DIE ZEIT: Herr Falk, warum diese Studie?

Armin Falk: Ob wir uns ökonomisch auskennen, beeinflusst nicht nur unser persönliches Verhalten, sondern auch die Gesellschaft. Derzeit wird die Euro-Mitgliedschaft problematisiert und die Demokratie in einem Ausmaß hinterfragt, das vor ein paar Jahren noch undenkbar war. Ökonomisches Wissen könnte da helfen: Wer mehr weiß, stellt die Demokratie weniger infrage und sieht eher die Vorteile des Euro.

ZEIT: Demnach geht es nicht nur darum, dass wir als Sparer mit mehr Wissen kundiger anlegen. Wirtschaftswissen beeinflusst uns als Staatsbürger?

Falk: Unbedingt. Der Wähler wird ja aufgerufen, bei der Wahl eine Abstimmung zu treffen über verschiedene Politikkonzepte, und wenn er in einer Vorstellungswelt fernab der Realität lebt, dann kann er schwerlich die Interessen der Allgemeinheit verfolgen – und möglicherweise nicht einmal seine ureigenen. Sieht man etwa, wie falsch die Höhe von Arbeitslosengeld I und Hartz IV eingeschätzt wird und welche Rolle diese in der politischen Auseinandersetzung spielen, dann muss man darauf hinweisen: Viele Menschen gehen mit erheblichen Wissenslücken wählen.

ZEIT: Haben die Ergebnisse Sie erschreckt?

Falk: Mich wundert es nicht, dass Unwissen in Deutschland verbreitet ist. Das Ausmaß ist im Detail aber erschreckend. Wenn im Durchschnitt eine Inflationsrate von acht Prozent angegeben wird, dann kann man sich schon fragen, ob überhaupt Größenvorstellungen bekannt sind. Oder wenn Dax-Werte von unter 100 angegeben werden, dann ist offenbar vielen das Konzept vom Aktienindex nicht bekannt.

ZEIT: Muss ich denn bei solchen Größen stets auf dem Laufenden sein?

Falk: Nur dann, wenn es für eine anstehende Entscheidung relevant ist. Auch bei einer politischen Wahl sollte ich schon Bescheid wissen, weil es für meine Willensäußerung relevant ist.

ZEIT: Was bedeutet es für einen selbst, wenn man Inflation, Arbeitslosigkeit oder Wachstum so gar nicht einschätzen kann? Nachteile im Leben?

Falk: Wissen ist eine Voraussetzung für vernünftige Entscheidungen – etwa um zu beurteilen, ob eine Lohnerhöhung ausreichend oder eine Geldanlage vielversprechend ist. Noch wichtiger als Faktenwissen ist in diesem Zusammenhang das Denken in ökonomischen Konzepten. Wenn ich nicht mit Wahrscheinlichkeiten umgehen kann, dann werde ich im Allgemeinen schlechtere Entscheidungen treffen als die Informierten.

ZEIT: Wer weiß mehr über Wirtschaft in Deutschland, wer weiß weniger?

Falk: Vor allem Geschlecht, Bildung, Vermögen und Alter sind von Bedeutung. Höhere Bildung, höheres Vermögen und höheres Alter verbinden sich positiv mit mehr Faktenwissen, und Frauen wissen weniger als Männer. Bei Fragen zum ökonomischen Denken und Handeln sind vor allem Bildung und Alter relevant.

ZEIT: Hoher Bildungsgrad heißt in der Regel auch mehr Wohlstand. Haben die Reichen einen Wissensvorsprung und können daher auch ihre Interessen besser durchsetzen?

Falk: So sieht es aus. Allerdings: Zentrales Differenzierungsmerkmal ist die Bildung. Das bedeutet zum einen zwar tatsächlich, dass Reiche besser Bescheid wissen und ihre Interessen eher durchsetzen können, weil besser gebildete Menschen in aller Regel eben auch reicher sind. Es bedeutet aber auch, dass Aufklärung und Bildung unabhängig vom Einkommen zu besseren Entscheidungen befähigen. Hieraus folgt meines Erachtens eine klare politische Botschaft. Wirtschaftliche Bildung muss man als Befähigungspolitik begreifen.

ZEIT: Frauen schneiden an Schulen und Unis oft besser ab als Männer. Trotzdem haben sie weniger Faktenwissen über Wirtschaft. Woran liegt das?

Falk: Vermutlich hat das mit ihren Interessen zu tun und damit, wie oft man sich im Beruf und im Alltag mit wirtschaftlichen Fragen auseinandersetzt. Leider spielen auch Geschlechterbilder eine Rolle, gemäß dem Motto: Zahlen und Mathematik sind Männersache. Für mich ergibt sich hieraus ebenfalls eine klare politische Botschaft, nämlich endlich aktiv die Stereotype über die Geschlechter zu bekämpfen, am besten schon im Kindergarten und in der Grundschule.