Ernst klingt sie und fast schon beunruhigend ruhig. Eigentlich müsste Andrea Nahles jetzt schunkelnd an der Schnapsbar in ihrem Heimatort Weiler stehen. Stattdessen sitzt sie im Auto, das sie zum Flugzeug nach Berlin bringt. Die Stimme ist belegt. Das kann an der Telefonleitung liegen oder an der Aufgabe, die nun auf sie zukommt. Erkältet ist sie auch. "Es wird ja nicht besser", sagt Nahles, und es bleibt offen, was genau sie meint.

Sie weiß, dass vor ihr ein Tag liegt, der ihr Leben verändern wird. Nahles soll Parteivorsitzende der SPD werden, die 15. in der Nachkriegsgeschichte ihrer Partei (wenn man Franz Müntefering nur einmal zählt), die siebte seit Gerhard Schröder, die erste Frau. Auf ihr ruht nun die Hoffnung der ältesten Partei und mehr als das. Denn die Krise der SPD ist längst nicht mehr nur das Problem einer einzelnen Partei.

Der Karneval geht allerdings erst so richtig los, als Nahles in Berlin ankommt. Noch bevor der Parteivorstand sie nominiert hat, beantragt die Parteilinke eine Urwahl. Die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange will gegen Nahles antreten und ermuntert alle, ihrem Beispiel zu folgen. Der Berliner Landesverband bemängelt Verfahrensfehler, im Willy-Brandt-Haus treffen sich Vorstand und Präsidium zu Sondersitzungen.

Das Ganze findet statt, nachdem die SPD in sieben Tagen den von ihr gehaltenen Rekord im Selbstversenken getoppt hat: erst mit der Ressortverteilung im neuen Kabinett einen Überraschungscoup gelandet und schwere Unruhe in der CDU ausgelöst, um danach Martin Schulz zunächst als Parteichef und dann als Außenminister abzusägen. Nun ist die Unruhe wieder bei der SPD.

Man weiß also nicht, ob man einer neuen Vorsitzenden gratulieren oder kondolieren soll oder vor allem wünschen, dass da alle heil wieder rauskommen. Denn nie war die Gefahr, dass es die SPD zerlegt, wirklich und endgültig, so groß wie derzeit. Seit der Bundestagswahl sind die Kosten des Scheiterns einer Regierungsbildung geradezu explodiert. Neuwahlen wären jetzt nicht nur misslich, sie wären gefährlich. Das Schlimmste wäre jetzt nicht mehr, dass noch mal dasselbe Ergebnis herauskommt wie im vergangenen September, sondern dass gar keine Regierungsbündnisse mehr zustande kommen – und keine Volksparteien übrig bleiben.

Über Andrea Nahles ist viel gesagt und geschrieben worden. Eine Boxerin sei sie, der einzig echte Kerl in der Regierung. Nahles fand das gewöhnungsbedürftig. Das letzte Porträt über sich hat sie 2013 gelesen, sie hält das nicht aus. Stattdessen lässt sie lesen und sich dann sagen, ob es schlimm war oder ganz okay. Seit klar ist, dass sie an die Spitze der SPD aufsteigen wird, sehen viele sie als eine kühl und machiavellistisch agierende Machtpolitikerin, die nun einen weiteren Mann aus dem Weg geräumt habe.

Abgesehen davon, dass man das letztgenannte Verhalten ganz gut von einer anderen Frau kennt, ist die Frage eher: Warum hat sie so lange gezögert? Denn es war ja schon länger klar, dass es nicht so richtig rundläuft in der SPD, und Andrea Nahles hat das seit Langem gesehen. Sie stöhnte im Imperfekt über einen Wahlkampf, in dem die meistgestellte Frage war: Warum schafft ihr es nicht, Wechselstimmung zu erzeugen? Schon damals war Nahles bewusst, dass sich in ihrer Partei einiges ändern müsste und dass alles mit Macht auf sie zulief.