Noch herrscht Dieter Kosslick über die Berlinale, gewissermaßen als oberster Ranger des internationalen Filmreservats, das sich mit seinen Schaugehegen und Biotopen, seltenen Kräutern und Unkräutern einmal im Jahr über die deutsche Hauptstadt ausbreitet. Aber schon wird gefragt, wer ihm in zwei Jahren nachfolgen soll, und leider wird auch gefragt, ob dieser Nachfolger nicht das Dickicht lichten, Totholz und Wildwuchs beseitigen müsse. Unselige Ordnungsfantasien! Wer gab wem den Gedanken ein, die Berliner Filmfestspiele, die als struppiger Wildpark des Kinos seit Jahrzehnten existieren, müssten sich in einen geometrischen Garten verwandeln, in dem nur noch wenige, streng beschnittene Attraktionen das Bedürfnis nach Highlights bedienen?

Wir wissen es nur allzu gut. Es sind einige unberatene Künstler, die meinen, dass der Wildwuchs, die Vielzahl der Reihen, Sektionen und Sonderschauen, die freie Sicht auf die Meisterwerke behindert. Aber wer, um Himmels willen, hat ihnen die Gewissheit eingegeben, dass ausgerechnet sie von dem Rückschnitt profitieren würden und dass sich wirkliche Meisterwerke am Ende der neuen Sichtachsen platzieren ließen? Die großen internationalen Filmfestivals befinden sich in einem harten Wettbewerb um die wenigen Genieproduktionen eines Jahres, und man hat die Berlinale vor Zeiten eigens von ihrem attraktiven Sommertermin in den Februar verlegt, um aus dem direkten Konkurrenzschatten von Cannes und Venedig heraustreten zu können. Kein Berliner, der sich noch an flanierende Stars auf dem sommerlichen Kurfürstendamm erinnert, wird den bitteren Schritt je verzeihen.

Und so notwendig die Verlegung, so unsicher doch ihr Ertrag. Es blieb ein ewiges Gerangel um die knappen Glamourproduktionen und internationalen Großstars. Keine Berlinale, bei der nicht die regionalen Medien und überregionalen Galamagazine ihr Quengellied anstimmten: zu wenig Glanz, zu wenige Hollywoodgesichter, mit anderen Worten, zu wenig zu fressen für die Klatschmäuler. Aber für das Publikum, für die wirklich Kinobesessenen gab es gerade durch die Sektionen um den Wettbewerb herum, gerade durch Panorama und Forum und Retrospektive, immer genug, abergenug zu sehen. Das Dickicht, die Überfülle – das ist der Großstadtdschungel, das ist Berlin. Das unterscheidet die Berlinale von der hysterischen Übersichtlichkeit der Kleinstädte Cannes und Venedig.

Will man diesen Vorteil, den Asphaltvorteil der Metropole sozusagen, leichtfertig aufgeben? Im Tausch gegen die unsichere Aussicht auf einen glanzvolleren Mittelpunkt? Und wenn dort gar nichts glänzt? Und selbst wenn es dort nur so strahlen und funkeln sollte – man muss sich ja dem Defätismus nicht ergeben –, wäre es nicht noch glanzvoller, wenn die prächtigen Roben auf dem roten Teppich noch eine prächtige Schleppe von blühenden Unkräutern hinter sich herzögen, mit einem leuchtenden Saum in den Tiefen der Stadt?

Die Kritiker der Berlinale, recht eigentlich sind es ihre Neider, sagen: Weniger ist mehr. Das stimmt aber nicht. Nur mehr ist wirklich mehr. Weniger ist einfach weniger und auf jeden Fall zu wenig für Berlin, die einzige wirkliche Großstadt, die Deutschland hat. Warum ist es die einzige Großstadt? Nun, gerade wegen ihres Wildwuchses, ihrer Unübersichtlichkeit, der Unmöglichkeit, zu irgendeinem Zeitpunkt anzugeben, was jetzt das große, alleinige beherrschende Thema sei. Es gibt das eine Thema nie, und es gibt vor allem das eine beherrschende Milieu nicht, welches ein solches Thema diktieren könnte. Das ist es, was die Kritiker Kosslicks ärgert, die sich von ihrem provinziellen Anspruch nicht lösen können, zu diktieren und zu dominieren. Sie scheitern mit ihrem Verständnis der Berlinale, weil sie schon mit ihrem Verständnis Berlins scheitern. Man sollte ihnen nicht entgegenkommen, indem man die Filmfestspiele zurückstutzt auf etwas, was dem autoritären Kleinstadtcharakter und seinen Herrschaftsfantasien entgegenkommt.