Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Auf dem Esstisch sammelt sich immer einiges an Papier an, und wenn ich es so durchgehe, ist nicht wenig davon christlich, Chrismon, Evangelische Zeitung, Christ&Welt sowieso. Ich lese gerne über große und kleine Kirchenpolitik, über Menschen, Leben, Chancen, Welt – durch die Brille, die darin mehr sieht als Zufall und Atome. Das alles mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten ist mit einem Glas Grapefruitsaft im Hochsommer vergleichbar: ein bisschen bitter, aber sehr erfrischend. So wie die kleine Notiz in der taz letztens, die sich über die Angebote einer evangelischen Landeskirche mokierte.

Der Autor schien verwundert darüber, dass die Kirche Veranstaltungen zu Themen wie Work-Life-Balance oder "Rente und Alleinerziehende" anbietet. Wie süß, dachte ich mir, der liest wohl sonst keine Gemeindebriefe oder Jahresprogramme evangelischer Akademien. Sonst würde er nicht so verblüfft resümieren, dass die Kirche offenbar "alles tut, um sich nicht mit dem Thema Gott auseinandersetzen zu müssen". Da bemüht die Kirche sich, mit sogenannten niederschwelligen Angeboten möglichst nah dran an den Menschen zu sein, anschlussfähig und zeitgemäß, und muss feststellen, dass die Schwelle sich nicht automatisch einebnet, sobald sie sich als Volkshochschule verkleidet.

Für viele Menschen, auch Kirchenmitglieder, ist diese 2.000 Jahre alte Institution von Schwellen umgeben, die zu überwinden sie keine Lust haben. Nur wie entstehen diese Hindernisse? Manchmal sind es schlichtweg die Gebäude, und das kann ich verstehen, denn ich würde auch nicht alleine in eine mir unbekannte Moschee gehen, wo ich nicht weiß, welches Verhalten da von mir erwartet wird. Dann gibt es die Schwellen, die aus Sprache und Habitus gebaut sind und deren wir, die wir "drinnen" sitzen, uns viel zu oft nicht bewusst sind. Aber statt dieses Angebotsdenken zu hinterfragen, das Menschen in Glaubensdingen zu Konsumenten macht, versucht man die Schwelle zu senken, indem man Gott rauskürzt. Und so kommt es, dass vieles, was die Kirche gegenwärtig tut, auch bei der AWO oder beim Goethe-Institut stattfinden könnte, je nach Angebot.

Was die allerdings nicht machen, ist aus Brot und Wein Leben herauszuschmecken. Mit ein paar Tropfen Wasser ewig frei zu machen. Sie helfen nicht dabei, über den Tod hinwegzuhoffen. Sie segnen, vergeben und beten nicht. Weil es nicht ihre Aufgabe ist. Das ist der Auftrag der Kirche. Wo die sich dafür schämt, kann auch das niederschwelligste Angebot nicht anziehend wirken. Die Chancen stehen übrigens gar nicht schlecht, dass Geistliches durchaus auf Interesse stößt: Studien zufolge beten über die Hälfte aller Menschen in Deutschland, einige regelmäßig, andere in Krisenzeiten. Ich glaube, sie hätten nichts gegen ein bisschen mehr Gott.