"Die AfD will den Kika abschalten." Erinnern Sie sich an diese Schlagzeile vom Januar? An die Stimmen, die sich besorgt äußerten über die "Indoktrination unserer Kinder", denen man unkommentiert eine Reportage über ein junges deutsch-syrisches Paar vor die Nase setze. Dabei hatte sich der Kika einfach nur getraut, die Realität junger Menschen näher zu beleuchten.

Als ich neulich in meiner Schule den Gang entlangging, begegnete ich sieben Achtklässlern, die alle längst im Klassenraum hätten sitzen sollen. Der Unterricht schien aber gerade weit weg von ihnen zu sein: Sie hatten sich neben ein Mädchen, die ich hier Cathy nenne, gesetzt. Mit tränennassem Gesicht kauerte sie auf dem Boden. Es stellte sich heraus: Sie assistierten beim ersten Liebeskummer. Cathys Freund hatte mit ihr Schluss gemacht und war seit gestern mit Clarissa zusammen. Clarissa ist Cathys beste Freundin. Oder: Sie war es. Clarissa, die dabeistand, hob zerknirscht die Schultern und sagte: "Es tut mir leid, wirklich ein bisschen dumm, aber so ist es nun mal." Ich dachte natürlich als Lehrerin: Wie diese sieben in den Klassenraum kriegen? Sollte ich Cathy erklären, dass es gegen ihren Schmerz kein Mittel gibt?

In der Klasse indes saß schon Marie. Müde sah sie aus in diesen ersten Tagen des Jahres. Ihr Füller kratzte über das Papier. Schreiben ist nicht so ihr Ding, wie sie sagt. Mega-anstrengend eben. Aber sie bemüht sich. Damit ist sie nicht allein. Marie war es jetzt ein bisschen zu laut. Sie wollte mehr Ruhe, sie ist in der neunzehnten Schwangerschaftswoche. Auch das gehört zum Schulalltag. Neben einer schwangeren Vierzehnjährigen sitzen manchmal Mädchen, die noch heimlich mit Puppen spielen. Oder das PC-Spiel Minecraft für die größte Verwegenheit ihres Lebens halten.

Die "Jugend von heute" gibt es nicht. Es hat sie nie gegeben. Nur eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Die Jugend hat es heute nicht leichter als früher. Trotz Smartphone und oft größerer Lockerheit der Elterngeneration. Die Kindheit ist zusammengeschrumpft, die Jahre des unschuldigen kindlichen Abgeschottetseins sind gezählter denn je. Werbung und Netz drängen längst in die Lebenswelt der Jüngsten. Mädchen, die mit zehn ihre erste Diät hinter sich haben, die irgendwie ihren Weg finden müssen – vorbei an Heidi Klum und Instagram-Influencern. Aber wie?

Individualisten haben in diesem Alter kaum Konjunktur. Das wissen auch die Jungs, die sich meist viel zu früh im Internet informieren (müssen), was einen tollen Hengst ausmacht, obwohl sich die Mädchen nur sehnlichst ein eigenes Pferd wünschen. Doch kaum bleiben die Räder des Puppenwagens stehen, können manche schon nicht mehr schlafen, weil sie die halbe Nacht auf die zwei blauen Häkchen an ihrer WhatsApp-Nachricht warten, was heißt, dass sie der Empfänger gelesen hat. Oder weil sie nicht nur auf dem Schulhof, sondern auch im Netz lächerlich gemacht worden sind. Dass aber einer nachhaltig Schaden genommen hätte durch extensives Kika-Gucken, habe ich noch nicht erlebt. Nie. Erstens überschätzen die Kika-Kritiker der AfD und ihre Anhänger offenbar den Einfluss des Fernsehens auf heutige Kinder. YouTube und andere Kanäle haben längst übernommen. Zweitens aber, und das ist viel wichtiger, ist die umstrittene Kika-Doku mit Malvina und Diaa hervorragend. Ich würde sie meinen Schülern ungern vorenthalten.

Die Serie lehrt nämlich etwas über das Menschsein. Über unsere Unterschiedlichkeit. Über das Verliebtsein. Und dessen Gefahren. Über Würde. Und zwar in jeder Kultur. In jeder Religion. Mit anderen Worten: Man kann nicht die Ringparabel aus Nathan der Weise beschwören und von der Realität vorm Fenster schweigen. Die beiden Kika-Protagonisten sind so unterschiedlich wie die Jugendlichen, die täglich vor mir sitzen. Der junge Syrer Diaa, Muslim und unverkennbar geprägt von seiner Religion, dessen Alter egal ist, verliebt, gefühlvoll, offen, irgendwie geradezu niedlich mit seinem akkuraten Haarschnitt und den langen Wimpern. Und die 16-jährige Malvina, die mir als junger Frauentyp sehr gefällt. Klug, natürlich, sie kann sich ausdrücken und weiß, was ihr (zurzeit) wichtig ist.

Beiden zuzusehen und zuzuhören tut gut. Nicht nur, weil ihre Unsicherheit einer ersten großen Liebe, an der man plötzlich teilhat, irgendwie ans Herz geht, sondern weil die beiden wirken, als meinten sie es tatsächlich ernst miteinander. Trotz aller Schwierigkeiten, von denen sie selber bereits etwas ahnen. Ihre Bedingungslosigkeit in Sachen Liebe ist viel schwerer. Nur hat das mehr mit Psychologie als mit dem leidigen Kopftuchstreit zu tun. Und: Wie jung man sein darf, wenn die Liebe einen trifft, das weiß bis heute keiner.

Die unvergessliche Tamara Danz, Sängerin der Band Silly, hat all das schon besungen: "Wir können uns nicht wehren, wenn’s einfach nur beginnt. Bataillon d’amour." Ob das die AfD kennt? Mit sachter Wehmut erinnerten wir uns des Dr.-Sommer-Teams des Ostens, das im Grunde aus einer One-Woman-Show bestand: Damals hatte in der Mittwochsausgabe der Jungen Welt die Journalistin Jutta Resch-Treuwerth in der Rubrik "Unter vier Augen" eine Frage der Liebe und mit etwas Glück auch mal zur Sexualität beantwortet. Hierbei handelte es sich um alles andere als Erotik, aber vielleicht schärfte das subtile Weglassen manch drastischer Gegebenheiten doch die Antennen der jungen Dinger von früher. Ich kenne den Königsweg auch nicht. Ich weiß nur, dass es Zeit ist, einmal Danke zu sagen – und das nicht nur unter vier Augen, sondern in aller Öffentlichkeit: Danke, Jutta Resch-Treuwerth. Danke, Kika!