Die Groko macht weiter? Alles bleibt beim Alten? Von wegen. Zunächst muss ja noch die Basis der SPD gnädig sein, muss im gemeinen Ortsverein die Müdigkeit stärker sein als die Motzigkeit, damit die Koalitionsvereinbarung abgesegnet wird. Doch selbst wenn: Dies würde keine Koalition des Weiter-so, sondern eine des Umbruchs.

Wer sich in diesen Wochen durch das politische Berlin fragt, der erlebt eine persönliche Verunsicherung, eine tektonische Bewegung, wie es sie dort so stark und so parteiübergreifend kaum je gab. Auch nicht, als Berlin noch Bonn hieß.

Man erlebt verbitterte und verspannte Vorsitzende und über Jahre berufsapologetische Parteifunktionäre, die plötzlich eine 180-Grad-Wende wünschen und sich hemmungslos für einen 28-jährigen Juso begeistern; man trifft auf Fraktionschefinnen, die gern mal das Gehäuse ihrer eigenen Partei sprengen möchten; man trifft ratlose Außenpolitiker nach atlantischem Schiffbruch und junge Parteichefs, deren forsches Selbstbewusstsein unversehens fadenscheinig geworden ist, oder frisch gewählte neue Helden, die ungerührt verkünden: "Ich weiß es doch auch nicht."

Beginnen wir an der Spitze des Zentrums der Mitte: Eine Entfremdung ist dort zu verzeichnen zwischen zwei Frauen, die lange Jahre ein Team bildeten. Die eine, die Kanzlerin, machte Politik, mitunter sogar grundstürzende, die andere, Ursula von der Leyen, erklärte diese Politik wortreich in allen verfügbaren Medien, das Buch zum Film gewissermaßen. Was aber bedeutet es für das System Merkel, wenn diese Arbeitsteilung sich dem Ende zuneigt? Und warum zucken derzeit alle mit den Schultern, wenn sie gefragt werden, ob die liberalen CDUler aus dem Merkel-Lager noch die Mehrheit in der Union haben – oder doch die Neokonservativen um Jens Spahn?

Und die SPD? Sie hat offensichtlich den Boden unter den Füßen und den Himmel über dem Ruhrgebiet verloren, sie traut ihrer Führung nicht, die führenden Leute trauen einander nicht, während selbst unter den geduldigsten Wählerinnen und Wählern das Reservoir an SPD-Mitleid aufgebraucht zu sein scheint.

Das über Jahrzehnte so stabile Parteiensystem befindet sich in Aufruhr, bedroht wird es längst nicht mehr nur von den Rändern her. Die Mitte selbst verliert ihr Maß.

Warum ist das so?

Zunächst einmal, weil sich zeitgleich zwei große Entwicklungsbögen dem Ende zuneigen – der Kohl-Merkel-Zyklus ebenso wie der Schmidt-Schröder-Zyklus.

Auf den ersten Blick irritiert es, wenn Angela Merkel und Helmut Kohl in eine Linie gestellt werden, weil üblicherweise – zu Recht – die Unterschiede zwischen der Frau aus dem Osten und dem Mann aus der Pfalz betont werden. Dennoch wirken sich gerade die Gemeinsamkeiten am stärksten aus: Beide betrieben eine Liberalisierung der Union, alles Ideologische, weithin sogar das Programmatische war und ist ihnen fremd, Helmut Kohl hatte die deutsche Einheit schon abgehakt, aber als sie dann doch noch kam, hat er sie gut bewältigt. Wie bei Merkel erwuchs bei ihm die große Politik nicht aus dem, was er sich vornahm, sondern aus dem, was ihm widerfuhr, aus Krisen wurde Programmatik.