© Petra Bahr

Ihre Gesichtszüge sind sanft und faltenlos. Ein Klub junger Frauen lächelt freundlich von der Freskendecke auf die Gemeinde herab. Sie heißen Christina und Ursula, Juliana und Katharina. Seit Jahrhunderten steht das Kirchlein in Leveste bei Hannover in ihrem Zeichen. Sie sind die Freundinnen der Heiligen, die dieser Kirche ihren Namen gab. Arabesken verzieren die bezopften Köpfe. Doch die schrecklichsten Geschichten kommen manchmal in allerschönster Verkleidung.

St. Agathe, die Schutzpatronin von Feuerwehren und Müttern, was ja oft genug das Gleiche ist, trägt einen Großtantennamen und passt doch auf erschütternde Weise in die Gegenwart. Eine junge Frau verweigert sich einem Mann im Namen ihres Glaubens. Der hat Macht und kann mit Zurückweisung nicht umgehen. Was dann passiert, wird in den Heiligenlegenden lakonisch und knapp erzählt. Sie wird zwangsprostituiert, und als die Frau noch nicht gebrochen ist, lässt der Mann ihr die Brüste abschneiden. Brutale sexuelle Gewalt und Folter stehen im Mittelpunkt dieser fremden Heiligen aus dem tiefen Raum der Geschichte.

Agathe, Agathe. Ich sehe in die Gesichter der jungen und alten Frauen in den Bänken. Über ihren Köpfen die heiligen Freundinnen, deren Geschichten oft vergessen sind. Frauen, die ein Grauen erlebt haben, das Tausenden von Frauen in den Bürgerkriegsgebieten täglich widerfährt, als Teil von perversen Demütigungsritualen. "Vergeht euch an den Frauen, dann habt ihr auch die Männer kleingekriegt, die Väter, Söhne und Brüder." Hinter den Legenden verbergen sich die ewig gleichen Geschichten, die die Körper der Frauen zum Kampfplatz von Macht und Sadismus machen. Diese Frauen haben die Hölle gesehen. Die heilige Agathe, die vor sich in einem Gefäß ihre abgeschnittenen Brüste trägt – das Bild gehört zum Archiv des christlichen Abendlands, als Mahnung, die oft genug von Voyeurismus übermalt ist.

Bis heute ist es schöne Tradition, Agathe-Zettel zu verschenken, Zettel mit guten Wünschen, Gebeten und Segensworten. Man kann sie in Briefkästen von Nachbarn werfen oder den Kindern in den Ranzen schieben. Muss ich ausprobieren. Die schrecklichen Geschichten von Agathe, Juliane, Christiane und Ursula aus den Heiligenlegenden kann ich nun aber nicht mehr vergessen.