Mark, 41 Jahre, blaue Augen, weint, als er seine beiden Söhne zum letzten Mal sieht. "Heuschnupfen", lügt er. "Nicht", sagt der Jüngste und kriecht auf den Schoß des Vaters. Am nächsten Tag kommt die Ärztin. Sie trägt ein schwarzes Kleid und Turnschuhe. So schildert es Marks Bruder, ein Journalist, später in einem Beitrag für das niederländische Magazin "Linda". Die Ärztin erklärt den Ablauf: Die erste Spritze enthält eine Kochsalzlösung. Die zweite ein Schlafmittel. Die dritte wird Marks Herz stoppen. "Mark, wir rauchen noch eine?", fragt sein Bruder. "Nein, ich werde jetzt sterben", sagt Mark Langedijk und legt sich ins Bett. "Bist du dir hundertprozentig sicher, dass du das willst?", fragt die Ärztin. "Ja", sagt Mark. Er hat 21 Entzugsprogramme durchlaufen. 21-mal ist er gescheitert. Dr. Marijke drückt die erste Spritze leer. Dr. Marijke drückt die zweite Spritze leer. Dr. Marijke drückt die dritte Spritze leer. Mark stirbt, weil er Alkoholiker ist.

So weit ist es in den Niederlanden also gekommen mit dem Wunsch nach einem würdevollen Tod. Längst ist die aktive Sterbehilfe dort nicht nur Menschen vorbehalten, die terminal krank sind. Auch jedes nicht tödliche Leiden kann sofort beendet werden. Es muss nur als unerträglich diagnostiziert werden. Demenzkranke lassen sich töten, Depressive, Menschen mit Borderline-Störung, Behinderte. So steht es in den Berichten der Regionalen Kommissionen zur Sterbehilfe-Kontrolle (RTE).

Sterbehilfe begann vor 40 Jahren in den Niederlanden als Bewegung für mehr Selbstbestimmung von Patienten – doch inzwischen steht das Land vor einer Frage, die zugespitzt lauten könnte: Treibt mehr Individualismus beim Sterben eine Gesellschaft in einen kollektiven Flirt mit dem Suizid?

Die Zahlen sind drastisch: Zwischen 2012 und 2016 stieg die Zahl der Sterbehilfe-Fälle in den Niederlanden um 31 Prozent. Allein 2017 gingen 38 Prozent mehr Anfragen in den sogenannten Lebensende-Kliniken ein, wie ein aktueller Bericht zeigt. 2015 wählten 5516 Menschen in dem Land den Tod durch eine Injektion. 2016 waren es bereits 6091. Das sind vier Prozent aller Sterbefälle in den Niederlanden. Diese Zahlen stammen aus einem Bericht der Regionalen Kommissionen zur Sterbehilfe-Kontrolle. "Die Sterbehilfe wird immer mehr zu einer normalen, präferierten Todesart", sagt der niederländische Theologe und Ethikprofessor Theo Boer im Gespräch mit Christ&Welt. "Wir haben diese Entwicklung nicht kommen sehen, als wir die Sterbehilfe 2002 legalisiert haben." Theo Boer war fast zehn Jahre Mitglied einer Kontrollkommission für Sterbehilfe und hat 4.000 Fälle begutachtet. Als er vor drei Jahren zurückgetreten sei, habe er eine "riesige Erleichterung" gespürt, sagt er. "Die Situation gerät außer Kontrolle. Manchmal glaube ich, dass eine Todessucht die Niederlande befallen hat."

Auch der niederländische Journalist Gerbert van Loenen sieht die Entwicklung mit Sorge. Er hat 2014 ein viel beachtetes Buch darüber geschrieben. "Nur eine kleine Minderheit niederländischer Ärzte steht der Sterbehilfe skeptisch gegenüber", sagt er im Gespräch mit Christ&Welt. Autonomie habe in den Niederlanden seit jeher einen hohen Stellenwert. "Für die Niederländer ist die Sterbehilfe das, was für die Deutschen die Autobahnen sind – sie sind stolz darauf." Die Bevölkerung sei "hellauf begeistert" davon. Das Thema werde öffentlich kaum diskutiert. "Es ist völlig entpolitisiert."

Auch in Deutschland befürwortet eine große Mehrheit die aktive Sterbehilfe, wie 2014 eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag von ZEIT Online zeigte. Nur 21 Prozent der Deutschen lehnen sie ab. Allerdings ist die geschäftsmäßige Sterbehilfe hierzulande seit 2015 verboten. "Die offiziellen Stellen sind in Deutschland bei dem Thema sehr vorsichtig", sagt Gerbert van Loenen. "Sie haben allen Grund dazu, wenn man sich die Entwicklung in den Niederlanden anschaut."

Nirgendwo sonst in Europa sind die Gesetze so liberal wie in den Benelux-Ländern. In Belgien will sogar ein katholischer Orden die aktive Sterbehilfe in seinen Kliniken erlauben, wie Christ&Welt unlängst berichtete. Vor einigen Wochen beklagte Papst Franziskus, dass die Nachfrage nach aktiver Sterbehilfe in vielen Ländern zunehme. Sie sei eine "ideologische Bestätigung des Machtwillens des Menschen über das Leben".

Doch was genau bedeutet die Sterbehilfe eigentlich? In der Debatte wird zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe unterschieden. Passive Sterbehilfe meint, dass der Arzt auf Wunsch des Patienten eine Behandlung unterlässt oder abbricht. Dieses Vorgehen ist in Deutschland erlaubt. Aktive Sterbehilfe bedeutet hingegen, dass der Arzt den Patienten auf dessen Wunsch hin tötet. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. In den Niederlanden ist sie straffrei.

Folgende Kriterien müssen dafür unter anderem erfüllt sein. Der Patient muss unerträglich leiden. Alle Behandlungsmethoden müssen ausgeschöpft sein. Ein zweiter Arzt muss den Patienten beraten haben. Und: Der Patient muss die Sterbehilfe selbst verfügen.