Lassen Sie die so?"

"Neinnein. Die reparieren wir. Sollen wir sagen: Ist eh alles egal? Uns ist es nicht egal. Dass man klein beigibt, das ist doch nicht die Kultur von Kreuzberg. Widerspruch ist ja hier wichtig. Also widersprechen wir dem Widerspruch. Wir sagen: Wir sind auch Kreuzberg. Wir lassen uns das nicht gefallen."

Die Reisebuchfrau ist bald erschöpft. "Ja schön. Vielen Dank."

Müller-Elmau aber lässt sie nicht gehen. Er will noch eine Lobrede auf den Oranienplatz halten. "Die Offenheit! Die Leute. Die Roma, die sich prügeln. Die Kinder vom Kindergarten, die vorbeiwatscheln wie eine Entengruppe. Die Drogensüchtigen. Alles durcheinander, verstehen Sie? Ein urbaner Ort! Hier ist noch normales Berlin."

Müller-Elmau spricht nun von Heidegger, Gandhi, Mandela, vom Lebensprinzip der unangepassten Individualität, von Jugendjahren der Rebellion und Reisen nach Indien, vom Fließen des Wassers und von der Ruhe des Steins.

"Also gut. Jetzt zu den praktischen Dingen: Kommen wir in den Lonely Planet oder nicht?"

Beide lachen. Die Reisebuchfrau nickt. Ein paar Tische weiter wartet die Kollegin von der Süddeutschen. Sie wartet schon länger.

Man merkt es Dietmar Müller-Elmau an: Er ist ein getroffener Mensch. Was haben die da draußen nur gegen mich?

"Die Arroganz des Geldes." Das ist das Erste, was Claudia Schöpping zum neuen Nachbarn in den Sinn kommt. Seit einem halben Jahr blickt sie von ihrem Keramikladen o-ton auf das Orania, gleich auf der anderen Straßenseite. Ihr Schaufenster ist frei von Sprüngen und Rissen. Dafür hängt dort ein Plakat: "WIR SIND DIESE STRASSE". Ein Schrei in Großbuchstaben: Ihr seid es nicht.

Man erwartet hinter dieser Scheibe selbstgerechte Wut – und trifft auf einen Menschen, der mit sich ringt, seinen Idealen von Respekt und Toleranz. Da steht eine zierliche Frau mit fleckigen Jeans in einem Laden, der auch Werkstatt ist, umgeben von Töpferscheiben und dem Geruch der Erde. Gerade rührt sie mit einer Klobürste in einem Plastikeimer herum. Die Glasur. "Gemahlener Feldspat. Selbst entwickeltes Rezept."

Mit scheuem Stolz zeigt Claudia Schöpping ihre Arbeit. Ihre Hände walken den Ton und formen ihn zu Tassen, und genauso behutsam erzählt sie von ihrem Leben. Wie sie 1981 mit 22 Jahren aus dem Westerwald aufbrach Richtung Kreuzberg. In dieses Reich der ausgemergelten Altbauten nahe der Mauer, gut genug nur für Gastarbeiter aus der Türkei, es war ja schon zum Abriss freigegeben; auf den Plänen bedeckte ein riesiges Autobahnkreuz den Oranienplatz. Wie sie dann mit Freunden eine leer stehende Fabrik für Spielzeug-Nähmaschinen in der Nähe der Oranienstraße besetzte, Tischler, Musiklehrer, ein Taxikollektiv, die gemeinsam Altes bewahrten und Neues schufen. Wir gegen die, Aufstand als Alltag, Hausbesetzer gegen Hausbesitzer. Die Altlinken von heute haben damals ihr Viertel vor dem Alles-muss-weg-Wahn der Stadtplaner gerettet.

Die Furcht vor reichen Bayern

1990 eröffnete Schöpping dann ihren Laden und dachte, nun bin ich angekommen. Dieses Haus, in dem sie sich über die Jahre einen Kundenstamm ertöpfert hat, war – wie so viele Altbauten in der Oranienstraße – im Besitz einer stadteigenen Gesellschaft. Aber die fiel 2004 an ein Investment-Konsortium, wurde dann weitergereicht an ein Unternehmen, das seinen Wert täglich an der Börse beweisen muss. Später als in München oder in Hamburg, dafür umso heftiger zog der Immobilienkapitalismus in Kreuzberg ein. Seitdem kämpft Claudia Schöpping um Höhe und Dauer ihres Gewerbemietvertrags. Seitdem sorgt sie sich um die Zukunft.

"Tja. Und jetzt guckst du da drauf. Tagaus, tagein."

Manchmal sieht Claudia Schöpping, wie drüben die Tür aufgeht. Dann überquert ein Hotelgast die Straße und steht plötzlich bei ihr im Laden. Nette Leute. Kaufen auch mal eine Tasse mit Goldrand für 22 Euro. Was nichts daran ändert, dass Schöpping im Hotel Orania alle ihre Ängste verkörpert sieht. Sie wägt ihre Worte, nähert sich tastend diesem Ding, das ihren Frieden stört: "... abstrakter Fremdkörper ... Vorbote, dass sich andere Menschen breitmachen ..." Zuerst die wohlhabenden Hotelgäste mit Spaß am Geldausgeben. Dann die Immobilienbesitzer, die von den neuen Leuten profitieren wollen, also Hanfladen raus und Hugo Boss rein, Café Alibi raus und Edelitaliener rein. In den Albträumen einer Claudia Schöpping spazieren am Ende Unternehmensberater, erfolgreiche Start-up-Jünglinge und Erben ohne Kreditkartenlimit in der Oranienstraße herum und denken sich: Hier würde ich auch gern wohnen.

O-ton gegen Orania. 28 Jahre in der Straße gegen ein halbes. Hat Claudia Schöpping demnach ein 56-fach höheres Recht als Dietmar Müller-Elmau, die Oranienstraße "Heimat" zu nennen? Und was würde daraus folgen? Nirgendwo im Land steigen die Mieten so stark wie in Berlin, nirgendwo in Berlin steigen sie schon jetzt so sehr wie in Kreuzberg. In der Gegend um den Oranienplatz, Kinderarmut 64 Prozent, Migrantenanteil 70 Prozent, hört man Geschichten von Familien, die zu zwölft in einer Zweizimmerwohnung ausharren, weil sie sich nichts anderes leisten können. Er musste wohl um sich greifen, der Verdacht, dass ein "Luxus Boutique Hotel" dazu beiträgt, den Kiez noch teurer zu machen.

Dietmar Müller-Elmau kam nach Kreuzberg und erwartete Rock ’n’ Roll. Er traf auf Menschen, die sich an das klammern, was sie aufgebaut haben. Die sich vor der Enteignung ihrer Lebensgeschichte sehen. Und darin – und nur darin – vielleicht mehr mit manchen AfD-Wählern gemein haben, als sie sich selber zugestehen würden. Die AfD-Wähler fürchten den großen Bevölkerungsaustausch, die Kreuzberger fürchten ihn auch. Die einen haben Angst vor armen Syrern, die anderen vor reichen Bayern.

Er hatte von Beginn an alles richtig machen wollen. Er holte einen 36-Jährigen als Geschäftsführer, der tätowiert ist und ein Sternekoch dazu, und schuf fünfzig Arbeitsplätze, lauter junge und motivierte Leute. Vor der offiziellen Eröffnung planten sie ein Nachbarschaftsfest. Sie fragten eifrig im Viertel herum, wen sie einladen sollten. Als sich dann an einem Tag im August Anwohner durch die Zimmer schoben, liefen draußen schon die Gegner mit ihren "Orania kills Kreuzberg"-Slogans auf. Klar ist heute: Dietmar Müller-Elmau trat vor die Tür. Er sagt: Ich habe sie eingeladen, ins Hotel zu kommen. Die Demonstranten sagen: Er wollte uns nicht reinlassen. Der Gesprächsversuch scheiterte.

So ging es weiter. Die Hotelleute besuchten die Buchhandlung neben dem Keramikladen und bestellten für mehrere Tausend Euro Bücher. Es gab eine Annäherung, eine gemeinsame Idee: Man könnte doch Autorenlesungen im Orania ...? Wurde nichts. Heute sagen die Hotelleute: Die wollten nichts mehr von uns wissen. Die Buchhändlerin sagt, sie habe keine Zeit, mit Journalisten zu reden.

Eine Mitarbeiterin des Hotels ging zu einem weiteren Buchladen auf der Oranienstraße und fragte, ob sie ein paar Magazine ausleihen dürfe, für ein Fotoshooting. Kein Problem, hieß es. Dann sah der Verkäufer auf ihrer Visitenkarte, woher die Besucherin kam, und warf sie hinaus. Heute sagt der Inhaber dieses Ladens: "Die dachten, sie werden hier mit offenen Armen empfangen. Was für eine Hybris." Er ist einer von den altlinken Zugezogenen der achtziger Jahre, so wie Claudia Schöpping. Die Frau vom Orania, die damals bei ihm war, ist in Berlin geboren und aufgewachsen, nicht weit von Kreuzberg entfernt. Wer darf jetzt "Heimat" sagen?

Im Hotel traf eine Beschwerde ein. Der Rauch aus dem Kamin des Orania ziehe störend über die Straße. Müller-Elmau ließ den Schornstein verlängern.

Müller-Elmau dachte, es wäre eine gute Geste, Läden aus der Nachbarschaft auf seiner Website zu verlinken. Als Einkaufstipp für die Hotelgäste. Nein danke, sagten die Läden.

Je näher er ihnen rückt, je öfter er ihre "spannenden Biografien" würdigt, desto weiter rücken sie von ihm ab. Glaubt man seinen Gegnern, dann kann man denken: Müller-Elmau zapft das Flair von Kreuzberg an wie ein Großkonzern die Ölvorkommen in einem Naturschutzgebiet. Und verkauft es an die Lonely Planet-Welt.

Es kam der Tag, an dem Dietmar Müller-Elmaus Gesicht auf Mülleimern im Viertel klebte. Die Nacht, in der ein Trupp Schwarzgekleideter anrückte, mit Rauchbomben die Sicht vernebelte, mit Hämmerchen gegen die Scheiben klopfte, als seien es Frühstückseier, und zu den Steinen griff. Als die Polizei nach vier Minuten vorfuhr, waren die Schwarzgekleideten in der Dunkelheit abgetaucht. Sie schienen sich auszukennen am Oranienplatz.

Es ist Abend geworden. Claudia Schöpping hat stundenlang geredet und nachgedacht. Noch ein Blick nach drüben. "Ich hab das Gefühl, da steht eine Mauer zwischen dem und mir." Spätestens in diesem Moment ist man als Reporter selber gefangen in diesem Konflikt. Man hat nun fast das Gefühl, man verstoße gegen das Gesetz, wenn man die Straße überquert und die wuchtige Eingangstür zum Orania öffnet. Nicht dass man noch gesehen wird, wie man die Seiten wechselt. Und während drüben eine zierliche Frau ihren Laden kehrt, das Licht löscht und vom Feierabendgewühl verschluckt wird, stehen hier jetzt Menschen im Mantel an der Rezeption, rollen Koffer in den Aufzug, treten Geschäftsleute und Urlauber in geschmackvolle Zimmer, von denen die billigsten knapp über 100 Euro kosten, eher Motel One als Hotel Adlon, und die teuersten Suiten an die 400 Euro, eher Hotel Adlon als Motel One, und lesen handgeschriebene Grüße: "Wir hoffen, Sie genießen die Zeit im urbanen Herzen der Stadt ..."

Unten füllt sich der Saal. Vollbärtige Kellner, denen das unterwürfige Lakaientum abgeht, wie es mitunter in teuren Hotels herrscht, balancieren Weingläser, und am Steinway improvisiert ein Jazzpianist vor sich hin.

Der Hotelier will wirklich alles richtig machen

Kommt man später mit ihm ins Gespräch, dann gerät er ins Schwärmen. Im Orania spielen fast jeden Abend ein bis zwei interessante Gruppen oder Solokünstler. Endlich ein Ort, sagt der Pianist, an dem er sich nicht wie ein Diener fühle, hier bekomme er ein anständiges Honorar, und das erlaube ihm, für nichts oder fast nichts in den "ranzigen Läden" wie dem SO36 aufzutreten, letztlich: von seinem Beruf zu leben.

Müller-Elmau lässt im Orania nur Künstler spielen, die in Berlin wohnen. Vorzugsweise in Kreuzberg. Er will wirklich alles richtig machen.

Lernt man ihn näher kennen, lösen sich Klischees auf. Man vergisst dann bald, dass man es mit einem "elitären Hotelier" und "gierigen Investor" zu tun haben soll. Der "Milliardär" ist keiner, und das Hotel Orania gehört ihm gar nicht. Der "Schlossbesitzer aus Bayern" beschäftigt Flüchtlinge und bringt in Elmau jüdische und muslimische Intellektuelle zusammen.

Vor ein paar Stunden blickte man noch mit den Augen einer Claudia Schöpping auf die andere Straßenseite, nun sitzt man im Orania und denkt: Schon toll, was hier geschaffen wurde. Man erinnert sich daran, wie man in den Fotoalben des Lokalchronisten Hans-Ulrich Fluß herumblätterte. Auf den Bildern, die sein Großvater in der Weimarer Zeit machte, ist der Oranienplatz so postkartenwürdig wie kein anderer Platz Berlins. Kaufhäuser, Straßenbahnen, ein Kanal, ein kleiner Park. In dem Eckhaus an der Oranienstraße gab es damals jeden Tag Kabarett, "Café Oranien-Palast", die große Show der zwanziger Jahre in Berlin.

Schönheit, fotografiert in Schwarz-Weiß – nach Krieg und Mauerbau abgelöst vom Niedergang in Farbe. Ab und zu mal ein Geschäft, eine Kneipe, am Ende wieder Leerstand. Die Fenster vernagelt, zugeklebt mit Plakaten, bekritzelt mit Demo-Aufrufen.

Es war dann ein enger Freund von Dietmar Müller-Elmau, ein wohlhabender Anwalt, der sich in das Haus Oranienplatz 17 verliebte, es kaufte und sich in den Kopf setzte: Ich belebe den Oranien-Palast wieder und heile ein kleines Stück Berlin. Müller-Elmau hielt das für eine Liebhaberfantasie seines Freundes, eine Schnapsidee, ließ sich aber von der Sache begeistern. Und steckt jetzt da drin.

Jede Metropole schwärmt von Epochen vergangener Größe. Berlin hat die goldenen Zwanziger und die abgefuckten Jahre Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger. Kurt Tucholsky und David Bowie. Kabarett und wildes Kreuzberg.

Die Gegner des Hotels erinnern sich an die Freiheit ihrer Jugend, an die Zeiten der selbstgedrehten Zigaretten und selbstverwalteten Häuser. Müller-Elmau und sein Freund träumen sich weiter zurück, ins schöne alte Berlin. Der Streit um das Orania, er handelt auch von der Suche nach einer Identität, die sich aus dem Früher speist.

Misst man die Aussichten einer Protestbewegung daran, ob sie neben verlässlichen Feindbildern auch über Heldenfiguren verfügt, dann haben die Verteidiger der Oranienstraße ganz gute Chancen. Fünf Häuser vom Hotel entfernt liegt der "Oranien Spätkauf". In der Tür steht an diesem Vormittag eine kleine Frau mit müden Augen und rauer Stimme, die Fremde so herzlich empfängt wie Altbekannte: "Hallo, Schatz, kann ich dir helfen?"

Sie steht da, als bewache sie das Lädchen hinter sich, vollgestopft mit Getränkekisten und Süßigkeitenregalen: Zekiye Tunc, Tochter türkischer Gastarbeiter, Mutter und Großmutter, 56 Jahre alt, seit 44 Jahren Kreuzbergerin. An ihrer Weste trägt sie einen Anstecker: I love ORA. "Mein Dorf hier", sagt sie und meint die Oranienstraße.

Wann immer man Zekiye Tunc besucht, in ihrem Späti ist Rushhour. "Ist Treffpunkt für ganzen Kiez", sagt sie. Ein Junge kauft einen Schokoriegel, eine Frau hinterlegt einen Schlüssel, einer fragt nach sechs Eiern, ein anderer nach Tabak, eine ältere Dame will Small Talk auf Türkisch halten, und ein junger Mann ist auf der Suche nach seiner "Scheiß-Hausverwaltung", die ihm gerade eine fristlose Kündigung geschickt hat, er will ganz schnell 2.100 Euro Miete in bar vorbeibringen, ob Frau Tunc wisse, wo er hinmüsse?

Eine Frau, an der Hand einen kleinen Jungen, dreht sich um und sagt: "Hausverwaltungen sind eh alle scheiße."

"Die Löwin der Oranienstraße" – Zekiye Tunc blickt ein wenig beschämt, wenn man den Kampfnamen erwähnt, den ihre Nachbarn für sie erfunden haben. So als wisse sie selber nicht, wie ihr geschieht. Es begann 2015. Als das künftige Hotel Orania gerade von Baugerüsten verhüllt war, bekam Zekiye Tunc per Brief die Kündigung. Sie sollte ihren Späti verlassen, ohne Angabe von Gründen, nach all den Jahren. Sie nahm sich einen Anwalt, und im Frühjahr 2017, als im Hotel Orania gerade die Betten geliefert wurden, entschied ein Gericht, dass Zekiye Tunc ihren Laden räumen müsse. Der Vermieter habe wohl "einen Latte-macchiato-Schuppen" gewollt, sagt Tuncs Anwalt, der sie jeden Tag im Laden besucht und manchmal eine Zigarette schnorrt. Die Immobilienfirma, die das Haus besitzt, sagt nichts zum Fall Tunc. Sie selbst sagt: "Ist für mich kein Mensch, der so was macht."

Immer enger getaktete Befristungen. Mieterhöhungen von vierzig, sechzig, hundert Prozent. Oder gleich das Todesurteil, die plötzliche Kündigung. Fast alle Ladenbesitzer in der Oranienstraße und viele andere in Kreuzberg machen solche Erfahrungen.

Anders als bei Wohnungen herrschen bei Läden die Gesetze des Wilden Westens, schützen keine Paragrafen im Mietrecht vor den Kräften des Marktes. So kam es, dass die Betroffenen auf eine andere Strategie auswichen. Sie fingen an, sich zu organisieren, gründeten Initiativen mit Namen wie "Ora Nostra" und "GloReiche Nachbarschaft" und begannen öffentlichen Druck auszuüben, Laden um Laden, Einzelfall um Einzelfall. Zekiye Tunc war der perfekte Testfall für diese Strategie.

Unterstützer marschierten vor ihrem Laden auf, sammelten Unterschriften, bildeten Menschenketten. Claudia Schöpping brachte eine Tasse mit bunten Punkten darauf und schenkte sie der "Löwin der Oranienstraße". Journalisten berichteten über die Frau, die sich gegen ihren Vermieter wehrt, wie über ein Exemplar einer bedrohten Spezies. Jeden Tag könnte der Räumungsbescheid kommen. Bis jetzt kam er nicht. Frau Tunc zahlt einfach weiter ihre alte Miete.

Politiker haben das Thema Zekiye Tunc entdeckt. Der Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg, einst sicher in den Händen der Grünen, rückte in den letzten Jahren nach links; Gentrifizierung spielte dabei eine wichtige Rolle. Heute kämpft die Linkspartei mit den Grünen um Platz eins, und wohl auch deshalb hat Zekiye Tunc unter ihrer Ladentheke einen Ordner, voll mit Zeitungsausrissen. Zekiye Tunc neben der Bundestagsabgeordneten der SPD. Zekiye Tunc neben der Abgeordneten der Grünen. Zekiye Tunc neben dem Abgeordneten der Linken.

Die Frau von der SPD organisierte einen Runden Tisch mit der Firma, die Zekiye Tuncs Haus besitzt.

Als eine Einigung möglich schien, schaltete sich die Grüne ein und schickte einen "Mustervertrag" mit neuen Forderungen an die Immobilienfirma.

Der Mann von der Linken plant jetzt einen "Besuch" beim Vermieter in Hamburg, natürlich mit Frau Tunc und Medienbegleitung.

"Die Politiker waren alle gut zu mir, für mich alle drei sind rechte Hand", sagt Zekiye Tunc.

"Wer in Kreuzberg investiert, kriegt Kreuzberg"

Zu Dietmar Müller-Elmau kamen keine Politiker von SPD und Grünen und den Linken, um öffentlich Solidarität zu bekunden, als ihm die Scheiben eingeschmissen wurden. Dafür kommt Kurt Wansner.

Wansner ist in Kreuzberg als Vorkämpfer einer Kleinpartei bekannt, er leitet die lokale CDU. Als er jetzt ins Hotel eilt, ein kleiner, bulliger Mann von 70 Jahren, der in der Nähe der Oranienstraße geboren wurde, möchte er erst einmal "’n Kaffe". Der gebürtige Kreuzberger und gelernte Maurer Wansner kämpft unermüdlich um die paar letzten Konservativen in seinem Viertel. Nach dem Angriff auf das Orania verschickte er eine Mitteilung an die Presse: "Linksextremisten außer Rand und Band ... kann nicht länger hingenommen werden ..."

Kurt Wansner hat keine Zekiye Tunc. Aber er hat Dietmar Müller-Elmau. Und jetzt ist er hier und hat als Trophäe den Berliner Polizeipräsidenten Klaus Kandt dabei, den er um einen Einfach-mal-so-Besuch im Orania gebeten hat. Der Polizeipräsident, ein zurückhaltender Mann im dunklen Anzug, wirkt etwas überrumpelt, dass Wansner gleich noch zwei Reporter von der ZEIT dazubestellt hat.

Fleißig schüttelt Wansner Hände. In der Zwischenzeit hat der Polizeipräsident sich gesammelt und bei Müller-Elmau den Wunsch hinterlegt, das Gespräch ohne die Presse zu führen. Eine Stunde Tee und ’n Kaffe, Hausführung, Lagebesprechung. Dann stehen die Männer noch ein wenig herum, und Müller-Elmau, der jeden Monat nur für ein paar Tage aus Bayern anreist, sagt zum Polizeipräsidenten: "Scheiben einschmeißen ist ja in Berlin ein völlig normales Verhalten."

Der oberste Polizist der Stadt lächelt gequält.

"Na schön dann", sagt er. Und verabschiedet sich.

Später wird Müller-Elmau das Treffen aus seiner Sicht rekapitulieren. "Kurzes Fazit: Die Polizei kann uns nicht helfen." Er habe sich beim Polizeipräsidenten beschwert, weil einige Kreuzberger Polizisten geraten hatten, die kaputten Scheiben nicht zu erneuern, um die Täter nicht anzustacheln zum nächsten Angriff. Der Polizeipräsident habe gesagt, er könne das Hotel nicht rund um die Uhr schützen. In solchen Momenten schwärmt Dietmar Müller-Elmau nicht mehr von der farbenfrohen Stadt da draußen. Sein Bild von Berlin ist dann plötzlich düster. Er sieht einen "Staat, der kapituliert", will ihn auch sehen. Vor seinem Blick tun sich "rechtsfreie Räume" auf, eine "gescheiterte Stadt", ein "zweites Detroit", beherrscht von Gangs, Clans, Kriminellen aller Art und alleingelassen von feigen Politikern.

Man kann es sich leicht machen und mit der Abgeklärtheit des Großstädters über die Tiraden eines bayerischen Hotelbetreibers lächeln, der mit dem Streit um sein großes Hotel schlechter klarkommt als Zekiye Tunc mit dem Rummel um ihren kleinen Kiosk. Oder man fragt unter Ladenbesitzern, Politikern und bürgerbewegten Protestlern herum, wie sie es eigentlich finden, das mit den Scheiben im Orania.

Der Tenor lautet in etwa: Ein wenig Gewalt gegen Dinge sei doch okay. Einer, der Demos wie die für Frau Tunc organisiert, sagt es so: "Dass Zerstörung Bewegung in Prozesse bringt, ist nicht zu leugnen." Ein anderer skizziert die Attacken gegen Müller-Elmau als rein physikalische Reaktion, auf Druck folgt Gegendruck, manche sehen sich auch bedroht von einer "Invasion", gegen die man sich mit "asymmetrischer Kriegsführung" wehren müsse. Die so reden, sind Menschen mit bürgerlichen Jobs und guten Manieren.

Kaum einen Satz hört man im Viertel so oft wie diesen: "Wer in Kreuzberg investiert, kriegt Kreuzberg." Es ist der Kommentar der lokalen Bundestagsabgeordneten der Grünen zum Fall Orania. Und der Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten der Linken schrieb nach dem nächtlichen Angriff auf Twitter: "Tut sich was gegen das neue Luxushotel ... #KlammheimlicheFreude". Man könnte die Liste der Jubler und Beschöniger lange fortsetzen.

Einige wenige Ladenbesitzer aus der Straße setzen sich abends bewusst ins Orania, als Zeichen der Solidarität mit Dietmar Müller-Elmau. Andere wollen erst nichts zu ihm sagen. Dann blicken sie sich um, und wenn niemand zuhört, lassen sie sich versprechen, bloß keinen Namen zu nennen. Im Schutz der Anonymität erzählen sie: Sie selbst fänden das Orania ja schön. Aber sie würden das niemals öffentlich bekunden, würden sich auch nicht mit den Leuten vom Hotel blicken lassen. Wenn der eigene Laden in die Gefahrenzone von Mieterhöhung und Verdrängung gerate, sei man angewiesen auf den Protest der Straße, wie auf eine Rechtsschutzversicherung. Die Feinde von Dietmar Müller-Elmau – kaum jemand will es sich leisten, sie als Freunde zu verlieren.

Längst werden die Radikalisierten von den wirklich Radikalen umworben. Der Mitarbeiter einer Berliner Sicherheitsbehörde sagt der ZEIT, er tue das nicht gern, müsse aber den Linksautonomen ein Kompliment machen. Eine "sehr kluge Strategie" sei es von denen, sich gegen die Gentrifizierung zu stellen. "Ein absolutes Gewinnerthema", mit dem sich der Traum der Autonomen erfülle: von der Mehrheit der Kreuzberger akzeptiert zu werden und Menschen jenseits der eigenen Szene auf Demonstrationen zu locken.

Laut Verfassungsschutz ist die Zahl der Menschen, die als "gewaltbereite Linksextremisten" beobachtet werden, in den letzten Jahren wieder leicht gestiegen. Weil die Autonomen gelernt hätten, nach außen harmlos aufzutreten, "einen zivilgesellschaftlichen Anschluss" zu finden. So gesehen, können sie Dietmar Müller-Elmau dankbar sein.

An einem ungemütlichen Januarmorgen haben sich 150 Demonstranten auf dem Oranienplatz versammelt. Von einem Lautsprecherwagen hallen Schlagworte hinüber zum Hotel: Für Flüchtlinge! Gegen Rassismus! Gegen Kapitalismus! Und: Gegen Gentrifizierung! Vor dem Orania parkt die Phalanx der Polizeibusse. Ein paar Beamte verschwinden im "Luxus Boutique Hotel", sie müssen mal aufs Klo. Im ersten Stock eines Hauses öffnet sich ein Fenster. Man sieht den Körper eines beleibten Mannes, eine Kamera. Dann geht das Fenster wieder zu.

Ein Berliner, vertrieben aus Kreuzberg

In der Menge stehen zwei Demonstranten, die sich beide als "David Schuster" vorstellen. Sie reden von dem "Scheißkasten", den "der reiche Pinkel aus Süddeutschland" da eröffnet habe. "Die O-Straße verkommt immer mehr zur Touri-Meile", sagt der eine. Der andere: "Wenn man da mal keinen Bock kriegt, Scheiben einzuschlagen ..."

Ob sie Zeit hätten für ein längeres Gespräch? Das müsse erst im Plenum ihrer Gruppe besprochen werden.

Mit ein paar Tagen Abstand kann man sie im Café eines ehemals besetzten Hauses treffen. Mit den beiden David Schusters sitzen zwei Frauen am Tisch, jede eine "Sara Walther". Die vier gehören zum "Bündnis Zwangsräumung verhindern", von dem der Verfassungsschutz sagt, es sei "linksextremistisch beeinflusst". Einmal in der Woche treffen sie sich und planen "Aktionen", erzählen sie: Briefe an Hausbesitzer schreiben, einen Tag lang Telefonterror beim Vermieter von Frau Tunc. Manchmal gehen sie auch zu Immobilienfirmen, tragen dort Pamphlete vor und verteilen Schokoküsse.

Neulich hätten sie sich mit Dutzenden Leuten vor die Fenster des Hotels gestellt, geklopft und gewinkt. "Wir waren der Mob", sagt Sara Walther Nummer eins. "Dieser Elmau-Müller soll sich hier bloß nicht sicher fühlen."

Wie weit würden die Hotelhasser gehen?

"Wir grenzen uns ab von Gewalt gegen Personen."

Aber ist es nicht auch Gewalt, Scheiben einzuschlagen?

"Scheiben sind tote Gegenstände!"

Wissen Sie, wer die Scheiben des Hotels eingeschlagen hat?

"Wir distanzieren uns nicht davon."

War es einer von Ihnen?

"Wenn ich jetzt sage: 'Ja, ich war das!', dann habe ich ein strafrechtliches Problem. Also: Nein." Nach dem Angriff gab es im Netz ein Bekennerschreiben. Unter dem Autorennamen "Kreuzberg al dente" war zu lesen, es sei ein Fehler, nur bei "Events des Gegners" wie dem Hamburger G20-Gipfel loszuschlagen. Man müsse "eigene Themen" setzen, müsse "Sachen machen, die eine Nachahmung leicht möglich erscheinen lassen". Letztlich gehe es um die Frage, "wie wir das Hotel Orania zu einem Dauerziel von Aktionen machen können".

Kreuzberg al dente, kennen Sie diesen Autor?

Alle lachen. Einer sagt: "Nie gehört!" Ein anderer sagt: "Guter Name!"

An dieser Stelle bricht sie ab, die Suche nach den Menschen, die das tolerante und weltoffene Kreuzberg mit aller Gewalt vor einem Hotel mit Kulturprogramm bewahren wollen. Näher kommt man an die Täter nicht heran.

Fragt man sich, wo der logische Endpunkt der "klandestinen Aktionen" liegt, mit denen Herr oder Frau Kreuzberg al dente sich brüstet, dann stößt man auf eine Geschichte, die am Oranienplatz begann und woanders weiterging, weit weg vom Zentrum der Stadt. Dort kann man aus der Tristesse einer sechsspurigen Ausfallstraße in eine Kneipe treten. Sie heißt "Zum Goldenen Faß". Zigarettenqualm, viel deutsche Eiche, Nachmittagstrinker vor ihrem Pils.

Detlev Gatzke, der Betreiber der Kneipe, ein Mann mit schütterem Haar und Goldkettchen, ist 57 Jahre alt und fängt gleich an zu erzählen. Anfang des neuen Jahrtausends sei es gewesen, als er ein Autohaus am Oranienplatz kaufte. Dutzende Angestellte, der Hof voller gebrauchter Opel, "Werkstatt, Hebebühne, das ganze Programm". Es war allerdings nicht die Größe der Firma, die Gatzke zum Verhängnis werden sollte. Es waren die Scheiben.

Aus Gründen, über die Gatzke bis heute rätselt, weckten sie die Wut der linken Szene. Zuerst ganz klassisch am – damals noch wilden – 1. Mai. Gatzke ließ also immer im April ein Gerüst errichten und schützte seine Fassade mit Netzen. "Das fand die Truppe nicht so lustig." Bald lag auch zu anderen Jahreszeiten alles in Scherben. Einmal schlugen die Täter, die sich "Klasse gegen Klasse" nannten, alle 48 Autos auf dem Hof schrottreif. "Da hab ich in der Ecke gesessen und geheult. Das erste Mal im Leben." Damals wie heute: Angreifer im Einheitsschwarz, Hämmer, Steine, schnelle Flucht. Und hinterher die allgemeine Gleichgültigkeit. Der Lokalpolitiker, der ihm erläutert habe: "Wenn Sie sich so einen Protzpalast hinstellen, müssen Sie mit den Folgen leben."

Die Versicherung verdoppelte die Prämien. Dann schmiss sie ihn raus. Als Detlev Gatzke vor einigen Jahren Insolvenz anmeldete, hatten ihn die Angriffe mehrere Hunderttausend Euro gekostet. Es war ein stiller Abschied. Kein Polizeipräsident kam, kein Journalist, kein Politiker, als Gatzke wegging und hier draußen im Goldenen Faß landete, ein Berliner, vertrieben aus Kreuzberg.

Das Vergessen geht so schnell. Ein paar Jahre höchstens, dann sind die meisten Verschwundenen auch aus dem Gedächtnis gelöscht. Die einen werden von den Autonomen vertrieben, die anderen fallen dem großen Geld zum Opfer, oder einfach dem Vergehen der Zeit. Kaum einer am Oranienplatz erinnert sich noch an Detlev Gatzke. Kaum jemand fragt sich inmitten von Claudia Schöppings Werkstattbehaglichkeit: Was hier wohl früher für ein Laden war? In Wellen wird ein Stadtteil vom Wandel überspült, jede Welle löscht Spuren aus.

Wer von denen, die heute bei Weißwein und Jazz im Saal des Orania sitzen, weiß schon, dass in genau diesem Haus der kleine Hans-Ulrich Fluß an der Hand seines Vaters bei C&A Hosen und Hemden anprobierte? Dass dort in den Achtzigern Punks beim Billigsupermarkt Plus an der Kasse standen, türkische Ehepaare groß Hochzeit feierten und Studenten und Ladenbesitzer sich zu Billard und Bier trafen?

Es geschah zu jener Zeit, dass ein neues Wort seinen Weg nach Deutschland fand. Zuerst in einen Seminarraum der Universität Hamburg. Ein Soziologe namens Jürgen Friedrichs war, als er sich auf einen Kurs zum Thema "Der Wandel von Nachbarschaften" vorbereitete, in der Fachliteratur aus England und den USA auf diesen sperrigen Begriff gestoßen. Gentrification.

Alle sind Teil des Spiels der Gentrifizierung

Friedrichs ist heute 79 Jahre alt. Er hat gesehen, wie das Wort zum Schlagwort wurde, wie es Eingang fand in Bücher und Zeitungen und seinen Auftritt hatte in lauten Debatten zwischen Planern, Anwohnern, Investoren. Das Thema hat Friedrichs nicht mehr losgelassen, er forscht bis heute dazu. Berichtet man ihm vom Streit am Oranienplatz und fragt ihn, ob ein kleines edles Hotel dazu beiträgt, einen ganzen Kiez teurer zu machen, so teuer, dass Menschen wie Zekiye Tunc und Claudia Schöpping irgendwann hinausgetrieben werden können, dann antwortet er: "Ja. Solche hochwertigen Einrichtungen sorgen dafür, dass die Gegend um sie herum das Interesse der Investoren weckt." Ein Hotel wie das Orania, in den Augen des Soziologen ist es "ein Signal an den Markt". Die Forschungslage sei da klar.

Natürlich könne man einem Dietmar Müller-Elmau, der mit allerbesten Absichten antritt, keinen Vorwurf machen, ebenso wenig dem einzelnen Hotelgast. Hört man diesem Wissenschaftler zu, der seit Jahrzehnten über Gentrifizierung nachdenkt, dann kann man sie fast für eine Naturgewalt halten, so machtvoll wie der Klimawandel. Finden viele schlimm. Und leisten ihren winzigen Beitrag dazu, wenn sie ins Flugzeug steigen.

Es gibt einen Begriff, den Friedrichs oft verwendet, wenn er erklärt, was Gentrifizierung ist. Er lautet "Pionier" und beschreibt den Vorreiter, der den Wandel eines Stadtviertels in Gang setzt. Das kann jemand sein, der einen aufgegebenen Altbau wiederbelebt; einen Club eröffnet, Ausstellungen organisiert, Musiker spielen lässt.

Friedrichs meint damit nicht Dietmar Müller-Elmau. Er meint die einstigen Hausbesetzer, die Retter der Oranienstraße. Sie haben damals den Mythos Kreuzberg erfunden, der heute das große Geld anzieht. Sie waren gewissermaßen die ersten Luftverschmutzer.

Die Altlinken und der Neukreuzberger, die Ladenbesitzer und Dietmar Müller-Elmau, sie haben etwas gemeinsam. Sie alle sind, wie Jürgen Friedrichs es ausdrückt, Teil des Spiels namens Gentrifizierung. Alle spielen mit, nur mit unterschiedlichem Einsatz. Der mit dem höchsten gewinnt. Immer?

Friedrichs gab noch einen Hinweis mit. Völlig offen sei die Frage, wie viel Gegenmacht sich mit Protesten aufbauen lässt.

Knapp zwanzig Ladenbesitzer der Oranienstraße drängen sich in einer "Kiezküche" – einem kleinen Ladenlokal mit Tür zur Straße und einem Holztisch drin, das viel weniger hergibt als das Hotel Orania und viel mehr sein soll: "ein nicht/kommerzieller Raum der politischen Kochsubversion, ein Open Space der Solidarität". Hier reichen keine jungen Kellner die Speisekarte, hier schenkt man einander vom bodenständigen Rotwein ein. Hier gibt es keine "Rote Garnele mit Gewürzzwiebel und Krustentier-Fumet", sondern gemeinsam gekochte Kürbissuppe. Hier wird keinem Jazzpianisten gelauscht, hier wird debattiert.

Rund um den Tisch: Nachbarn, seit Jahrzehnten Tür an Tür. Alessandra von der Papeterie. Winfried vom Hanfhaus. Das Ehepaar von der Änderungsschneiderei. Die beiden Männer vom Kleiderladen Luzifer. Auch Claudia Schöpping ist gekommen, und als jetzt die Tür aufgeht, betritt die Tochter von Zekiye Tunc den Raum, in Vertretung ihrer Mutter. Da diskutieren die anderen schon lange über Demos, Sitzblockaden und Initiativen für neue Gesetze.

Auch eine Frau vom "Bündnis Zwangsräumung verhindern" redet heute mit.

Dietmar Müller-Elmau hatte gesagt, er würde "so gern einmal" mit den Ladenbesitzern sprechen. Aufstöhnen in der Runde, als sein Wunsch zur Diskussion steht. "Wieso soll ich mich mit ihm an einen Tisch setzen? Dann glaubt er noch, er sei einer von den Guten!"

"Der soll mal für Obdachlose kochen. Oder sie in seinem Hotel übernachten lassen."

"Der denkt, Kreuzberg ist ein exotischer Dschungel!"

"Und wir sind seine Affen."

Dann bekommen die Zwischentöne ihre Chance. Sie habe schon ein paar Fragen an Müller-Elmau, sagt eine. "Jetzt ist er ja eh da. Warum instrumentalisieren wir ihn nicht? Der hat doch gute Kontakte, der könnte medienwirksam für den Kiez auftreten."

Die Frau vom Bündnis: "Der Typ ist ein Hohlschwätzer! Auf keinen Fall!"

Schließlich der Auftritt von Claudia Schöpping. Diese nachdenkliche Frau, die sich vorhin noch vorstellen konnte, "was loszuwerden" bei dem Mann, zu dem sie jeden Tag herüberschaut, spricht jetzt ein Machtwort: "Genug jetzt. Mit dem kommen wir nicht auf eine Ebene."

So endet diese Geschichte mit einem Nichtgespräch zwischen Dietmar Müller-Elmau und seinen Nachbarn auf der Oranienstraße.

Wenn Müller-Elmau mit den Ladenbesitzern an einem Tisch säße, in seinem Hotel, in einem "Open Space der Solidarität" oder sonst wo, dann würde er vieles wissen wollen. Er hat einen ganzen Katalog an Fragen im Kopf, sagt er:

Stellt euch vor, wir geben auf und lassen das Haus wieder vergammeln – was hättet ihr davon?

Hört die Gentrifizierung dann auf?

Eure wahren Feinde sind doch die Immobilienfirmen, die kaufen die Häuser auf, in denen ihr eure Läden habt, und halb Berlin dazu! Warum werft ihr denen nicht die Scheiben ein?

Oder den Politikern, die euch nicht vor Verdrängung schützen?

Müller-Elmau würde den Ladenbesitzern auch von seinen Angestellten berichten, die jetzt manchmal ein komisches Gefühl haben, wenn sie im Dunkeln aus dem Personaleingang auf die Straße treten: Was erwartet sie auf der anderen Seite der Tür?

Bald wird es ein neues Fotomotiv für Hans-Ulrich Fluß geben, den Chronisten vom Oranienplatz. Kein spektakuläres, aber immerhin. Ein Laster der Firma "Hans Timm Fensterbau" wird vor dem Hotel halten. Handwerker werden aussteigen, sie werden die 14 zerstörten Scheiben ausglasen und mit einem auf dem Laster befestigten Kran 14 neue einsetzen. Die Operation ist so aufwendig, dass sie zwei Wochen dauert. Am Ende wird man dem Orania nicht mehr ansehen, dass es Feinde in der Nachbarschaft hat. Die Frage ist nur, wie lange.

Was, wenn Dietmar Müller-Elmau seine Scheiben erneuert? Darauf hatten die Sara Walthers und David Schusters vom "Bündnis Zwangsräumung verhindern" eine klare Antwort. Sie lachten kurz auf: "Natürlich schlagen wir die wieder ein. Wir hören doch jetzt nicht auf."