Um den Mann zu verstehen, vor dem sich die Autoindustrie fürchtet, muss man an den Bodensee reisen. Dort steht Jürgen Resch an einem grauen Morgen auf einem Steg und zeigt auf eine Ente. "Das ist ein Schwarzhalstaucher", sagt er, "kommt wahrscheinlich aus Russland und überwintert hier."

Vor ein paar Minuten hat er ein Teleskop aus seinem Auto geholt, dort liegt das Gerät immer griffbereit, dann ist er zur Mole von Ludwigshafen gestapft und hat es mit zwei Handgriffen aufgestellt. Jetzt beugt er sich vor, schaut hindurch, sieht, wie sich graue Wolken im glatten, dunklen Bodensee spiegeln. "Da, ein Ohrentaucher." Er guckt lange und schweigt. "Hier kann ich atmen", sagt er, als er sich wieder aufrichtet, und er lächelt zufrieden.

Resch kommt oft an diesen Ort, egal bei welchem Wetter. Der Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH) freut sich über die vielen Vögel, die hier überwintern. Vor allem aber spürt er dann wieder, dass es sich lohnt, dass man mit Chuzpe, Geduld und den richtigen Mitstreitern etwas retten kann, den Bodensee beispielsweise. Das ist immerhin der größte See Deutschlands, und der war noch vor drei Jahrzehnten so stark verschmutzt, dass er umzukippen drohte. Heute ist er blitzsauber, was natürlich nicht nur auf das Konto von Resch geht. Aber auch, schließlich hat er einst die Bodenseestiftung mitgegründet, die sich für eine umweltgerechte Entwicklung der Region einsetzt. Genau solche Erfolge machen ihm Mut für einen anderen Kampf. Mit Gegnern, die viel mächtiger und viel größer sind als alle, mit denen er bisher zu tun hatte.

Er ist zum wichtigsten Gegenspieler der Autokonzerne geworden

Resch hat sich mit der Autoindustrie angelegt. Und damit auch mit den Spitzen der deutschen Politik. Der Chef DUH, den bis vor zwei Jahren kaum jemand kannte, hat Dieselgate mit aufgedeckt. Er treibt die Bosse von VW, Daimler und BMW vor sich her, indem er immer wieder mit Enthüllungen weiterer Betrügereien nachlegt. Und er setzt die Bundesregierung, Landesregierungen und die Bürgermeister vieler Großstädte unter Druck. Seit Jahren klagt seine Organisation erfolgreich gegen Behörden, weil die Luft an vielen Orten dreckiger ist als erlaubt. Ende des Monats werden deswegen Politiker und Autobosse im ganzen Land verfolgen, wie Resch sich in Leipzig schlägt. Dann verhandelt das dortige Bundesverwaltungsgericht über Fahrverbote. Bekäme Resch recht, müssten an kritischen Tagen Dieselfahrverbote verhängt werden. Dann hätte der Mann in der Verkehrspolitik mehr verändert als die meisten Minister.

"Nein, ich habe nichts gegen Autos. Ich habe etwas gegen Betrug." Resch sagt das, und er lenkt seinen Toyota Prius plus, ein Hybrid-Fahrzeug, heraus aus der Stuttgarter Innenstadt, vorbei an den Fabriken von Daimler, mit 120 km/h auf der rechten Spur. Am frühen Abend hat er auf einer Demo gegen die Luftverschmutzung geredet, am Neckartor, dem Platz mit der dreckigsten Luft in Deutschland. Ein paar Hundert Demonstranten jubelten ihm zu, als er schimpfte: "Seit Tagen hätte hier ein Fahrverbot für Diesel verhängt werden müssen. Aber was tun die Politiker? Nichts! Hier haben Autokonzerne das Sagen."

Links überholen Autos, manche so schnell, dass man im Dunkeln nicht die Marken, sondern nur die Rücklichter erkennt. Jetzt, wo die Kameras aus sind, spricht der weißhaarige Mann mit der schwarzen Kastenbrille nachdenklicher, so als ob er selbst manchmal nicht glauben wolle, was in diesem Land passiert: dass renommierte Konzerne die Luft wissentlich vergiften. Wie wenig die Behörden und die Politiker dagegen tun. Und wie das ausgerechnet ihn und seinen kleinen Verein zum wichtigsten Gegenspieler der Autokonzerne gemacht hat. Weil er die Luftverschmutzung einfach nicht hinnehmen will.

Seit seiner Jugend gehört Resch zu denen, die was tun. Neben der Schule engagierte er sich als Naturschützer, im zuversichtlichen Glauben, dass man die Welt in Ordnung bringen müsse. Mit 15 leitete er die Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Bodensee, mit 21 machte er beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Friedrichshafen seinen Zivildienst – und sah eine Drossel vom Baum fallen. Er nahm den toten Singvogel, legte ihn in die Tiefkühltruhe seiner Eltern und forschte nach. Schuld war das Mäusegift Endrin. An dem starben die Vögel zu Dutzenden.

Resch sammelte weiter, fror die Kadaver ein und fuhr sie zur Biologischen Bundesanstalt. Dort legte er bei einer Sitzung jedem Experten einen toten Mäusebussard auf den Tisch, dazu eine Flasche des Giftes. In Interviews schimpfte er über die "Vergiftungswelle" und trat so einen Umweltskandal los. Er hatte sein Erfolgsrezept gefunden: aufdecken, zuspitzen, Bilder liefern. Wenig später war Endrin verboten. Resch durfte die Kampagnenabteilung des BUND ausbauen. Mit 28 Jahren wurde er einer der beiden Geschäftsführer der DUH mit Hauptsitz am Bodensee. Das war vor drei Jahrzehnten.

Bis heute hat der Mann den gleichen Job und das gleiche Ziel. Er will konkrete Erfolge: "Ich krieg die Krätze, wenn ich was von Weltrettung höre." Deswegen sei er auch nicht geeignet für Berlin, für die Empfänge. Nie habe er eine Klimakonferenz besucht. Lange spielte die DUH deswegen auch nicht in der ersten Liga der Umweltorganisationen mit, wurde von Platzhirschen wie Greenpeace ignoriert und der Chef noch mehr. Der war zu anders, schon weil er oft im Anzug rumläuft, zu viel redet und sein eigenes Ding macht. Fernab vom Politikbetrieb. Im Streitfall zieht er lieber vor Gericht.

"Der nervt", sagen Reschs Kritiker

Längst hat die DUH neben dem Hauptsitz am Bodensee auch ein Büro am Hackeschen Markt in Berlin und einen zweiten Geschäftsführer, der das politische Geschäft versteht. Trotzdem blieb sie bis zum Dieselgate vor allem der kleine Verein, der Geld sammelte, um es für den Schutz von Fischottern und Vögeln auszugeben. Und der hin und wieder die Industrie ärgerte. Mal wies die DUH nach, dass Dieselmotoren zu viel rußen, und sorgte für Filter. Mal zündete sie einen Toyota an, um gegen den Einsatz klimaschädlicher Kältemittel zu demonstrieren. Mal brandmarkte sie die dicken Dienstwagen der Chefs. Solche Aktionen nervten die Unternehmen zwar gehörig, gehörten aber irgendwie dazu. Und so wuchs die DUH auf heute 90 Mitarbeiter und einen Etat von rund acht Millionen Euro an.

Die Autobosse versuchen, die Umwelthilfe durch Schadenersatzklagen zu ruinieren

Seit Dieselgate ist das Verhältnis zwischen Verein und Wirtschaft kühler geworden. Denn der Skandal kostet die Konzerne Milliarden Euro. Für Resch war er nur ein logischer Schritt: Wenn Unternehmen betrügen, der Staat nichts tut und die Umwelt zu Schaden kommt – dann muss man nur noch warten, bis die Zeit reif für eine Kampagne ist. Bei den Betrügereien der Autokonzerne brauchte er viel Geduld. Denn dass deren Abgase im Straßenverkehr oft dreckiger sind als auf dem Prüfstand und dass auch beim Spritverbrauch gemogelt wird, vermuteten Experten hierzulande schon lange. Doch erst nachdem VW in den USA aufgeflogen war, wurde das zum Skandal. Und den fütterte Resch seither mit immer neuen Zahlen und Fakten – die ihm Axel Friedrich, ein ehemaliger Mitarbeiter des Umweltbundesamtes lieferte.

Die Autobosse reagierten rigoros. Als Resch in Interviews über die "kriminelle Energie" der Autoindustrie sprach, setzte VW seine Anwälte in Marsch: Die verlangten 250.000 Euro Ordnungsgeld, oder ersatzweise Ordnungshaft bis zu sechs Monaten, falls er den Vorwurf wiederhole. Daimler schickte einen Brief mit einer ähnlichen Drohung und wollte 250.000 Euro allein für den Fall, dass Resch aus diesem öffentlich vorlese. Weil das gegen das Briefgeheimnis verstoße.

Vergeblich. Bisher hat der Mann die wichtigen Prozesse gewonnen. Er darf das Gebaren der Autokonzerne weiterhin "betrügerisch" nennen. 2012 wurde vom Verwaltungsgericht in München ein Fahrverbot für Dieselautos ausgesprochen, 2016 in Düsseldorf und Stuttgart. Und vor wenigen Tagen erst verhängte das Bayerische Verwaltungsgericht sogar ein Zwangsgeld gegen die eigene Landesregierung – weil sie seit Jahren Gesetze und Urteile missachte und nicht genug gegen die dreckige Luft in München tue.

"Der nervt", sagen Reschs Kritiker, und davon gibt es in der Politik und in der Wirtschaft so einige. Ein Rechthaber sei er, mit zu wenig Verständnis für die politischen und ökonomischen Zwänge der anderen, klagt der Bürgermeister einer Großstadt. Einer, der nie Ruhe gebe. Ein mutiger Mann, der am Widerstand wachse und von dessen Sorte das Land mehr brauche, urteilen dagegen seine Freunde. Jürgen Resch selbst sagt: "Ich bin Unternehmer." Andere würden Produkte verkaufen, er entwickele Kampagnen und Ideen zum Schutz der Umwelt.

Er trägt dabei hohe finanzielle Risiken. Erst vor wenigen Tagen lehnte der Bundesgerichtshof eine von BASF unterstützte Klage des Plastiktütenherstellers Victor ab. 2,7 Millionen Euro hatte dieser gefordert, als Schadensersatz, weil die DUH bekannt gemacht hatte, dass seine "Bioplastiktüten" nicht umweltfreundlicher als herkömmliche Tüten sind. Auch das darf nun weiter gesagt werden.

Andere Angriffe finden jenseits der Gerichte statt: Während des VW-Skandals wurde Reschs privater Rechner gehackt und auch die Website der DUH. Sogar Morddrohungen wurden auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. "Unsere Gegner versuchen, uns einzuschüchtern", sagt Resch.

Warum er trotzdem weitermacht? Resch sitzt am Tisch im Grünen Baum, einem Gasthof in Stetten, nicht weit weg vom See. Eben hat ihn der Koch und Besitzer wie einen alten Bekannten begrüßt, beide werben seit Jahren für die heimische Küche, ein Kochbuch des Restaurants hat Resch in seinem Naturerbe-Verlag gedruckt. Er bestellt Fisch, natürlich aus dem Bodensee. Und dann erzählt er von alten Erfolgen. Wie nach dem Vorbild der Bodenseestiftung weltweit Initiativen die Artenvielfalt an Seen schützen. Von neuen Plänen. Und davon, dass man sich nicht einschüchtern lassen dürfe. Wie immer redet er ein bisschen viel, ein bisschen schnell.

Aber warum er immer weitermacht? Die Antwort auf diese Frage bleibt er schuldig. Vermutlich lautet sie: weil er wohl einfach nicht anders kann.