Es hätte alles so schön werden sollen! Nach den Problemspielen von Sotschi und Rio hofften Sportler, Verantwortliche und Fans auf Pyeongchang: In dem kleinen ostkoreanischen Landkreis sollte Olympia einmal durchschnaufen. Die Gastgeber schienen verlässlich und hatten sich um das größte Sportereignis der Welt, das kaum noch einer ausrichten will, geradezu gerissen. Zwar wurden auch am Mount Gariwang Zehntausende Bäume für die Abfahrtspiste gefällt. Aber im Vergleich zu den Monstrositäten in Russland und Brasilien wirkte das Neun-Milliarden-Dollar-Projekt der Koreaner wie ein Ponyhof. Alle Bauten wurden rechtzeitig fertig, keine Skisprungschanze rutschte den Hang hinab, kein Arbeiter wurde geschunden. Und im Taebaek-Gebirge gibt es sogar echten Winter – für die kommenden Tage sind Temperaturen von minus 20 Grad angekündigt.

Doch nun werden an diesem Freitag Olympische Spiele eröffnet, bei denen es um die Zukunft dieser uralten Idee vom friedlichen Wettstreit der Nationen gehen wird. Dafür können die Gastgeber wenig. Sie sind Opfer des Fallouts der Spiele von Sotschi, der Unfähigkeit des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und der Fallstricke des Sportrechts. Nachdem der russische Dopingskandal publik wurde, rang sich das IOC zwar zu den schärfsten Sanktionen seiner Geschichte durch. Doch selbst diese – vielfach als zu lasch gegeißelten – Strafen lassen sich juristisch kaum durchsetzen. Der Internationale Sportgerichtshof hat die Verbannung der meisten russischen Athleten für rechtswidrig erklärt, weil die Beweise nach Ansicht der Richter (darunter zwei Deutsche) nicht ausreichten. Man kann das für den Triumph eines aufgeklärten Rechtsverständnisses halten, das Kollektivstrafen verbietet. Oder für eine Folge von Fahrlässigkeit des IOC, das einen Komplettausschluss der Russen unter Umständen sogar leichter hätte durchsetzen können. In jedem Fall wird juristisches Tauziehen zur 16. Disziplin dieser Spiele, in der es so bald keinen Sieger geben wird. Der große Verlierer ist der Sport.

Noch bessere Beweise für einen flächendeckenden Betrug, als sie diesmal vorlagen, lassen sich von den Dopingfahndern, die ja keine polizeilichen Befugnisse haben, kaum beibringen. Zudem gibt es erhebliche Zweifel an der Verlässlichkeit aller Dopingkontrollen, nachdem eine ARD-Dokumentation nachwies, wie leicht die Flaschen für die Urinproben manipuliert werden können. Damit ist das gesamte Kontrollsystem für diese Spiele praktisch wertlos. Jeder Athlet, dessen Probe positiv ausfallen sollte, wird berechtigte Zweifel anmelden.

Und nun? Doping freigeben und Olympia als Freakshow der aufgeputschten Übermenschen genießen? Nein. Man legalisiert ja auch nicht Diebstahl, nur weil nicht alle Einbrecher gefasst werden. Außerdem würde es bald zu Tode Gedopte geben. Und weil Sporthelden bewundert und nachgeahmt werden, wäre in Zukunft schon der Jugend- und Breitensport verseucht. Mag sein, dass im Sport als Spiegelbild der Gesellschaft nur schmerzhaft klar herauspräpariert wird, wohin Nationalstolz, Konkurrenzkampf, übersteigertes Leistungsdenken und Effizienzwahn führen. Jeder bekommt die Sportkultur, die er verdient. Zugleich demonstriert der Sport aber in all seinen Facetten und zu weitaus größeren Teilen, dass Zusammenspiel und Zusammenleben nur funktionieren, wenn Regeln eingehalten und durchgesetzt werden. Jeder möchte gerecht behandelt werden, dennoch muss Fairplay jeden Tag aufs Neue in komplizierten Verfahren erstritten werden, im Sport wie in der Gesellschaft insgesamt.

Auf dieser symbolischen Ebene haben auch die Endspiele von Pyeongchang schon etwas Großes bewirkt: Nord- und Südkorea, eben noch denkbare Gegner in einem Atomkrieg, werden bei der Eröffnungsfeier unter einer Flagge einmarschieren und im Eishockey der Frauen sogar mit einem gemeinsamen Team antreten – das gab es seit den Spielen 1948 in St. Moritz nicht mehr, als das Land noch geeint war. Natürlich ist bei der Aktion auf allen Seiten eine Menge propagandistischer Hintersinn im Spiel. Aber in einer Zeit, in der zwei Alphamännchen sich mit der Größe ihres Atombombenknopfes brüsten, hat diese winzige Wiedervereinigung etwas von dem sportlichen Ehrgeiz, mit dem Spitzenathleten die Grenzen des Menschenmöglichen zu verschieben versuchen. Vielleicht kann angesichts des gefährlichsten Konflikts der Weltpolitik das Unmögliche möglich werden. Als Sinnbild dieses Strebens wird Olympia auch in Zukunft noch von Nutzen sein.

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