Reich beflaggt gingen Zehntausende Griechen vergangenen Sonntag in Athen auf die Straße. Sie kamen aus allen nahen und fernen Landesteilen. Selbst von der 600 Kilometer entfernten Insel Kreta waren Demonstranten angereist. "Mazedonien!", rief die Menschenmasse, "Mazedonien ist unser! Und wird immer unser bleiben!"

Mazedonien ist die nördliche Region Griechenlands. Sie ist den Griechen wichtig, denn Alexander der Große, eine der größten Persönlichkeiten der griechischen Antike, war Mazedonier. Allerdings gibt es jenseits der Grenze, im Norden, ein kleines Land mit zwei Millionen Einwohnern, das den gleichen Namen trägt. Wirtschaftlich ist es eher schwach, militärisch ist es irrelevant.

Im Kern sah es bisher auch die griechische Regierung so. Als der Staat Mazedonien im Jahr 1991 aus dem Zerfall Jugoslawiens hervorging, blockierte Athen den Beitritt der neuen Republik zu den UN. Wer diesen Staatsnamen verwende, so die Sorge, erhebe damit implizit auch territoriale Ansprüche auf das griechische Mazedonien. Nach einigem diplomatischen Gerangel einigte man sich auf einen Namen: Former Yugoslav Republic of Macedonia. Das Land, das den UN 1993 beitrat, hieß fortan offiziell etwas umständlich "FYROM". Ein Kompromiss, mehr war es nicht. Griechenland blockierte die internationale Einbindung des Nachbarn weiterhin. Kein Beitritt zur Nato. Kein Beitritt zur EU, solange das Wort Mazedonien im Namen dieses Staates vorkam.

Auf der anderen Seite der Grenze, in der Hauptstadt Skopje, unternahm man allerdings auch einiges, um den Zorn der Griechen anzufachen. Die nationalkonservative Regierung von Nikola Gruevski ließ den Flughafen Skopje in Flughafen Alexander der Große umbenennen, die Autobahn nannte sie Alexander der Große, und mitten in der Stadt errichtete sie ein 23 Meter hohes Denkmal von Alexander dem Großen.

Inzwischen ist Bewegung in den Streit gekommen. In Skopje regiert der Sozialdemokrat Zoran Zaev. Er will sein Land in die Nato und in die EU führen. Dazu muss er Griechenland für sich gewinnen. Die Aussichten dafür sind gut. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras steht unter gewaltigem Druck. Insbesondere die USA möchten, dass Mazedonien der Nato beitritt. Das Land soll an den Westen gebunden und russischem Einfluss entzogen werden. Langfristig möchte die EU Mazedonien ebenfalls aufnehmen. Auch das weiß Tsipras.

Die mazedonische und die griechische Regierung stehen unter Vermittlung der UN offenbar kurz vor einer Einigung. Nordmazedonien, Neumazedonien und Slawomazedonien sind als Landesname im Gespräch. Die Nachricht von der möglichen Einigung war der Auslöser für die Massendemonstrationen, die von nationalistischen Kreisen und der orthodoxen Kirche unterstützt wurden.

Die Mobilisierung der Massen fiel leicht, weil viele Griechen sich ohnehin von Europa gedemütigt fühlen. Die Wirtschaftskrise hat ihnen vieles genommen, da klammern sie sich noch fester an nationalistische Symbole. Griechenland ist eine verletzte Nation. Tsipras’ rechtspopulistischer Koalitionspartner, Verteidigungsminister Panos Kammenos, hat schon vor einiger Zeit verlauten lassen, er werde keinem Namen zustimmen, der Mazedonien oder Ableitungen davon enthalte. Tsipras muss also nicht nur den Widerstand der Straße überwinden.