Der vorletzte Verhandlungstag startete wieder einmal verspätet. Frank M. war in der Gefängnisambulanz noch untersucht worden: Blutdruck, Gesichtsfarbe, Puls. Ihm sei übel, hatte er gesagt. Die Nacht zuvor hatte er wieder eine Tablette gegen die Panikattacken bekommen, die habe er nicht gut vertragen. Der Anstaltsarzt sah kein Problem: M. sei nicht einmal besonders blass, fand er. Also legte man dem 73-Jährigen Handschellen an und führte ihn nach nebenan ins Strafjustizgebäude.

So zog es sich jeden Tag hin, zum Verhandeln kam die Große Strafkammer 18 des Hamburger Landgerichts kaum. Seit Anfang September tagte sie zweimal die Woche. Drei Angeklagte hatten sich zu verantworten, darunter M., ein Rechtsanwalt. Der Vorwurf: Beihilfe zur schweren Untreue. Die drei sollen den früheren Eigentümer der Wölbern-Privatbank beim Anlagebetrug in 99 Fällen beraten haben, Heinrich Maria Schulte hatte 150 Millionen Euro von Investoren veruntreut und wurde bereits 2015 zu einer Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt. Nun sollten seine mutmaßlichen Gehilfen an die Reihe kommen.

Doch es geht nicht – Frank M. ist zu krank. Fast vier Monate lang hat das Gericht mit allen Mitteln versucht, diesen Prozess zu führen. Die Kammer hat M. jede Pause gewährt, sie hat ihm im Gerichtssaal einen Arzt an die Seite gesetzt, hat regelmäßig seinen Blutdruck kontrollieren lassen. Dann hat sie kapituliert. Kurz vor Weihnachten stellte sie den Prozess gegen den früheren Rechtsanwalt überraschend ein. M. kam aus der Untersuchungshaft frei. Nach 15 Monaten.

Wenige Wochen später sitzt er im Foyer des Hamburger Elysée-Hotels vor dem zweiten Cappuccino und sucht nach Worten. Er wirkt introvertiert und scheint manchmal mehr zu sich selbst zu sprechen als zum Gegenüber. Dabei versucht er krampfhaft, seine Hände unter Kontrolle zu halten: Zu Beginn des Gesprächs zittert nur die rechte leicht. Nach einer Stunde werden beide Arme kräftig vom Parkinson geschüttelt.

Für M.s Anwälte ist dessen Inhaftierung ein Skandal in mehreren Akten. Die Dramaturgie lässt sich an ärztlichen Attesten ablesen: Parkinson, Depressionen, Angst. M. sei verhandlungsunfähig, argumentierten die Anwälte vom ersten Verhandlungstag an, er dürfe nicht vor Gericht gestellt und schon gar nicht in eine Zelle gesperrt werden. Damit prallten sie an der Unbeirrbarkeit der Richter und Staatsanwälte ab.

Ein Gutachten reihte sich ans nächste. Unzählige Sachverständige beschäftigten sich mit M., mal beauftragt vom Gericht, mal von der Verteidigung. Es gab Gutachten und Gegengutachten. Anträge auf Haftverschonung, weitere Gutachten, Befangenheitsanträge. Und immer wieder die Ablehnung. Der letzte vom Gericht beauftragte Psychiater brachte die Entscheidung: Der Angeklagte könne sich bloß maximal 45 Minuten auf seinen Prozess konzentrieren, stellte er Ende Dezember fest. In 45 Minuten aber ist keine Verhandlung zu führen, und ohne Prozess gibt es keinen Grund für die U-Haft. M. kam gegen Auflagen frei.

Nun ist er in medizinischer Behandlung. Sein Alltag wird von Arztbesuchen diktiert. Manchmal, an guten Tagen, liest er in einem Buch. "Als ich noch im Gefängnis war, hatte ich mir ausgemalt, wie ich nach der Entlassung Golf spielen gehe", erzählt M. "Aber mir fehlt dazu einfach die Kraft."

Am schlimmsten sei die Isolation im Knast gewesen, sagt M. Dass er intellektuell nicht mehr gefordert war. Er habe dem eigenen Verfall zugesehen, ohne ihn aufhalten zu können. Er zupft die rosafarbenen Hemdsärmel unter dem dunkelblauen Samtjackett zurecht, als brauche er die äußere Perfektion, um zu einer Haltung zurückzufinden. "Ich hätte mir niemals vorstellen können", sagt er, "was Gefängnis mit einem Menschen macht."