DIE ZEIT: Herr Ahmad, darf ich Ihnen die Therapeutenfrage stellen: Wie geht es Ihnen?

Salah Ahmad: Eigentlich gut. Morgen reise ich von Berlin in den Nordirak, da wird man immer nachdenklich. Die Reise ist derzeit beschwerlich, weil es keine Flüge nach Erbil gibt. Ich fliege also nach Istanbul, steige um, fliege noch mal und nehme ein Auto, um über die Grenze zu gelangen, wo man oft stundenlang warten muss. Aber der Besuch im nordirakischen Dohuk ist wichtig, wir haben dort drei Traumazentren, eines für jesidische Vertriebene, eines für syrische Flüchtlinge und eine allgemeine Anlaufstelle für Traumatisierte.

ZEIT: Sie sind Kurde, stammen aus dem Irak und haben Anfang der neunziger Jahre in Berlin begonnen, mit Folteropfern zu arbeiten. Seither hat Ihre Jiyan Foundation in den Kurdengebieten elf Traumazentren aufgebaut. Warum haben Sie sich nicht einfach mit Berlin begnügt?

Ahmad: Weil unsere Arbeit vor Ort gebraucht wird. Von den Menschen, die heute in Dohuk leben, sind 50 Prozent Vertriebene. Während des Vormarsches des "Islamischen Staates" waren es noch mehr. Wir kümmern uns um Christen, Jesiden und Muslime gleichermaßen. In der schlechtesten Verfassung sind wohl die jesidischen Frauen, die vom IS versklavt waren. Für sie haben wir eine eigene Frauenklinik in Dschamdschamal, es ist wirklich sehr schwer zu beschreiben, was ihnen angetan wurde. Was machen Sie mit einem elfjährigen Mädchen, das von seinen Peinigern schwanger ist, aber so unterernährt, dass eine Abtreibung ebenso wie eine Geburt lebensgefährlich ist?

ZEIT: Ja, was können Sie als Therapeut da tun?

Salah Ahmad ist Arzt und Traumatherapeut. © Jiyan Foundation for Human Rights

Ahmad: Wir versuchen behutsam, diesen Menschen das Gefühl zu geben, dass es sich vielleicht doch lohnt zu leben. Aber es ist eine kraftraubende Arbeit. Ein deutscher Kollege, erfahrener Therapeut, der in Kurdistan zu Besuch war, bot uns Supervision an. Vorher las er sich in fünf Fälle ein. In Dohuk dann musste er nach dem zweiten Fall passen: Ich bin fix und fertig! Ich kann nicht mehr!

ZEIT: Warum sind die Taten so überaus grausam?

Ahmad: Es geht darum, den Gegner zu brechen. Deshalb treffen die Vergewaltigungen nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Der IS hat die Kriegsmethode der Entehrung ins Extreme gesteigert, an meinen Fallakten kann ich sehen, wie das immer schlimmer wurde. Jetzt in Afrin, wo die Türkei die Kurden bombardiert, hat man ein junges kurdisches Mädchen getötet, ausgezogen und zerstückelt. Das Video wurde ins Netz gestellt.

ZEIT: Warum werden solche Taten kaum publik?

Ahmad: Weil wir zuhause in Deutschland nicht gestört werden wollen in unserer Ruhe. Die meisten Menschen sind so, leider Gottes.

ZEIT: Aber Deutschland hat viele Flüchtlinge aufgenommen.

Ahmad: Richtig. Und trotzdem. Seit über zwei Wochen wird Afrin von der Türkei beschossen, ohne dass ein Kurde die Türkei angegriffen hätte. Unsere Jiyan Foundation wollte in der Region ein Traumazentrum bauen, weil sie die letzte friedliche Region in Syrien war. Und nun? Ich bin tieftraurig, dass die Deutschen den Türken nicht sagen: Lasst das!

ZEIT: Denken sie manchmal, dass die Menschheit einfach unbelehrbar ist?

Ahmad: Nein. Nein. Ich sehe die Realität, aber auch das Gute. Dass wir uns ändern können! Ein junger Patient kam mit einer Pistole in meine Therapie, weil er so voller Rachegefühle gegen seine Peiniger war. Sein Cousin war vom irakischen Geheimdienst verhaftet und zu Tode gefoltert worden, danach hatte man auch ihn verhaftet und gefoltert, drei Monate lang. Nach anderthalb Jahren Therapie hatte er keine Waffe mehr zu Hause.

ZEIT: Und Ihre Mitarbeiter, wie halten die es aus?