Als Projektionsfläche schlägt das Kopftuch mittlerweile jede Open-Air-Kinoleinwand. Wer was nicht alles sieht in und unter ihm. Unterdrückte Frauen. Emanzipierte Frauen. Den Ausdruck von Spiritualität. Die Negation von Weiblichkeit. Die Heiligkeit von Sex. Das Verbot von Erotik. Verehrung Gottes. Einknicken vor dem Patriarchat. Und das Irre ist: All das stimmt – es kommt nur darauf an, wen man fragt. Das eindeutige Kopftuch gibt es ebenso wenig wie das eindeutige, sagen wir, Tweedjackett. Es soll sowohl AfD-Vorsitzende wie Linksliberale geben, die Letzteres tragen.

Gerade wegen der gebotenen Trennung zwischen Stoff und Motiv kann es allerdings keine zwei Meinungen darüber geben, dass es ein Verbrechen ist, Frauen, die das Kopftuch ablehnen, zu Verbrecherinnen zu machen. So aber ist es im Iran immer noch. Seit der Machtübernahme der Islamisten 1979 gilt in dem Land der Verhüllungszwang für Frauen. Festnahmen wegen Verstößen gibt es ständig; allein im Jahr 2014, so gab die iranische Polizei bekannt, habe sie 3,6 Millionen Mal wegen "schlechten Hidschab-Tragens" eingreifen müssen. Was die vermutlich meisten Iranerinnen von dieser Gängelung halten, zeigt sich jedem, der in Teheran in ein Flugzeug nach Westen steigt. Verlässt die Maschine den iranischen Luftraum, fallen die Hidschabs, als hätte der Pilot gerade eine Art zweite Anschnallpflicht aufgehoben.

Auf Irans Straßen wollen viele Frauen auf die Erlaubnis zur Freiheit nicht länger warten. Vida Movahed hieß die erste, die sich traute, ihr Kopftuch ebenso öffentlich wie demonstrativ abzulegen. Am 27. Dezember stieg die 31-Jährige auf einen Stromkasten an einer belebten Teheraner Kreuzung und hielt ihr Kopftuch an einem Stock weit von sich gestreckt. Das Bild der Unerschrockenen wurde schnell zur Ikone. Obwohl Movahed für einige Wochen im Gefängnis landete, folgten Dutzende Frauen ihrem Beispiel. Sie stellten Bilder und Filme mit dem Kopftuch als, wenn man so will, besiegte Siegesfahne ins Internet. Mindestens 29 von ihnen, so der britische Guardian, seien daraufhin verhaftet worden.

Iranerinnen beteuern, das Kopftuch sei, verglichen mit anderen Diskriminierungen, nicht ihr Hauptproblem. Deswegen geht es bei den jetzigen Protesten nicht bloß um ein Stück Stoff; das Kopftuch ist im Iran vielmehr das Emblem für eine rückständige Gesetzesordnung, in der Frauen nicht dieselben Erb-, Scheidungs- und Kindererziehungsrechte genießen wie Männer, ohne Erlaubnis ihres Gatten das Land nicht verlassen und kein Sportstadion betreten dürfen.

In Deutschland sehen sich nun jene bestätigt, für die das Kopftuch schon immer nur Unterdrückungssymbol war: Diese Iranerinnen riskieren sonst was, um es loszuwerden, und hier gilt es neuerdings als feministisch, als Werbemittel, als Modeaccessoire, und in Berlin will man demnächst sogar Lehrerinnen, Polizistinnen und Richterinnen das Kopftuchtragen erlauben?

Langsam, kann man da nur sagen, bevor noch mehr durcheinandergeht.

Tatsächlich hat sich der Berliner Justizsenator (Grüne) in dieser Richtung geäußert, und diese Richtung ist ganz falsch. Bei Lehrerinnen oder Richterinnen hat die Person in den Hinter- und die Funktion in den Vordergrund zu rücken. Der Bürger begegnet hier dem Staat, und der hat kein weltanschauliches Bekenntnis abzugeben, sondern neutral zu bleiben, weil er allein und zweifelsfrei weltliche Gesetze zu vertreten hat.

Diese Gesetze umfassen auch die Bürgerfreiheit, das Kopftuch oder sonst irgendein Symbol zu tragen, aus welchen Gründen auch immer, seien es emanzipatorische, religiöse oder archaische, und das gilt sogar dann, wenn manch eine Kopftuchträgerin vielleicht selber nicht ganz so genau weiß, wo die Grenze zwischen alldem verläuft. Zur weiblichen Selbstbestimmung zählt sogar das Recht, sich zu erniedrigen. Darüber kann man sich wundern. Aber das kann man über vieles.

Zum Beispiel auch über einige prominente Frauen in Deutschland, die sich Feministinnen nennen, deren Twitter-Kanäle zu den Protesten im Iran aber auffällig schweigen. Auf die Frage, warum das so sei, sagte eine, sie greife das Thema vielleicht noch auf. Eine andere ließ ausrichten, sie habe für eine Antwort keine Zeit.