Der Wolf ist ein Rudeltier. Er hat ein ausgesprochen starkes Sozial- und zugleich Territorialverhalten. Was auch auf den Menschen zutrifft. Das fällt vor allem dann auf, wenn dieser über Wölfe streitet. Zu beobachten war das in der vergangenen Woche, als im Bundestag der Wolf auf die Tagesordnung gesetzt wurde: Die FDP plädierte dafür, die Raubtiere ins Jagdrecht mit aufzunehmen, wodurch der Wolf immerhin potenziell jagdbar würde. Die Linke forderte unbürokratische Hilfen für Schäfer. Und die AfD schlug eine "Obergrenze" für Wölfe vor – was gar nicht wie ein Scherz klang.

Die Argumente sind ja nicht neu: Die einen haben Angst vor einer unkontrollierten Ausbreitung, die anderen sehen im Wolf keine Gefahr für Menschen und sagen, Herden könnten leicht geschützt werden. Nach Jahren giftigen Streits haben sie sich kaum angenähert, die Wolfsfeinde und -freunde.

Anderswo hat man längst einen Umgang mit dem Raubtier gefunden. Etwa in Italien. Dort lassen die Schäfer den Wolf in Ruhe, solange dieser die Schafherden in Ruhe lässt, sonst geht es ihm an der Kragen. Oder in Estland: Dorthin verschlägt es vor allem im Winter russische Wölfe. Jäger dürfen einige Tiere schießen, dafür sind sie verpflichtet, die Populationen zu beobachten und Kadaver auf Krankheiten und Abstammung untersuchen zu lassen. In kaum einem Land wissen die Menschen so viel über ihre Wölfe wie in Estland.

In Deutschland sollen erst jetzt mehr Tiere mit Sendern versehen werden, was Wolfsberater schon seit Jahren fordern. Wie lange es gedauert hat, diese unstrittig sinnvolle Maßnahme zu vereinbaren, um mehr Daten über die je nach Sichtweise sehnlichst erwarteten oder gefürchteten Tiere zu sammeln, verrät viel.

Niemand will von seiner Position abweichen: dass eine Aufnahme der Wölfe ins Jagdrecht überhaupt nichts ändern würde, weil die Tiere darunter genauso gut geschützt wären wie jetzt, gestehen weder die FDP noch ihre Gegner ein. Dass eine allgemeine Obergrenze genauso wenig bringt, weil es vor allem regionaler Lösungen bedarf, hindert die AfD nicht daran, solchen Blödsinn zu fordern. Und auch die Naturschutzverbände wollen nicht von ihren wolfsfreundlichen Maximalpositionen abweichen und lehnen reflexhaft jegliche Abschüsse ab, ohne ehrlich darüber zu diskutieren, wie ein nachhaltiges Management der schäferhundgroßen Raubtiere denn aussehen soll.

Der ganze Lärm verschleiert, dass am Ende jeder vor allem seine eigenen Interessen durchsetzen will. Einen ehrlichen Interessenvertreter hat der Wolf hierzulande nicht, auch nicht in den Partnern der möglichen künftigen großen Koalition. Die haben sich darauf geeinigt, der Sicherheit des Menschen "absolute Priorität" einzuräumen – als würden marodierende Rudel Kinder fressen. Dabei lassen sich schon jetzt problematische Tiere schießen. Immerhin will Schwarz-Rot die Europäische Kommission auffordern, den Schutzstatus vom Erhaltungszustand abhängig zu machen. Und der ist weiterhin: ungünstig.