Die SPD sucht einen Außenminister. Der Bewerber oder die Bewerberin muss persönliche Autorität mitbringen, geschickt im Umgang mit Menschen und schlagfertig sein. Er/sie soll die Welt kennen, schnell lernen können, dabei aber einen klaren inneren Kompass haben und mindestens Englisch, am besten mehrere Fremdsprachen sprechen. Bewerbungen nimmt nicht die Personalabteilung des Auswärtigen Amts entgegen, sondern die SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles.

Auf wen passt dieses Anforderungsprofil? Das fragen sich derzeit nicht nur Nahles und die SPD-Spitze, die das am Ende entscheiden werden, sondern das ganze Land fragt sich das. Denn nach dem Verzicht von Martin Schulz auf das Auswärtige Amt vergangene Woche und Sigmar Gabriels verrutschter Interview-Attacke auf Schulz ist ein Kandidat weg und der Amtsinhaber wird von der eigenen Partei infrage gestellt.

Das ist neu für Deutschland. Bisher kam der Außenminister von ganz oben. Oft griff der Parteichef selbst zu, oder es wurde einer, der in der Regierung zuvor schon an zentraler Stelle saß, wie Frank-Walter Steinmeier. Im gegenwärtigen Personalhurrikan der SPD ist die Lösung von oben nicht mehr möglich. Doch hat die SPD durchaus Leute, die es könnten.

Die Fachleute zum Beispiel. Niels Annen, außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, ist schon so lange Nachwuchspolitiker, dass er sich längst auch für höhere Ämter empfiehlt. Er studierte in Washington internationale Politik und leitete Delegationen von Abgeordneten in schwierige Regionen, nach Afghanistan, in den Iran. In Teheran diskutierte er einmal mit Diplomaten, die für ihr Land volle Handlungsfreiheit reklamierten, aber Europa Übergriffigkeit vorhielten. Annen war im diplomatischen Nahkampf voller Detailkenntnis, parierte Einwände, überzeugte mit eigenen Argumenten.

Wenn Annen ein Problem hatte, war es die Tatsache, dass die Iraner in ihm nicht sofort den Chef der Delegation identifizierten. Das lag vielleicht auch daran, dass es dem 44-jährigen Annen an der Schulterbreite fehlt, die ein Gabriel schon ausspielt, wenn er aus dem Dienstauto steigt – und alle raunen: "Ah, der Minister kommt." Solche Sekundärqualitäten braucht man manchmal in Hauptstädten mit starkem Gegenwind, Moskau, Teheran, Peking. Damit zum Beispiel der russische Amtskollege Sergej Lawrow einen nicht gleich beiseitedrückt. Kann man das lernen?

Dieselbe Frage stellte sich auch bei Rolf Mützenich, dem stellvertretenden SPD-Fraktionschef für Äußeres. Er kennt sich ebenfalls bestens in vielen Weltregionen aus, hat Erfahrung, schreibt und spricht klug über Außenpolitik. Doch oft sind es in der Politik nicht die Fachleute, die ein Ministeramt übernehmen.

Ginge es nach der Schwergewichtsklasse allein, müsste eigentlich Gabriel im Auswärtigen Amt bleiben. Andrea Nahles hätte allerdings nicht Martin Schulz den Weg dorthin geöffnet, wenn sie Gabriel hätte halten wollen. Der amtierende Chef der Diplomaten ist in der Partei wegen seiner undiplomatischen Art unbeliebt. Gibt es überhaupt Ersatz in dieser Gewichtsklasse?