Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

Der Glaube kann Berge versetzen. Auch sinnvolle Projekte müssen geglaubt werden, um eine Chance zu haben. Ich will daran glauben, dass das politische System in meinem Land sinnvolle Projekte zulässt, deren Dimension der Dimension angemessen ist, in der die großen Zukunftschancen sich vor uns eröffnen. Ich will das Unmögliche glauben, sonst hätte es keine Chance. Ich will daran glauben, dass es möglich ist, den Individualverkehr so zu besteuern, dass er wieder zum Luxus wird (wie zum Beispiel in Singapur, wo der Raum für Straßen und Parkplätze schon jetzt an absolute Grenzen stößt), um mit diesen Luxussteuern alte Kleinbahnstrecken wiederzubeleben.

Dass es möglich ist, die Schulen zu öffnen in die Lebenspraxis der Region hinein. Um Kinder und Jugendliche mitarbeiten zu lassen. Im Handwerk zum Beispiel. Oder auf dem Land, wo statt der Intensivierung ohnehin eine Extensivierung ins Haus steht (wodurch Lebensmittel kostbar, keine Wegwerfware, aber nicht zu teuer werden, weil ein Großteil der Landarbeit dadurch entlohnt wird, dass man sie verrichten darf als Bewegungs- und Begegnungszeit, als Arbeitstherapie für entwurzelte Städter). Ich glaube daran, dass uns eine Freiheit möglich ist, die nicht darin besteht, unter diversen Automarken und Duschgels frei zu wählen, sondern darin, unser Leben frei von Ausbeutungs- und Verwertungszwängen zu gestalten, denen wir als Produzenten und Verbraucher in einer freien Marktwirtschaft unterliegen. Ich hoffe darauf, dass die Mehrzahl junger Menschen diese kostbaren Wohlstandsjahre nicht mit immer neuen Games verplempert, sondern den Mut findet, sich in die Verantwortung ihrer Generation zu stellen. Und nach zukunftsfähigen Antworten sucht auf die immensen Veränderungen des Lebensstils, die in den letzten 70 Jahren nahezu lautlos über uns gekommen sind. Und denen wir uns jetzt stellen können, weil wir die Mittel dazu haben.

In meiner Kirchgemeinde gibt es einen Bläserchor, ein Kinder-Café, einen Frauenkreis, einen Bibelkreis, ein Trauercafé, einen Kirchenchor, eine Junge Gemeinde, ein Bandprojekt, einen Besuchsdienst, einen Konfirmandenunterricht, einen Gesprächs- und Bastelkreis und eine Selbsthilfegruppe für Suchtkranke und deren Angehörige. Ich vermisse größere Projekte, denn ich glaube, dass die Zuständigkeit der Kirche viel weiter reicht. Ich glaube, dass die Kirche zuständig ist für die große Frage "Wozu das alles?". Dass sie uns nicht nur zu beten, sondern auch zu arbeiten, überhaupt zu leben lehren kann auf menschengemäße Weise. Weil ein brummender Wirtschaftsmotor an und für sich nichts Gutes ist, wohl aber ein geglücktes Menschenleben.