Das Problem mit dem Wildschwein: Es kann nichts dafür, dass es so zahlreich ist. Das Wildschwein macht nur, was Wildschweine nun einmal tun, wenn man ihnen ein Schlaraffenland bietet, eines mit unbegrenztem Zugang zu kalorienreichem Futter und ausreichend Schutz vor Gewehrkugeln. In diesem Schlaraffenland schlägt sich das Wildschwein den Bauch voll, und es pflanzt sich munter fort. Zwei Würfe mit bis zu zehn Frischlingen sind drin – pro Jahr. Zwar schossen die Jäger, die praktisch ihre einzigen Feinde sind, allein in der vergangenen Jagdsaison fast 600.000 Tiere. Trotzdem schaffen sie es nicht, die Bestände zu reduzieren.

Die Wildsau, sie fühlt sich wohl in der deutschen Kulturlandschaft, zwischen nahrhaftem Mais und Raps, deren Anbaufläche zuletzt stark angestiegen ist. Es gibt eine Menge Menschen, die der Meinung sind: viel zu wohl. Denn das, womit sich das Schwarzwild den Bauch vollschlägt, hat einst der Bauer gesät. Er hat es gedüngt und gepflegt. Und er findet, dass er ein Recht hat, am Ende etwas zu ernten. Was man verstehen kann.

Dieser Streit um das Wildschwein ist alt. Neu ist, mit welcher Vehemenz er gerade jetzt geführt wird. Grund dafür sind nicht durchwühlte Äcker, es ist eine Seuche. Sie könnte jeden Moment die deutsche Grenze von Osten her überqueren. Sie wird ein wenig lieblos abgekürzt mit den drei Buchstaben ASP – furchterregender ist sie, wenn sie ausgeschrieben wird: Afrikanische Schweinepest.

Die Seuche ist der Grund, warum Europa so heftig wie schon lange nicht mehr über das Wildschwein streitet, warum Tabus gebrochen, Forderungen aufgestellt und Notfallhandbücher geschrieben werden. Es gibt eine Menge Menschen, die Angst vor dem haben, was passieren wird, wenn die Afrikanische Schweinepest erst einmal in Deutschland angekommen ist. Und es gibt Menschen, die versuchen, diese Angst zu instrumentalisieren und ihre Ziele durchzusetzen, unabhängig von der Seuche, nur scheinbar mir ihr verknüpft.

Das ASP-Virus tötet in Europa nahezu jedes Schwein, das sich infiziert hat, und zwar binnen weniger Tage. Weil das so ist, wird seit ein paar Monaten zur massenhaften Jagd auf Wildschweine geblasen – allerdings nur sprichwörtlich, das Jagdhornwesen ist in Deutschland auf dem Rückzug.

Robert Hagemann ist da eine Ausnahme, seit ein paar Monaten lernt er Jagdhorn spielen, zusammen mit zwei seiner Söhne. Er lebt in der Prignitz, im Nordwesten Brandenburgs, in einem Dörfchen namens Bullendorf. Sein Hof liegt im Nachbarort Kuhsdorf, und er kommt nicht so oft zum Üben, wie er eigentlich sollte. Hagemann hat im Moment viel zu tun. Er mästet etwa 8.500 Schweine, bewirtschaftet 350 Hektar, baut gerade eine neue Futtermittelmischanlage, hat 25 Angestellte, und vor ein paar Wochen brannte eine Scheune komplett aus. Brandstiftung, Schaden im siebenstelligen Bereich, die Versicherung will nicht zahlen. Und jetzt will auch noch ein Reporter mit ihm auf die Jagd gehen.

"Ich mache das nur Ihnen zuliebe", sagt Hagemann und zieht sich die gefütterten Stiefel über. Es ist eine Nacht Anfang Februar, der Mond scheint hell hinter dünnen Wolken. Schweinesonne, wie die Jäger sagen, weil sie dann genug sehen können, um den Tieren nachzustellen. Wildschweine gelten als klug und anpassungsfähig – und sind in manchen Teilen Deutschlands eine Plage.

Jäger wie Robert Hagemann sollen es richten mit der Afrikanischen Schweinepest. Die Überlegung ist: Dünnt man die hohen Wildschweinbestände nur weit genug aus, kann sich das Virus nicht weiter verbreiten, und Deutschland bleibt von der ASP verschont. Dass es kaum einen seriösen Experten gibt, der dieses Szenario für wahrscheinlich hält: geschenkt. Die Frage sei nicht, ob die ASP die Grenze überqueren wird. Die Frage sei, wann. Denn auf den wahrscheinlichsten Übertragungsweg haben die Jäger keinen Einfluss.

Wie die Seuche nach Europa kam

Gemeldete Fälle der Afrikanischen Schweinepest bei Wild- und Hausschweinen seit 2007

Quelle: Statistisches Bundesamt; Thünen-Institut für Marktanalyse; Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung; Agrarmarkt Informations-Gesellschaft; Friedrich-Loeffler-Institut © ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki; Recherche: Florian Schumann

350 Kilometer ist das Virus momentan noch von der deutschen Grenze entfernt. Zuletzt machte es im Sommer einen Sprung über mehrere Hundert Kilometer ins tschechische Zlín. So weit läuft kein Schwein. Schon gar nicht, wenn es mit einer tödlichen Seuche infiziert ist.

Der Überträger war also jemand anders: der Mensch. Wahrscheinlich versteckte sich das Virus in einem Stück Rohwurst – hergestellt aus einem erkrankten Schwein, auf eine Stulle mit Butter gelegt, nicht ganz aufgegessen, achtlos aus dem Autofenster geworfen, von einem Wildschwein gefunden und gefressen.