Beim Yoga gewesen. Kater gehabt. Keinen Muskelkater, sondern einen richtigen, vom Alkohol. Es gibt Bier-Yoga, tatsächlich, man balanciert ein Pils auf dem Kopf, und zwischen den Übungen wird getrunken. Es gibt Lach-Yoga (mit "Hahaha!"-Rufen), Heavy-Metal-Yoga (Teufels- statt Sonnengruß) und Yoga mit Ziegen (im Stall; die Tiere schubsen einen von der Matte, das soll die Balance erhöhen).

Yoga ist reif für die Parodie, gerade weil der Boom immer größer wird. 2,6 Millionen Deutsche praktizieren in 6.000 Yogastudios und -schulen. Vier Milliarden Euro setzt die Branche hierzulande jährlich um, einschließlich Unterricht, Bekleidung und Accessoires (Umsatz 2017 weltweit: rund 42 Milliarden).

Hamburg ist zwar nicht die Hauptstadt der flexiblen Subjekte – das ist Berlin mit über 300 Studios –, zieht aber kräftig nach: 151 Anbieter sind gemeldet, Sportvereine wie der ETV Eimsbüttel und Sportspaß haben die Zahl ihrer Yogakurse in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt, und seit die Managerin Vanessa Maempel die Biege bei ExxonMobil gemacht hat, gibt es hier auch ein Start-up für Yoga in der Firma. Ziel: "Mehr fokussierte, belastbare und zufriedene Mitarbeiter" (Unternehmenswebsite).

Mit dem Erfolg verfestigen sich die Klischees und Vorurteile. Sie lauten:

Yoga ist nur was für die Mittelschicht.

Yoga ist nur was für sportliche Menschen.

Yoga nimmt sich zu ernst.

Stimmt das? Drei Hamburger Projekte zeigen, dass es auch anders geht.

Cornelia Brammen, 55, ist Redakteurin bei Fit for Fun, einer Sportillustrierten, die lange Zeit genau jenen Look bewirtschaftet hat, der mittlerweile so an Yoga nervt: junge Frauen mit Modelfigur und rosa Leggins machen lachend einen Handstand. Brammen ist ausgebildete Yogalehrerin, aber sie unterrichtet keine Eppendorfer, die ihren Hintern straffen wollen, sondern Häftlinge in der JVA Fuhlsbüttel. Da sitzen dann sechs Schwerverbrecher in einem Kreis und absolvieren unter Anleitung ihre Übungen. "Das soll jetzt keine Entschuldigung für kriminelle Taten sein", sagt Brammen, "aber Strafvollzug ist stressig und vor allem sehr laut. Schwere Schritte in hallenden Gängen, Stahltüren, laute Schlüssel, Gewichte, die im Kraftraum auf den Boden donnern. Es gibt den Einschlusslärm und den Lärm der Tat im Kopf der Delinquenten. Mit Yoga lernen sie, das Gedankenkarussell kurz zu stoppen. Sie erleben so etwas wie Stille."

Das ist Burnout-Prävention nicht in der Mitte der Leistungsgesellschaft, sondern an den sozialen Rändern, wo Menschen um einen letzten Rest an Würde kämpfen. Der Verein Yoga für alle, für den Brammen ehrenamtlich unterrichtet, ist auch in Frauenhäusern und Therapieeinrichtungen aktiv.

Menschen mit Depressionen oder Zwangsstörungen hilft es also, "den Hund" zu machen oder "die Kobra"? "Bei vielen dieser Erkrankungen ist das Ausgeliefertsein das Schlimmste. Yoga gibt den Betroffenen einen Anker, sagt Brammen. "Sie üben das Sich-Anspannen und -Entspannen und stellen fest, dass sie etwas steuern können."