Früher kam ich meistens einmal im Jahr nach Polen. Am lebhaftesten ist mir mein erster Besuch in Erinnerung. Ich war völlig eingenommen von dem Land meiner Vorfahren, seinem Volk und seiner Lebensart. Körperlich und geistig erschienen mir die Polen den Menschen sehr ähnlich, die ich am besten kannte, den aschkenasischen Juden aus den Vereinigten Staaten und Israel. Sie hatten einen vergleichbaren Sinn für Humor und klagten beide ständig darüber, dass niemand sie mochte. Aber das ist vielleicht keine große Überraschung, weil Juden ein rundes Jahrtausend lang in Polen gelebt haben. Vielleicht.

Die Stadt, die ich zuerst besuchte, war Łódź, früher einmal die Heimat Hunderttausender Juden, als noch Juden in Polen lebten. Was mir damals sofort auffiel, waren die Davidstern-Graffiti überall. Die müssen die Juden hier aber sehr lieben, sagte ich mir. Und am Freitagabend, wenn religiöse Juden den Sabbat begrüßen, ging ich in die Synagoge, um bei den geliebten Menschen von Łódź zu sein. Ich werde diesen Abend nie vergessen.

Nach dem Ende des Gottesdienstes wandte ich mich an einen der Gläubigen, einen alten Juden mit langem Bart, und verriet ihm, wie sehr mich die Liebe zu den Juden beeindruckte, die sich überall auf den Straßen von Łódź bemerkbar machte. Er starrte mich an wie den größten Idioten aller Zeiten und packte mich an meinem linken Arm. "Liebe?", fragte er. "Als der Krieg vorbei war, hatten nur sehr wenige von uns überlebt. Ich war einer von ihnen. Wir nahmen einen Zug in die Heimat, die wir im Krieg verlassen hatten. Mitten im Niemandsland standen Polen im fahrenden Zug auf und begannen auf uns zu schießen, auf jeden Juden, den sie im Zug sahen. Ich sprang aus dem Zug, und sie schossen immer noch hinter mir her. Aber ich überlebte. Was die Deutschen nicht vollbracht hatten, wollten die Polen vollenden. Niemand hier liebt uns."

Ich brauchte noch ein paar Tage, bis ich begriff, dass die zahllosen Davidsterne keine Zeichen der Liebe waren, sondern solche des Hasses.

Łódź, wo sich einer der größten jüdischen Friedhöfe Europas befindet, hat zwei Fußballvereine, die vor über einem Jahrhundert gegründet wurden; einer von ihnen gehörte einem Juden, der andere wurde von einem Juden geleitet. Die polnischen Juden sind fast alle seit Langem Geschichte, die Vereine aber gibt es noch. Der eine von ihnen heißt Widzew, ein Name, den seine Fans auf jede Mauer sprühen, an der sie vorbeikommen.

Natürlich ist nicht jeder für Widzew. Manche sind Fans von ŁKS, der lokalen Konkurrenz. Und wenn ein ŁKS-Anhänger den Namen Widzew sieht, übermalt er zwei seiner Buchstaben, das W mit einem Z und das i mit einem y, und so wird Widzew zu Zydzew. Zyd heißt auf Polnisch "Jude". Wenn er damit fertig ist, kritzelt er den Namen seines Vereins auf die Mauer: ŁKS. Der Widzew-Fan, der entsetzt die Schmach entdeckt, die man dem stolzen Namen seines Clubs angetan hat, malt sofort einen Davidstern um den Buchstaben K bei ŁKS.

Beide sagen sie mithin das Gleiche: Du bist ein Jude! Für sie hat nicht einmal der Teufel ein schmutzigeres Wort erfunden als dieses, Jude. Gelegentlich malen die Graffiti-Künstler von Łódź auch Bilder. Zum Beispiel einen Juden oder einen Davidstern, der an einem Galgen hängt.

Diese Feier des Antisemitismus auf den Straßen Polens ging mir schließlich an die Nieren, und ich kehrte der Stadt den Rücken, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen.

Ende vergangenen Jahres machte Polen Schlagzeilen, als das Land zweimal mit der Europäischen Union aneinandergeriet. Der erste Konflikt war ziemlich ernst: Die Europäische Kommission verkündete ihren Beschluss, ein Verfahren gegen Polen nach Artikel 7 des EU-Vertrags einzuleiten, das letztlich zur Aussetzung von Polens Stimmrechten in der EU führen könnte. In einer Pressemitteilung erklärte die Kommission: "Innerhalb von zwei Jahren hat Polen über 13 Gesetze verabschiedet, die sich auf die gesamte Struktur des polnischen Justizsystems [...] auswirken", und dies, obwohl sich die Kommission immer wieder bemüht habe, einen konstruktiven Dialog mit der polnischen Regierung aufzunehmen. "Die Europäische Kommission sieht in Polen die eindeutige Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung der Rechtsstaatlichkeit."

Der zweite Streit war einer mit der Mehrheit der EU-Mitglieder – über Jerusalem. Kurz nachdem US-Präsident Donald Trump Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt hatte, stimmte die UN-Vollversammlung über eine Resolution ab, die diese Entscheidung für null und nichtig erklärt. Dabei enthielt sich Polen im Unterschied zu den meisten anderen EU-Ländern.

Die EU, ein politisches Gebilde, das ich nun schon seit geraumer Zeit verfolge, hat in den vergangenen Jahren Zeichen eines wachsenden Antisemitismus gezeigt. Und so beschließe ich nach einer Auszeit von zehn Jahren, diese EU-Paria-Nation namens Polen erneut aufzusuchen.