Atomwaffen sind eine verdrängte Wirklichkeit. Und alles Verdrängte kommt irgendwann wieder. Mit dem Ende des Kalten Krieges schwand auch die Angst vor einem Atomkrieg. Doch jetzt ist die Angst zurückgekehrt. Das Schlimme ist: Sie ist berechtigt.

Im August 2017 gaben die Behörden in Japan Großalarm, die Bürger flohen in Schutzräume. Eine nordkoreanische Rakete war über die Insel Hokkaido hinweggerast.

Mitte Januar 2018 hielt die amerikanische Seuchenschutzbehörde einen Workshop für Ärzte und Regierungsangestellte ab, die lernen sollten, was sie bei einer nuklearen Detonation tun können.

Ein paar Tage zuvor war in Hawaii Panik ausgebrochen: An einem friedlichen Samstagmorgen, kurz nach acht Uhr, gaben auf den Inseln mitten im Pazifik plötzlich alle Mobiltelefone Signal. Eine "Notfallwarnung" erschien auf den Displays: "Ballistische Raketen im Anflug auf Hawaii. Suchen Sie sofort Schutz. Dies ist keine Übung." Alles in Großbuchstaben.

Auf Honolulus Stadtautobahnen sprangen die Leute aus ihren Autos, rannten in die nächstgelegenen Gebäude. Touristen stolperten die Treppen der Hotels hinab, auf der Suche nach einem sicheren Ort im Keller. Mütter verabschiedeten sich am Telefon unter Tränen von ihren Kindern. Sie hatten ja nur noch 15 Minuten zu leben, glaubten sie.

Einige Wochen zuvor hatte man auf Hawaii wieder begonnen, Sirenen zu testen, die seit dem Ende des Kalten Krieges geschwiegen hatten. Die Spannungen zwischen Nordkorea und der westlichen Welt waren eskaliert. Über dem Pazifik testete Diktator Kim Jong Un Interkontinentalraketen, mit denen er auch das amerikanische Festland hätte erreichen können – und die demnächst wohl mit Atomsprengköpfen ausgestattet werden können. US-Präsident Donald Trump drohte daraufhin mit der "völligen Zerstörung" Nordkoreas.

Die hawaiianischen Behörden gaben nach 38 Minuten Entwarnung – ein Mitarbeiter des Zivilschutzes habe sich lediglich mit der Computermaus verklickt. Vor fünf Jahren noch wäre nach einem solchen Fehler wohl keine Panik ausgebrochen. Doch heute ist die Gefahr in den Köpfen der Menschen präsent.

Die Massenvernichtung

Vier unmittelbare Wirkungen hat die Detonation einer Atomwaffe:

Erstens den Feuerball. Er erhitzt die unter ihm liegende Fläche auf etwa 7.000 Grad Celsius. Alles Leben im nahen Umkreis verdampft. Noch in mehreren Kilometern Entfernung – je nach Stärke des Sprengkopfes – kommt es zu tödlichen Verbrennungen.

Zweitens die Druckwelle. Die Explosion jagt heißes Gas in Überschallgeschwindigkeit über den Boden, Gebäude stürzen ein, Menschen fliegen durch die Luft, ihre Knochen brechen, die inneren Organe reißen.

Drittens den Feuersturm. Die Hitze entzündet alles, was brennbar und noch nicht verdampft ist. Die Druckwelle und die ihr folgenden Stürme treiben den Brand voran. Der Feuersturm schluckt Sauerstoff und raubt den Menschen die Luft zum Atmen.

Viertens die radioaktive Strahlung. In den Tagen, Wochen und Monaten nach dem Angriff fallen viele Überlebende der quälenden, oft tödlichen Strahlenkrankheit zum Opfer. Die anderen leben mit dem hohen Risiko weiter, an Krebs, etwa Leukämie, zu erkranken.

Kommt es auch nur zu einer einzigen Atomexplosion in dicht besiedeltem Gebiet, brauchen Zehntausende unmittelbare Hilfe. Doch die Infrastruktur ist dann zerstört. Straßen sind durch Trümmer und Feuer blockiert. Es gibt keinen Strom mehr (siehe den Text auf der gegenüberliegenden Seite). Studien des Internationalen Roten Kreuzes zufolge wären fast alle Bemühungen von Rettungsorganisationen vergebens.

Als am 6. August 1945 eine Atombombe der Stärke 13 kT – entsprechend 13.000 Tonnen des Sprengstoffs TNT – über Hiroshima explodierte, starben in kürzester Zeit etwa 80.000 Menschen, unter ihnen fast alle Ärzte, Krankenschwestern und Apotheker der Stadt. Die Steinwüste erstreckte sich über 13 Quadratkilometer.