Natürlich ließe sich jetzt lästern. Kafka schrieb Das Urteil in einer einzigen Nacht! Die Männer von Apollo 11 flogen innerhalb von acht Tagen bis zum Mond und zurück! Und Kolumbus war auch nur 71 Tage unterwegs, dann betrat er schon Amerika!

Deutschlands Politiker haben länger gebraucht. Zwischen der Bundestagswahl und dem Erscheinen dieses Artikels sind 137 Tage verstrichen. Jahreszeiten kamen und gingen, Parteien und deren Personal auch. Anfangs sahen wir Katrin Göring-Eckardt noch im Sommerkleid sondieren, dann brach Christian Lindner herbstkalt die Gespräche ab, schließlich stiefelte Peter Altmaier in Winterjacke in Verhandlungsrunden. Jetzt kommen in den Gärten schon wieder die Krokusse raus.

Viel Zeit ist vergangen. Trotzdem erwartet kaum jemand etwas Epochales von der Koalition, nach der es gerade am ehesten aussieht.

Es ließe sich also lästern. Aber das will ich gar nicht. Denn ich musste, nicht als Einziger im Land, ganz ähnliche Verhandlungen führen. Schon vor der Wahl. Da habe ich auch 137 Tage lang, eher noch 200, mit mir selbst sondiert, gerungen und gestritten. Wen wählen?

Dieser innere Monolog war anfangs fantastisch, doch irgendwann wurde das Abwägen quälend. Anders als Merkel, Lindner, Özdemir und später Schulz, war es mir ja nicht mal erlaubt, eine Koalition einzugehen. Als Wähler musste ich kompromissloser sein als die Politiker – und meine alles entscheidende Zweitstimme einer einzigen Partei geben. Nur welcher?

Sollte ich die Grünen wählen, um den Klimawandel noch zu stoppen?

Die CDU, um Angela Merkel für ihre in meinen Augen mutige Flüchtlingspolitik und ihren irgendwie zuversichtlichen Pragmatismus zu belohnen?

Oder doch die SPD, die ich gerade wegen ihrer Selbstzweifel für die Seele unseres Parteiensystems halte?

Es sind politisch heikle Zeiten, mehr als je zuvor habe ich über meine Entscheidung nachgedacht – und mich nie so unzulänglich gefühlt. Mit jeder Festlegung auf eine mir wichtige Position gab ich eine andere auf, die mir genauso wichtig erschien. Zunächst ließ ich die SPD im Stich. Dann musste ich bei der Wahl zwischen Schwarz und Grün einen Verrat begehen. Auch wenn’s pathetisch oder lächerlich klingt: Meine Stimme für die CDU hätte bedeutet, dass ich die Bienen ihrem Schicksal überlasse, genauer gesagt, dem Glyphosat. Meine Stimme für die Grünen hätte zur Konsequenz gehabt, die Kanzlerin innerhalb der Union zu schwächen, sie mit Seehofer, Spahn und allerlei überschüssigem Testosteron allein zu lassen. Merkel oder die Bienen? Ein Opfer musste es geben.

Rot oder Grün? Schwarz oder Gelb? Grün oder Schwarz? Schwarz oder Rot? Gelb oder Grün? Als ich auf dem Wahlzettel schließlich mein Kreuz machte, kam mir das, was ich tat, angesichts der komplexen politischen Lage wie eine sehr unterkomplexe Handlung vor. In etwa so, als würde man Fotografen auch Jahrzehnte nach Erfindung des Farbfilms zwingen, die Realität auf Schwarz-Weiß zu reduzieren.

Seitdem fesselt mich ein Gedanke: Was, wenn sich die Buntheit unseres Denkens in unserem Abstimmungsverhalten widerspiegeln dürfte? Wenn wir Wähler also unsere Zweitstimme aufteilen könnten? Beispielsweise in Zehntel? Womöglich hätte ich dann fünf Zehntel meiner Stimme den Grünen gegeben, drei Zehntel vielleicht an Merkels CDU. Für die SPD wären noch zwei Zehntel geblieben. Und mein Votum hätte meinen Werten entsprochen.

Wenn ich Freunden und Kollegen von dieser Idee erzähle, sagen die einen, das simple Schwarz-Weiß-Wählen sei wirklich aus einer anderen Zeit, in der politische Fronten klarer waren.

Andere sehen in einem Stimmensplit eine "Flucht aus der Verantwortung". Einen "Sieg des Individualismus": Du kannst dich ja nur nicht entscheiden, willst keine Kompromisse eingehen, alle Optionen offenhalten!