"Die Geschichte, die hier zu erzählen ist, besteht nicht bloß aus der Abfolge von Krisen bis hin zur Zerreißprobe", schreibt Hannes Leidinger am Anfang seines Buchs über ein Thema, von dem er selbst meint, es wäre schon unendlich vieles dazu geschrieben worden. Das war vielleicht auch das Reizvolle, das ihn dazu gebracht hat, einen anderen, neuen Zugang zu suchen. Und er steckt sich selbst den Rahmen ab: Es geht um unzählige Vertiefungen des oft nur beiläufig Gewussten, um Mehrdimensionalität und Verzahnungen und darum, jenen, die meinen, schon alles zu wissen, die "Beständigkeit der Fragilität" vor Augen zu führen.

War der Zerfall des habsburgischen Großreichs etwas, das an seine Nachfolgestaaten weitergegeben wurde, die auch wenig Beständigkeit zeigten? Oder ist Beständigkeit von Fragilität etwas, das ebenso anderen großen Ganzen innewohnt? Auch der britische Historiker Peter Judson hat vor einem halben Jahr in seinem Buch Habsburg: Geschichte eines Imperiums Ähnliches gefragt. Doch bleiben wir dort, wo wir auch thematisch hingehören: An der schönen braun-blauen Donau.

Die Monarchie der Habsburger war in ihrer rund 640-jährigen Geschichte nie eine stabile Größe. Kriege, Heiratspolitik und Zufälle ließen sie wachsen und wieder schrumpfen, ein stetiges Auf und Ab. Spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts stand die Möglichkeit des Zerfalls im Raum. Was dem alten Österreich aber bis 1914 attestiert wurde, war, dass man in ihm eine mitteleuropäische Notwendigkeit sah. Trotz aller negativen Erfahrungen.

Österreich-Ungarn war nicht rückständig, es war bestenfalls anders. Es war nicht reformunwillig, doch es wurde immer schwieriger, Reformen durchzusetzen. Und Kaiser Franz Joseph wollte schließlich nur mehr die im Ausgleich mit Ungarn 1867 gefundene Ordnung seiner Reichsteile erhalten. Dagegen kämpften Nord- wie Südslawen, aber auch Rumänen und Italiener an. Sie lieferten, ebenso wie die Deutschen, der Donaumonarchie Reformvorschläge. Und hatten ihre unterschiedlichen Hoffnungen, je nachdem ob sie auf Erhalt oder Zerfall spekulierten.

Am ehesten wurde vom Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ein Neuansatz erwartet. Er wollte einen Block der konservativen Mächte schaffen, in deren Schutz die Neuordnung seines Reichs hätte beginnen können. Das sollte auf Kosten des Ausgleichs von 1867 gehen und barg das Risiko eines Kriegs mit Ungarn.

Es gab auch andere Szenarien, doch vor allem die Eliten – aber nicht nur sie – pendelten hin und her zwischen Resignation und Aufbruch in eine neue Zeit. Was gab es da doch für Krisensymptome! In Ungarn stellte die Unabhängigkeitspartei 1905 rund 40 Prozent der Abgeordneten; die Obstruktion der Tschechen und Straßenschlachten in Prag erforderten ein ums andere Mal die Verhängung des Kriegsrechts; die Annexion Bosniens und der Herzegowina 1908 brachte die Habsburgermonarchie an den Rand des Kriegs. Würde er die Lösung der anstehenden Probleme bringen? Hätte man den Krisen und der alltäglichen Misere anderweitig entkommen können, fragt sich Leidinger? Auswandern war eine Möglichkeit. Über drei Millionen taten es. Die meisten Daheimgebliebenen fügten sich jedoch in die Verhältnisse. Letztlich wollten sie sich "mit dem Zerfallsszenario nicht anfreunden". Sie warteten wohl auf etwas, das einer guten österreichischen Tradition entsprach: darauf nämlich, dass etwas geschah.

Das Elend in den Städten und auf dem Land, von Leidinger minutiös herausgearbeitet, stand der in der Politik herrschenden Ratlosigkeit um nichts nach. Bettler, Kleinkeuschler, Findel- und Ziehkinder wurden wenig beachtet, doch sie gehörten ebenso zum Alltag wie der Glanz Wiens um und nach 1900. Es wäre aber falsch, das Elend, die endlosen politischen Kontroversen und finanzielle Probleme als Indizien für das unausweichlichen Ende zu nehmen. Leidinger zeigt, dass die Habsburgermonarchie keine größere Anfälligkeit für Katastrophenszenarien hatte, als andere Staaten. Aber bei der "Vermarktung von Tragödien" war Österreich sicherlich "Weltmeister". Nicht von ungefähr zitiert Leidinger aus Musils Mann ohne Eigenschaften: Österreich-Ungarn war ein so sonderbar gebautes Wesen, "dass es fast vergeblich erscheinen muss, es einem zu erklären, der es nicht selbst erlebt hat".

Woran es vielen Menschen mangelte, war der Zukunftsglaube, und die aus Bayern stammende und 1898 von einem italienischen Anarchisten ermordete Kaiserin Elisabeth lebte das regelrecht vor: Sie floh aus Österreich, deponierte ihr Geld in der Schweiz und riet ihrer Tochter Marie Valerie, es ihr gleichzutun. Sie hatte wohl nie ein Verständnis für die Sorgen und Nöte ihres Reichs und spekulierte auf dessen Zerfall. Er bahnte sich 1914 an.

Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in Sarajevo und der für unausweichlich gehaltene Krieg schien eine Gelegenheit für alle: für diejenigen, die an den Fortbestand der Monarchie glaubten, ebenso wie für jene, die darauf hinarbeiten wollten, dass sich Österreich-Ungarn infolge einer Niederlage auflösen würde. So oder so, nach dem Krieg würde alles anders sein.